Liebeserklärung für Mr. Nabokov

Der Zauberer. Nabokov und das Glück

„Der Zauberer. Nabokov und das Glück“

Wie soll man dieses Buch beschreiben? Jedes Wort, jeder Satz über die großartige Liebeserklärung an den Schriftsteller Vladimir Nabokov, niedergeschrieben von Lila Azam Zanganeh unter dem Titel „Der Zauberer. Nabokov und das Glück“ wirkt im Vergleich mit ihrer Wortgewandheit ziemlich blass.

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo.Li. Ta.“ Der erste Satz aus Lolita, geschrieben von Vladimir Nabokov im prüden Jahr 1955, ist bis heute einer meiner liebsten Romananfänge.

Wie war ich auf die Idee gekommen, als Teenager diese schlüpfrige Geschichte zu lesen? Hatte ich sie in der staubigen Dorfbücherei oder im Bücherregal meines Vaters gefunden? Ich erinnere mich nicht mehr. Fakt aber ist: Schon nach der ersten Seite war ich gefangen in der phantasievollen Wortgewalt des Autors, deren Formulierungen übermütig über die Seiten hüpften, als wollten sie mit der verführerischen Dolores gemeinsam Purzelbäume schlagen.

Ähnlich muss es Lila Azam Zanganeh gegangen sein, als sie auf das Werk des russischen Schriftstellers stieß. Wenige Sätze genügten, um ihr zu zeigen: Das wird eine Liebe fürs Leben.Warum?

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„Das hängt mit den Tricks und Schlichen seiner Sprache zusammen, einer Sprache, deren Drehungen und Wendungen wie neu erfunden wirken. Man nimmt einen strahlenden Lichtbogen wahr, schwelgt für einen Augenblick, in dem die Zeit aufgehoben scheint, in seiner Helligkeit.“
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Bedächtig futterte Lila sich – ebenfalls im Teenageralter – durch die Geschichten Nabokovs, konnte wie die Raupe Nimmersatt nicht genug kriegen. Die logische Konsequenz daraus: Ein Buch über diese intensive Leidenschaft schreiben!

Seine große Worte in nachvollziehbare Worte zu fassen, ist natürlich gar nicht so einfach und so verliert man auch in den Worten Lila Azam Zanganehs oft den Halt: Fällt kopfüber hinein in den Strudel aus Zitaten Nabokovs, Passagen aus seinen drei Werken Lolita, Ada und Erinnerung, sprich sowie Gedanken der Autorin. Oben, unten, links, rechts, Anfang, Ende, Wahrheit oder Traum – völlig wurscht!

Vladimir Nabokov

Vladimir Nabokov, Montreux, Oktober 1969 / Foto: Wikimedia Commons

Zunächst taumelt man, sucht nach dem Geländer zum Festhalten in Form von bekannten Textzeilen – bevor man sich bereitwillig in den Kosmos der Autorin begibt und den Schriftsteller mit vielen liebevollen Details auf einer Ebene kennenlernt, die viel mehr mit Gefühl als mit Verständnis zu tun hat – sozusagen eine poetische Ganzkörpererfahrung!

Wie war das zum Beispiel mit der Geheimsprache, die Nabokov für sich entwickelt hat, zu der auch das unaussprechliche „kzspygv“ gehört? „Eine sonnenüberflutete Hieroglyphe. In einem Atemzug: ‚Heidelbeer-K‘ ‚Gewitterwolken-Z‘ ‚Azur-und-Perlmutter-S‘ ‚Unreifer-Apfel-P‘ ‚glanzgoldenes Y‘ ‚höchst gummiartiges G‘ ‚Rosenquarz-V‘kzspygv.“

Ein schönes Beispiel für die Synästhesie des Autors, über die ich nun ebenso Bescheid weiß wie über seine Leidenschaft für das Sammeln von Schmetterlingen und seine erste verhuschte Liebe in den weiten Birkenwäldern Russlands. Dieses Buch ist nicht nur eine Liebeserklärung an diesen Autor auf der Suche nach dem Glück, sondern ebenso eine Bereicherung für jeden Leser, der Sprache und Literatur auf einer besonderen Ebene entgegentreten möchte!

Lila Azam Zanganeh: „Der Zauberer. Nabokov und das Glück„. Aus dem Englischen von Susann Urban. Edition Büchergilde 2015. Hardcover, 220 Seiten, 22.90€. ISBN 978-3-86406-056-4

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