„Lesen als Medizin“ – Seelenschmeichelei für Bücherwürmer

rezension_lesenalsmedizin_text

„Mein Koffer geht nicht zu!“ – „Du könntest vielleicht eins der fünf Bücher zuhause lassen?!“ – „Auf gar keinen Fall!!“ Wenn es um Bücher geht, verfolge ich eine ganz klare Linie: Ich habe immer ein Buch dabei.Selbst wenn ich mit Freunden auf ein Feierabendgetränk verabredet bin oder zum Supermarkt gehe – man könnte schließlich immer in eine Situation geraten, in der ein Buch die Rettung ist, oder?

Literatur ist für mich eine Möglichkeit, mich aus dem lautstarken Alltag der Großstadt auszuklinken, das Husten und Schniefen im öffentlichen Nahverkehr für einen Moment zu vergessen und mich zu entspannen. Wenn ich den Buchdeckel aufklappe, öffne ich gleichzeitig eine Tür in fremde Welten, in denen ich mich vor den Tücken und Problemchen des Alltags verstecken kann. Literatur ist Balsam für die Seele, sie hilft bei Liebeskummer, Fernweh und Pubertätssorgen, denn es findet sich garantiert eine literarische Figur, der es genauso geht wie mir in diesem Moment.

Von der heilsamen Wirkung von Literatur ist auch Andrea Gerk überzeugt, weshalb sie sich an den Schreibtisch gesetzt und das Buch „Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur“ zu Papier gebracht hat – ein Sachbuch, dass einem passionierten Lesewurm wie mir ganz vorzüglich die Seele streichelt. Wussten wir Büchernarren es nicht schon immer? Jetzt haben wir es schwarz auf weiß! Gerk, selbstredend ebenfalls höchst lesesüchtig, begibt sich in ihrer Abhandlung auf Exkurse durch die Welt der Psychotherapie und Hirnforschung, besucht Gefängnisbüchereien und Bibliotheken in Kliniken und Nervenheilanstalten. Sie diskutiert mit einer Äbtissin im Ruhestand über Bücher, durch die die Nonne sich mit der Außenwelt verbunden fühlt und belegt ein Seminar zum höchst interessanten Berufszweig der „Bibliotherapie“.

Alle Menschen, mit denen die Autorin spricht, sind sich einig: Literatur bereichert das Leben! Z.B. dann, wenn es Menschen hilft, Worte für ihre unterdrückten Gefühle und traumatisierenden Erlebnisse zu finden – indem sie sich mit einem literarischen Charakter identifizieren. (Dass das funktioniert, haben übrigens die sogenannten Spiegelneuronen zu verantworten, weiß die Hirnforschung)

Und hat man sich einmal mit den Charakteren angefreundet, gibt es kein Zurück mehr: „Lesen wir aus dem Bauch heraus und identifizieren uns mit den Figuren und ihrer Geschichte, dann zieht es uns mit Haut und Haar in Räume und Räusche, die nur in unserer Vorstellung existieren. […] Wir verschwinden in einer literarischen Welt und tauchen verändert aus ihr wieder auf“. Dass Bücher manchmal viel besser wirken als Medizin wurde zwar schon früh erkannt – Die Patientenbibliothek an der Berliner Charité ist über 100 Jahre alt – wird aber heutzutage noch immer häufig belächelt. Warum eigentlich?

———————————————–
„Leise und laute Katastrophen begegnen uns in Märchen, Patientengeschichten, in uns selbst und – in der Literatur. In ihr können wir unserer Angst begegnen und erkennen, dass es weitergeht, auch oder gerade, wenn nichts mehr ist wie zuvor“
———————————————–

Andrea Gerk muss für dieses Buch eine ganze Menge Bücher gelesen – die sie natürlich auch in den Text einfließen lässt – und mit unzähligen Menschen gesprochen haben, denn die Detailiertheit dieser so sympathischen Studie ist außergewöhnlich – aber niemals ermüdend. Im Gegenteil: Als Leser frisst man sich regelrecht durch die Seiten als sei man eine erwachsene Raupe Nimmersatt, die nicht genug bekommen kann. Dass die eigene Literaturliste für den „Stapel ungelesener Bücher“ währenddessen unaufhörlich länger wird – wen stört’s? Lesen wird schließlich nie langweilig!

Andrea Gerk: „Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur„. Rogner & Bernhard, 2015. Hardcover, 342 Seiten, 22,95€. ISBN 978-3-95403-084-2

Kategorie Allgemein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree