„Lieber Mr. Salinger“ – Treffen mit einer Literaturkoryphäe

Foto: Flickr / Walter Silva

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Wer ist eigentlich dieser Jerry, von dem dauernd geredet wird? In „Lieber Mr. Salinger“ verarbeitet Joanna Rakoff ihre Zeit als Assistentin in einer renommierten New Yorker Literaturagentur, die einen der bekanntesten Autoren des 20. Jahrhunderts vertritt: J.D. Salinger.

Als Joanna Rakoff Mitte der 90er Jahre ihr Literaturstudium in London beendet und zurück in ihre Heimat New York zieht, ergattert sie recht schnell eine begehrte Stelle: Sie wird Assistentin in einer bekannten Literaturagentur, die für die Vermarktung zahlreicher bekannter AutorInnen zuständig ist. Und in der das digitale Zeitalter noch nicht angebrochen ist: Briefe werden diktiert und dann mittels eines monströsen Diktafons abgetippt, und bis einer der Agenten die Chefin von der Anschaffung eines dieser „neumodischen“ Computer überzeugen kann, ist der modernste Gegenstand in diesem Büro ein Kopierer. Immerhin.

Lieber Mr Salinger von Joanna RakoffDie Klienten scheinen dieses altertümliche Vorgehen zu schätzen, allen voran ein gewisser „Jerry“, von dem in Gesprächen immer wieder die Rede ist. „Sie dürfen auf keinen Fall […] auf gar keinen Fall, niemals, unter keinen Umständen seine Adresse oder Telefonnummer weitergeben“, wird Joanna an ihrem ersten Tag forsch von ihrer Chefin belehrt. Aber wer zum Himmel ist eigentlich dieser Jerry?

Erst allmählich dämmert es der jungen Dame, die mit ihren 24 Jahren noch leicht grün hinter den Ohren ist und obendrein – Literaturstudium hin oder her – noch nie in ihrem Leben ein Buch von J. D. Salinger in die Hand genommen hatte, noch nichtmal die weltbekannte Geschichte Der Fänger im Roggen: Es gebe eine Phase ungefähr zwischen dem Alter von 12 und 20, in dem man Salinger lesen kann, ist Joanna überzeugt – aber ihr hatte damals niemand dieses Buch in die Hand gedrückt.

Es gibt also dringend Nachholbedarf, schon allein deshalb, damit sie mehr Verständnis für die unzähligen Fan-Briefe entwickeln kann, die tagtäglich auf ihrem Schreibtisch landen – obwohl sie diese (Salinger wünscht keine Post) eigentlich mit einer Standardphrase beantworten muss. Was fasziniert diese ganzen Menschen – Kriegsveteranen, Hausfrauen, junge Schüler – bloß an den Texten dieses kauzigen Autors?

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„Wenn man Salinger liest, ist es nicht so, als läse man eine Erzählung; es ist, als flüsterte einem Salinger höchstpersönlich seine Geschichte ins Ohr.“
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Als Joanna in einem rauschhaften Wochenende alle greifbaren Texte des berühmten Klientens ihrer Agentur liest, wird ihr ihre eigene vertrackte Situation deutlich: Ihren College-Freund hat sie verlassen, weil dieser nach Kalifornien gezogen ist, nun lebt sie mit dem erfolglosen und in den meisten Fällen ziemlich lieblosen Schriftsteller Don in einer Hinterhof-Bruchbude in Williamsburg zusammen und am liebsten wäre sie selbst eine erfolgreiche Schriftstellerin – wie lange kann das so weitergehen?

Was will sie sein, diese Geschichte? Sie ist eine Hommage an die Werke von J.D. Salinger und an die intensive Liebe zu Literatur, ein schonungsloser Blick auf das Leben in New York, die Coming of Age Story einer jungen Frau und somit in vielen Genres zuhause. Und diese Mischung aus Bildungs- und Frauenroman geht erstaunlich gut auf, denn Joanna Rakoff hat für ihre Lebensgeschichte eine wunderbar authentische, harmonische und sympathische Stimme gefunden. Wie gerne möchte ich mit der Autorin mal einen Kaffee trinken gehen und noch mehr erfahren!

Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger. Knaus Verlag, 2015. Gebunden, 304 Seiten, 19,99€. ISBN: 978-3-8135-0515-3

Kategorie Allgemein

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