Leipziger Buchmesse 2018: Literatur aus Rumänien

In zwei Wochen öffnen die Türen der Leipziger Buchmesse mit dem Gastland Rumänien: Welche Bücher ihr aus und über dieses Land lesen könnt, zeige ich euch hier.

Was fällt euch ein, wenn ihr an Rumänien denkt? Osteuropa wahrscheinlich, Transsilvanien und Graf Dracula womöglich, vielleicht auch ein paar Klischees über rumänische Arbeiter, die in Deutschland krumme Dinger drehen. Aber Literatur? Ich gestehe, dass sich in meinem Fall bei der Frage nach Literatur aus Rumänien ein großes Fragezeichen auftat.

Nicht weil ich dachte, man schreibe dort keine Bücher – sondern weil ich schlichtweg keine kannte. Was bei näherem Überlegen dann doch nicht stimmt: Im Herbst 2016 besprach ich Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit von Dana Grigorcea, dass in Bukarest spielt – aber von der Autorin auf deutsch geschrieben wurde. Oft, so las ich an anderer Stelle, werde in der rumänischen Literatur die Vergangenheit aufgearbeitet, aber auch die Gegenwart sprachlich seziert – zumeist lakonisch und mit genauen Studien von Personen und Umgebung.

Die Last der Vergangenheit

Um mich dem Thema weiter anzunähern, griff ich zu dem Roman Oxenberg & Bernstein, geschrieben von Cătălin Mihuleac und anlässlich der diesjährigen Messe von Ernest Wichner übersetzt (und mittlerweile nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung). Er wird erzählt aus der Perspektive von Suzy, die in der im Nordosten von Rumänien liegenden Stadt Iași von ihrem Chef verpflichtet wird, die reiche Amerikanerin Dora und ihren (bereits lange erwachsenen) Sohn Ben zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu führen.

Auch hier traf ich auf Sarkasmus und Lakonie: Suzy nimmt kein Blatt vor den Mund und imponiert dem amerikanischen Besuch derart, das sie kurzerhand für das Unternehmen in den Staaten abgeworben wird. Die Bernsteins sind seit jeher im Verkauf von Second-Hand-Kleidung tätig, sie bringen einfache Klamotten aus zweiter Hand bis hin zu edlen Vintage-Stücken an den Mann in aller Welt. Mit ihrer Vergangenheit beschäftigen sie sich nicht. Dass übernimmt Suzy, die nach kurzer Zeit – nicht nur aus dem unromantischen Grund der Aufenthaltsgenehmigung – Ben ehelicht: Dass ihre Schwiegermutter Dora ebenfalls rumänische Wurzeln hat, darüber aber nur selten redet, macht sie neugierig. Sie beginnt zu forschen.

Auf einer zweiten Zeitebene – nämlich in den 1930ern – lernen wir die Familie Oxenberg kennen, deren Familienoberhaupt als stadtbekannter Gynäkologe die Forschungen auf dem Gebiet des Kaiserschnitts vorantreibt. Doch auch wenn er etliche Kindern von Iași auf die Welt geholt hat, hilft ihm das nicht, als der Antisemitismus auch in Rumänien um sich greift wie ein Feuer: Am 21. Juni 1941 kommt es zum Pogrom in der Stadt, 10.000 Juden werden festgenommen, gleich erschossen oder wie Vieh in Bahnwaggons verfrachtet, Ziel unbekannt. Nur wenige überleben das Grauen.

„Das copyright für das Pogrom liegt bei den rumänischen Behörden. Um seine Umsetzung haben sich Militärs, Polizisten und Gendarmen gekümmert. […] Und ein Teil der christlichen Stadtbevölkerung, aufgehetzt vom Gebell der Propaganda. Es hatten sich auch Deutsche an dem Gemetzel beteiligt, aber nur vereinzelt.“

Eine davon ist die kleine Golda Oxenberg. Welche Verbindung hat sie zu den Bernsteins in Amerika? Oxenberg & Bernstein wechselt zwischen den lakonischen, sarkastisch-kurzen Kommentaren von Suzy über die amerikanische Gegenwart (mir scheint, als sei das eine Spezialität der rumänischen Literatur) und den emotionslosen Schilderungen der Gräueltaten in Iași – letztere sind ohne jegliche Zurückhaltung in ihrer massiven Brutalität geschildert und brachten mich beim Lesen mehrmals an meine Grenzen. Doch ähnlich, wie wir die Abartigkeiten der Nationalsozialisten niemals vergessen sollten, rüttelt auch dieser Roman wach: Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen! Wer sich mit der dunklen Geschichte Rumäniens beschäftigen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Cătălin Mihuleac
Oxenberg & Bernstein
übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay Verlag, 2018
Gebunden, 368 Seiten, 24€
ISBN 978-3-552-05893-4 

Und was gibt es sonst noch aus Rumänien zu entdecken? Diese Bücher rund um das Gastland erscheinen in diesem Jahr in deutscher Übersetzung (oder sind bereits erschienen) und lohnen einen Blick zwischen die Buchdeckel:

Rumänien
vlnr: Dana Grigorcea Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen // David Wagner Romania // Stefan Agopian Handbuch der Zeiten // Fili Florian Alle Eulen // Mircea Cartarescu Die schönen Fremden // Lavinia Braniște Null Komma Irgendwas // Dana Grigorcea Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit // Varujan Vosganian Als die Welt ganz war

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