Kulturtipps für Sofahausen

Lockdown

Here we go again: Bis mindestens Ende November hocken wir erneut hauptsächlich zuhause. Ich hab deswegen ein paar Blogger*innen nach ihren (Kultur-)Tipps für den Lockdown gefragt!

Als Mitte März zum ersten Mal die Theater, Museen und Kinos – neben vielem anderen – schließen mussten, war ich spontan etwas überwältigt: Aus allen Ecken des Internets sprangen mir plötzlich Live-Streams von Literaturlesungen oder Wohnzimmerkonzerten, Aufnahmen von Opernaufführungen und Theaterstücken und virtuelle Museumsrundgänge entgegen. Ganz zu schweigen von dem absolut unübersichtlichen Angebot der Mediatheken und von kostenpflichtigen Plattformen. So vieles, was man sich anschauen oder anhören könnte! Nachdem ich nach einigen Jahren in Berlin das berühmte „FOMO“ endlich abgelegt hatte, befiel mich auf einmal die „FOMOO“: „Fear of Missing Out Online“. Puuh.

Damit ich während des zweiten Lockdowns nicht wieder ins Schwitzen komme, habe ich ein paar Menschen aus der Blogosphäre gebeten, mir ihre Kulturtipps zu verraten: In welchem Buch kann man so richtig versinken? Welche Serie oder welcher Film ermöglicht es, sich mal aus dem Weltgeschehen auszuklinken, welcher Podcast fasziniert sie, welche Musik eignet sich zum Abtauchen? Geantwortet haben Alexandra von The Read Pack, Britta von Brittasbookstagram, Katharina von Die lesende Käthe, der Kaffeehaussitzer Uwe und Marius von Buch-Haltung – am Ende verrate ich euch auch noch meine Favoriten für den Herbst und Winter auf Sofahausen. Und nach wie vor findet ihr hier die passende Literatur, die sich mit dem Thema „Social Distancing“ beschäftigt.

Also kocht euch einen Kaffee oder brüht euch eine Tasse Tee auf und dann kuschelt euch in die Kissen! Viel Spaß mit unseren:

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Britta von Brittasbookstagram tanzt beim Kochen:

Musik: Für die gute Laune am Morgen (oder beim Putzen oder Kochen oder Durch-die-Wohnung-Tanzen, weil man das eh nicht oft genug machen kann – haben wir ja schon bei Grey’s Anatomy gelernt) empfehle ich auch zehn Jahre nach Erscheinen immer noch das Album Head First von Goldfrapp (vor allem „Believer“ und „Rocket“ 😉, glaubt’s mir).

Serie: Für die Ablenkung am Abend hat mir letztens erst wunderbar die Serie How to Get Away with Murder geholfen. Es geht doch nichts über ein wenig überzogenes US-amerikanisches Fernsehen mit guten Dialogen (und damit meine ich nicht CNN während der Wahl!). Selten habe ich so oft gedacht, wie friedlich meine Unizeit doch im Vergleich war – und wie sortiert mein Leben.

Buch: Wer sich jedoch lieber gerne ganz aus dem 20./21. Jahrhundert zoomen möchte, dem sei Neal Stephensons Baroque-Cycle-Trilogie empfohlen (in der Übersetzung von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stangl hier in Deutschland erschienen). In den drei fantastisch, aber nicht ganz einfach zu lesenden Bänden Quicksilver, The Confusion und The System of the World lernen wir zusammen mit dem Puritaner Daniel Waterhouse auf rund 3.000 Seiten alle wichtigen Philosophen, Politiker und Denker der Barockzeit in Europa kennen – und kriegen zusätzlich noch die coolste Spionin aller Zeiten vorgestellt.


Marius von Buch-Haltung vertreibt sich die Zeit gerne mit einem Puzzle:

Puzzle: Wenn der Shutdown im März und der jetzige „Lockdown Light“ eine Beschäftigungsform zur Renaissance verholfen haben, dann wohl dem Puzzle. Die Exit Puzzle von Ravensburger kombinieren in verschiedenen Schwierigkeitsgraden ein 759-Teile-Puzzle mit zahlreichen Rätseln, die sich dann im Bild verstecken. Das ist clever gemacht und bereitet doch erstaunlich viel Freude, wenn dann wieder ein Abschnitt fertig gepuzzelt ist. Nur eine Lampe sollte man sich vielleicht dazustellen, wenn es abends jetzt wieder so schnell dunkel wird.

Serie: Selbstfahrende Autos, bei denen doch ein Fehler im System vorliegen könnte. Ein zerstrittener Familienclan und mittendrin eine junge Aktivistin und eine ambitionierte Firmenanwältin. Die ZDF-Neo Serie Breaking Even ist nahe dran an der Gegenwart und überzeugt durch ein gutes Drehbuch und einen ebenso guten Cast. Und mit gerade einmal sechs Folgen ist sie auch nicht überlang, sondern genau richtig bemessen. Gibt’s gerade in der ZDF Mediathek.

Buch: Lockdown light, kein abendliches Fortgehen – da bleibt Zeit zum Lesen. Und warum nicht mal ein echter Klassiker? Alexandre Dumas Schwergewicht Der Graf von Monte Christo besitzt auch heute noch eine geradezu filmische Qualität. Rom, Paris, das Chateau d’If sind Schauplätze dieser Geschichte, die von Liebe, Rache und einem finsteren Komplott erzählt. Beste Couchlektüre, die sich aufgrund der Laufzeit von über 1400 Seiten auch nicht so schnell erschöpft.

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Alexandra von The Read Pack geht auf Fotospaziergang:

Fotografie: Wem der 293. Spaziergang mittlerweile viel zu langweilig geworden ist, dem empfehle ich kleine Fototouren mit den Fotokarten von Inspiracles. Statt ziellosem “hin und her laufen” geht man mit wachen Augen auf die Suche (okay, manchmal ist es eine Jagd) nach einem bestimmten Motiv. Die Aufgaben und Ideen auf den Karten sind abwechslungsreich und motivieren mich immer wieder Neues auszuprobieren.

Hörbücher: Während der Corona-Pandemie habe ich Podcasts und Hörbücher noch stärker für mich entdeckt. Im Moment höre ich “Raabe & Kampf”, den Podcast von Melanie Raabe und Laura Kampf. In diesem Podcast sprechen die beiden Künstlerinnen über Herausforderungen, Inspirationen, Disziplin und vieles mehr, was wichtig für kreative Menschen ist, aber auch allen anderen spannende Impulse geben kann.

Buch: Ich wäre keine Literaturbloggerin, wenn ich nicht auch noch ein Buch empfehlen würde. Im Moment darf es gern mal etwas leichteres sein, die Welt ist bedrückend genug. Mir hat zum Beispiel Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker richtig Spaß gemacht. Aber auch Die Gespenster von Demmin von Verena Kessler hat mich toll unterhalten, obwohl die Thematik eigentlich deutlich düsterer klingt.

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Der Kaffeehaussitzer Uwe lenkt sich mit dem englischen Adel ab:

Buch: Kürzlich wurde ich auf einen Roman, auf einen Krimi aufmerksam gemacht, in dem es um das Coronavirus gehe solle. Was für eine grauenhafte Vorstellung, seine Leselebenszeit damit zu verschwenden; mir genügt schon die Dauerpräsenz der Pandemie in der Realität. Stattdessen neige ich viel lieber zum Eskapismus. Während des ersten Lockdowns im März habe ich die drei Bände der Tudor-Trilogie von Hilary Mantel gelesen: Wölfe, Falken und Spiegel und Licht, damals gerade neu erschienen. Nur selten zuvor wurde ich so tief hinein in eine andere Zeit und in ein anderes Leben gezogen wie durch diese drei Bände, die auf 2.308 Seiten das Leben Thomas Cromwells und die Jahre 1527 bis 1540 schildern. Jahre, die England prägten bis heute. Es ist schwierig, die Romane zu beschreiben, ohne zu übertreiben. Vielleicht so: Ein epochales Meisterwerk.

Buch II: Ein weiteres Buch, das mich durch die erste Coronazeit begleitet hat, ist Ein Lied für die Vermissten von Pierre Jarawan. Eigentlich hat es mich in den Ausnahmezustand hineinbegleitet, denn nur wenige Tage, bevor alle Geschäfte schließen mussten, hatte ich den Autor in einer Kölner Buchhandlung live erlebt. In seinem Buch geht es um den Bürgerkrieg im Libanon, der von 1975 bis 1990 dauerte und der eine ganze Generation nichts anderes kennenlernen ließ, als Gewalt, Tod und willkürliche Brutalität. Die Wunden sind bis heute nicht vernarbt und Pierre Jarawan sprach voller Leidenschaft davon, wie sehr die Angehörigen der vielen Vermissten bis heute darunter leiden, keine Gewissheit darüber zu haben, was mit ihren Männern, Frauen, Söhnen oder Töchtern geschehen ist – jenen Vermissten, an die er mit seinem Buch erinnert. Ein Mahnmal aus Papier und eine große Leseempfehlung.

Serie: Normalerweise schaue ich nie eine Serie an. Und wenn, dann steige ich spätestens in der zweiten Staffel aus, weil ich mich die ständigen Cliffhanger zu langweilen beginnen. Doch eine Ausnahme gibt es: Die 52 Folgen von Downton Abbey sind für mich ganz großes Kino. Die schicksalhaften Erlebnisse einer englischen Upperclass-Familie und ihrer Dienerschaft spiegeln die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wider. Grandiose Charaktere, eine wunderbare Besetzung, perfekte Ausstattung, theatralisch-pointierte Dialoge – darüber kann ich die Realität fast vollkommen vergessen. Und alleine wegen der grandiosen Maggie Smith lohnt sich die Serie allemal.



Die lesende Käthe
lässt Schafe ermitteln:

Buch: Was man dieser Tage vor allem benötigt, ist ein wenig Heiterkeit. Mein Tipp für den Lockdown ist daher Leonie Swanns Glennkill, kein aktueller Titel zwar, aber immer wieder lesenswert, und am besten liest man die Fortsetzung Garou gleich hinterher. Zwei vergnügliche, warmherzige Bücher voller Wortwitz.

Hörbuch: Außerdem bieten Hörbücher Eskapismus par excellence, man könnte sich zum Beispiel vom unvergleichlichen Harry Rowohlt auf Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson entführen lassen oder vom nicht minder kongenialen Vorleser Dirk Bach in Die Stadt der träumenden Bücher. Beides Geschichten, bei denen man wunderbar in aufregende Abenteuer abtauchen kann und wo das Gute am Ende natürlich siegt.

Puzzle: Hörbücher gehen im Übrigen erfahrungsgemäß hervorragend mit Puzzeln zusammen! Ein Puzzle, auf das ich selber schon länger ein Auge geworfen habe, ist The World of Shakespeare, das einen ins London zu Zeiten des berühmtesten Dichtersohns Englands versetzt. Wer lieber eine richtig harte Nuss knacken möchte, der kann sich ja an die Impossible Puzzle von Clementoni wagen.

Lockdown

Und Fräulein Julia? Die hat Hörspiele für sich entdeckt:

Podcast: Melissa Harrisson ist nature writer und lebt in einem kleinen Cottage in Südengland. Während des ersten Lockdowns hat sie den Podcast The Stubborn Light of Things aufgenommen, der sie durch Felder und Wälder zu Tieren und Pflanzen ihrer Umgebung führt. Absolut beruhigende Aufnahmen und Beobachtungen – nicht nur für all jene, die mitten in der Großstadt wohnen. Hauptsächlich um Tiere dreht sich dagegen der Podcast Beats & Bones, den das Berliner Museum für Naturkunde regelmäßig aufnimmt.

Hörspiele: Für gewöhnlich fehlt mir im „normalen“ Alltag die Zeit für Hörspiele (oder ich nehme sie mir nicht?). Doch im ersten Lockdown habe ich die „Hörspielspeicher“ der öffentlich-rechtlichen Radiosender für mich entdeckt: Unter anderem gibt es dort Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafon, Erinnerungen eines Mädchens von Annie Ernaux, Menschen im Hotel von Vicky Baum oder Emily Brontës Klassiker Sturmhöhe zu entdecken – letzteren in ganzen 32 Folgen.

Serie: Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, aber: Die BBC-Serie Sherlock hatte ich bis zu diesem Herbst tatsächlich nicht gesehen. Dabei bin ich nicht nur großer Fan von BBC-Serien im Allgemeinen, sondern auch von allen möglichen Adaptionen des hyperintelligenten Detektivs Sherlock Holmes im Speziellen. Die vier Staffeln habe ich dementsprechend fast in einem Rutsch durchgeschaut. Und dabei Benedict Cumberbatch angeschmachtet…


Wie vertreibt ihr euch die Zeit während des Lockdowns?
Ich freu mich über weitere Kulturtipps in den Kommentaren!


 

Foto oben: Laura Chouette auf Unsplash // Collagen: Fräulein Julia

3 Kommentare

  1. Ich bemerke, dass ich auch mehr Musik höre, am Abend nach der Arbeit heißt es Kopfhörer auf und ab aufs Sofa. Vorwiegend Jazz, schöne Filmmusik oder die Lieblingssongs meiner Lieblingssänger*innen. Werde wohl langsam den Weg zu Podcasts finden und lese nun auch parallel (Sachbuch neben Belletristik), was ich früher nie getan habe. Als dicken Wälzer empfehle ich „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad. Negativ: Vergeude oft Zeit im Internet oder in diversen Social-Media-Kanälen, anstatt mehr zu lesen. Das ärgert mich sehr. Viele Grüße nach Berlin

  2. Ein schöner Beitrag! Sich mit anderen Bloggern vernetzen ist sicherlich auch keine schlechte Corona-Aktivität. 😉 Ich gehe gerne auf (Foto-)Spaziergänge, und lese mehr … und noch mehr.
    Lieben Gruß,
    Sandra

    • Fräulein Julia

      Das ist sogar eine sehr schöne Aktivität, finde ich! Herzlich Willkommen im Netzwerk also 🙂

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