Last Woman standing

Monster

Mit „Mein Name ist Monster“ hat Katie Hale eine astreine postapokalyptische Dystopie geschrieben, die von der ersten Seite an Gänsehaut verursacht.

Als mich der Roman Ende März erreichte, war das ein denkbar schlechter Zeitpunkt: Auf der ganzen Welt tobte eine Pandemie, ich saß in Isolation zuhause, alles um mich herum wurde geschlossen. Hatte ich da Lust eine Geschichte zu lesen, die in einer postapokalyptischen, von Krieg und Seuche zerstörten Welt mit einer einzigen Überlebenden spielt? Nein.

Drei Monate später hat sich die Lage etwas entspannt, und auch wenn ich hier in Berlin davon überzeugt bin, dass der nächste Lockdown kommen wird – für einen düsteren Roman wie Mein Name ist Monster bin ich emotional wieder stabil genug. Und absolut begeistert!

Monster ist der Spitzname der Frau – ich schätze sie auf um die dreißig Jahre –, die mit einem kleinen Boot an der Küste Schottlands landet, um sich von dort aus auf eine lange Wanderung zum Haus ihrer Eltern zu machen. Sie will überprüfen, ob diese tatsächlich gestorben sind. Die Chancen dafür stehen gut: Es sind nämlich alle tot. Also wirklich: Alle. Monster ist die einzige Überlebende, nachdem der gesamte Erdball von Kriegen heimgesucht und danach alle Menschen von einer Seuche dahingerafft wurden. Wer die Kriege auslöste und die Seuche per Wurfgeschossen verbreitete, wird nicht näher erklärt. Monster selbst hat in einem Saatgutspeicher in der Arktis überlebt, wo sie auch vorher schon gearbeitet hat; ihr einziger Kollege hat die Zeit der gekühlten Isolation nicht überstanden.

Monster

Leichen pflastern ihren Weg, als sich Monster durch die Landschaft schleppt und in den im wahrsten Sinne des Wortes ausgestorbenen Städten in den Geschäften nach nutzbaren Lebensmitteln sucht; immer auf der Hut vor wild gewordenen Hunden und Wölfen, die von der Auslöschung nicht betroffen sind. Auf einem kleinen Hof richtet sie sich ein, pflanzt Gemüse an, versorgt sich selbst. Um sie herum eine Stille so dick, dass man sie mit einem Messer in Scheiben schneiden kann. Monster ist allein, ohne Hoffnung, aber starkem Überlebenswillen.

„Das reine Nichts konnte ich mir nie vorstellen. Ich dachte, irgendwas muss immer da sein. Die Alternative war zu gewaltig, um sie zu begreifen. Jetzt ist da nichts. Es ist unermesslich.“

Und dann geschieht das Unverhoffte: In einem halb geplünderten Ladengeschäft entdeckt Monster ein verwildertes Mädchen – verwildert, aber am Leben. Wie sie das geschafft hat, bleibt unklar. Monster nimmt sie mit auf den Hof, entwildert sie sozusagen, bringt ihr Sprechen bei; nennt sich selbst fortan nur noch Mutter und die Kleine Monster. Eine Schicksalsgemeinschaft erster Güte, nicht wirklich harmonisch, aber auch alternativlos.

Doch Monster wird älter und sehnt sich, als Teenie sehnt man sich ja immer nach etwas, auch wenn man es nicht näher bestimmen kann. Während der erste Teil des Romans aus der Perspektive von Monster/Mutter erzählt wird, folgt der zweite Teil der jüngeren Monster und ihren Gedanken. Die Sprache ändert sich, wird radikaler, abgehackter, schonungsloser. Monster hat ein Ziel.

Es sei hier nicht verraten, welches. Mein Name ist Monster ist haarsträubend düster, radikal dystopisch und sprachlich fein ausgearbeitet, keine Genreliteratur mit Schockeffekten, sondern dunkelste psychosoziale Analyse. Man sollte es vielleicht nicht lesen, während um einen herum die eigene Welt empfindlich aus den Fugen und in Panik geraten ist. Aber sonst unbedingt.

Katie Hale
Mein Name ist Monster
Aus dem Englischen von Eva Kemper
S. Fischer Verlag, 2020.
Gebunden, 384 Seiten, 22 Euro.

Foto: Justin Novello / Unsplash