Leben, um zu schreiben: „Was dann nachher so schön fliegt“

Schreiben

Ein Berlin-Roman und doch keiner: Hilmar Klute hat mit „Was dann nachher so schön fliegt“ eine Liebeserklärung an die Literatur und das Schreiben verfasst.

„Ich wollte es so machen wie die ganz Großen, für jeden Vers dreißig Fassungen schreiben und diese noch mit Querverweisen, französischen Flüchen und fünf Alternativwörtern versehen. Ich wollte ein richtiger Schwerstarbeiter der Literatur werden, so wie Peter Rühmkorf, der unter der Last seiner Verse fast zusammenbrach. Ja, Rühmkorf hatte recht: Was dann nachher so schön fliegt, wie lange ist darauf rumgebrütet worden!“

Das Ruhrgebiet der späten 1980er Jahre ist kulturell gesehen mehr Brachland denn blühende Landschaft. Und Volker Winterberg ist mittendrin: zwischen Kohlenkeller und Zechenschlot pflegt er eine intensive Leidenschaft für Literatur – und das eigene Schreiben. Während er tagsüber seinen Zivildienst auf einer Station für demenzkranke Senioren ableistet, nutzt er die restliche Zeit, um seine Notizbücher mit Aperçus in Gedichtform zu füllen.

Als er – selbst wohl am meisten überrascht – im Rahmen eines Wettbewerbs für Jungautoren von den Berliner Festspielen nach West-Berlin eingeladen wird, wittert er seine Chance: Hier könnte er nicht nur seine Gedichte an die Öffentlichkeit bringen, sondern auch etwas erleben – denn wer nichts erlebt, davon ist er überzeugt, hat auch nichts zu erzählen. Doch letztendlich muss er feststellen, dass auch in der literarischen Welt nur mit Wasser gekocht wird und es oft stärker um Schein als um Sein geht.

Literatur

Braucht es noch einen Berlin-Roman?, dachte ich angesichts des Klappentextes zunächst – doch Hilmar Klute geht es gar nicht darum, dass atmosphärisch dichte und künstlerisch exzessive West-Berlin der 80er über den grünen Klee zu loben. Im Gegenteil: In Berlin erkennt Volker – während er durch, sage ich mal, berlintypisch abstruse Situationen stolpert -, dass man gar nicht in die geteilte Stadt ziehen muss, um genügend Input für die eigenen Gedichte zu bekommen. Denn das pralle Leben findet auch woanders statt – zum Beispiel auf der Demenzstation mit all den individuellen Dramen der dahinsiechenden Senioren, deren Gehirn sich zurückgesetzt hat auf eine andere Zeit.

Wollte man diesen Roman also in eine Schublade stecken, so ist er mehr Coming of Age denn Berlin-Geschichte. Aber er ist in erster Linie eins: Eine großartige Hommage an die Leidenschaft für Literatur. In seinen Tagträumen sinniert sich Volker in die von harscher Kritik gezeichnete Runde der Gruppe 47, diskutiert mit großen Autoren über Literatur und lässt sich Tipps für seine eigene Schreibpraxis geben: Man müsse das Leben durch sich hindurchrauschen lassen, um es dann in der sorgfältig destillierten Essenz punktgenau zu Papier bringen zu können.

„Du musst einfach loslaufen, verstehst du. Du musst morgens dein Fenster öffnen und den Lärm reinlassen, das Taubengegurre, die Müllmänner, die die Tonnen ausleeren, die Straßenbahn, die in der Kurve quietscht.“

„Je reduzierter die Sprache, desto besser“, schwingt in diesen Ratschlägen ebenfalls mit – und das ist wohl auch ein Leitsatz, an dem sich Hilmar Klute orientiert hat. Seine Sätze – die ja die Gedankenwelt von Volker wiederspiegeln – sind von einer Lakonie gezeichnet, die sich jedweder überflüssigen Schnörkel entzieht und die Hauptfigur als einen ruhigen, zurückhaltenden Zeitgenossen  zeichnet, der lieber beobachtet, als selbst aktiv zu werden. Genau diese Ruhe entfaltet einen besonderen Sog, dem man sich als Leser nicht entziehen kann und mag – und der mir mal wieder bewusst machte, was mich an Literatur eigentlich fasziniert.

Hilmar Klute
Was dann nachher so schön fliegt
Galiani Verlag, 2018
Gebunden, 368 Seiten, 18,99,-€
ISBN 978-3-462-31908-8

 

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