Literarisch durch die Wilden Zwanziger

Zwanziger

Vor hundert Jahren begannen die „Roaring Twenties“, mit Charleston, Bauhaus und der „neuen Frau“. Ich stelle euch Literatur aus und über die Zeit der Weimarer Republik vor.

Woran denkt ihr zuerst, wenn ihr „Zwanziger Jahre“ hört? Mir kommen da sofort knöchellange Kleider ohne Taille und Riemchenschuhe in den Sinn, Zigarettenspitzen und Haarreifen mit Federn, Charleston, Stummfilme, ausschweifende Nächte in Flüsterbars und androgyne „Garçonnes“ mit schwarz gefärbtem Bubikopf.

Eher selten tauchen „Spanische Grippe“ und Wirtschaftskrise auf – zumindest gehörten sie auch nicht zu den ersten Assoziationen in den zahlreichen Artikeln, die Anfang des Jahres die Parallelen zu dem Jahrzehnt vor hundert Jahren zogen. Nun, im zweiten „Corona-Monat“, ähnelt unsere Welt auf unangenehme Weise den Verhältnissen der Weimarer Republik, inklusive gefährlicher rechtsextremer Pfeifen.

Zum Glück gibt es die Literatur, die uns dabei helfen kann, die Situation einzuordnen und aus früheren Ereignissen zu lernen. Die Bücher, die ich zum Thema Zwanziger Jahre herausgesucht habe, sind deshalb allesamt facettenreich: Das wilde Nachtleben (vor allem Berlins), die überreizte Presselandschaft, die Kulturszene und nicht zuletzt das Bauhaus. Voilá!

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Leb wohl Berlin, 1939 von Christopher Isherwood veröffentlicht und auf seiner Zeit im Berlin der Zwanziger Jahre basierend, gehört zu den Klassikern der Literatur über die Weimarer Republik: Der Roman begleitet verschiedene Menschen durch die champagnergetränkten Nächte der Berliner Etablissements, wo sie sich besinnungslos tanzen und die aufmarschierenden Nationalsozialisten zu verdrängen suchen. Doch es ist ein Tanz auf dem Vulkan… 1972 wurde der Roman unter dem Titel Cabaret mit Liza Minelli in der Hauptrolle verfilmt. Die Büchergilde-Ausgabe, die ich euch ausgewählt habe, wurde übrigens ganz großartig von Christine Nippoldt illustriert!

Edgar Rai ist nicht nur passionierter Buchhändler in meinem Heimatkiez Prenzlauer Berg, sondern ebenso engagierter Schriftsteller. Im vergangenen Sommer schmökerte ich mich mehrere Tage durch Im Licht der Zeit und die Entwicklung von Marlene Dietrich vom zweitklassigen Revuegirl zur international gefeierten Filmschauspielerin: Mit Der blaue Engel, der 1929 und 1930 in den Berliner Ufa-Studios entstand, feierte sie ihren Durchbruch auf der Leinwand. Rai weiß, wie man die Atmosphäre der damaligen Zeit in schillernde, sprachliche Bilder übersetzt!

Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod und Exil von Peter Kamber ist erst kürzlich erschienen, in Kürze werde ich euch mehr darüber erzählen können. Doch in die Liste soll es dennoch aufgenommen werden: Die beiden Theaterdirektoren gehörten zu den berühmtesten Persönlichkeiten des damaligen Berlins und prägten das kulturelle Leben der pulsierenden Metropole wie kaum jemand. Doch dann erstarkt die Macht der Nazis und die Rotters müssen fliehen.

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Leb wohl, Berlin: Die Illustrationen stammen von Christine Nippoldt

Ist es Zufall, dass ein Großteil der Bücher zu den Zwanziger Jahren in meinem Regal in Berlin spielen? Nein, natürlich nicht – Berlin ist nicht nur die Stadt, in der ich lebe, sondern auch ein Schwerpunkt dieses Blogs. Logisch also, dass ich früher oder später auch zu Gabriele Tergit und Käsebier erobert den Kurfürstendamm greifen würde! Der erschien 1931 und erzählt die Geschichte von Herrn Käsebier, der als „Volkssänger“ in kleinen Spelunken arbeitet und eines Tages von einem Redakteur entdeckt wird, der ihn mit allen Mitteln berühmt machen möchte – ohne Rücksicht auf sein „Fundstück“ zu geben, vermarktet er dessen komplettes Leben… Ein urkomischer, eindringlicher Roman über die unerbittliche Kulturszene Berlins, mit einem Fünkchen Aktualität natürlich.

Ebenfalls um die „kleinen Leute“ geht es bei Ulrich Alexander Boschwitz. Dessen Roman Menschen neben dem Leben ist einer von zwei Manuskripten, die nach dem frühen Tod des Autors gefunden wurden. Beschrieben wird darin der tägliche Kampf ums Überleben in der unmittelbaren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der die Berliner Straßen gesäumt waren von Obdachlosen auf der Suche nach ein paar Groschen für eine warme Mahlzeit. Boschwitz war dabei – und das merkt man seinem Text auch an.

Heimliches Berlin von Franz Hessel ist ebenfalls ein zeitgenössischer Text aus den Zwanziger Jahren, auch er spielt in Berlin und kreist um die eleganten Zusammenkünfte eines Boheme-Freundeskreises in privaten Salons und die glitzernden Parties in den zahlreichen Nachtlokalen – und zwar an nur einem einzigen Tag im Jahr 1924. Wer wissen möchte, wie Berlin damals tickte: Bitteschön!

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Ah, La Garçonne von Victor Margueritte: Wo mich das Cover schon so verführerisch anschaut, da kann es auch zwischen den Buchdeckeln nur verrucht zugehen, oder? Wir befinden uns hier ausnahmsweise mal nicht in Berlin, sondern in Paris, im samt und seidig eingerichteten Boudoir von Monique Lerbier. Nachdem sie ihren Verlobten in flagranti mit einer anderen Dame erwischt hat, entschließt sie sich, fortan ihren eigenen Weg zu gehen – als von Männern unabhängige, sexuell freizügige Garçonne mit Bubikopf und eigenem Einrichtungsladen. Als der Roman1922 erschien, wurde er ziemlich schnell zum Skandal, wahrscheinlich wegen etlicher freizügiger Szenen.

Und jetzt kommen wir zu einem weiteren wichtigen Thema der 1920er Jahre: Dem Bauhaus! Wenn Martha tanzt von Tom Saller zeichnet den Weg der jungen Martha aus, die sich – sie ist tänzerisch und musikalisch sehr begabt – am Bauhaus in Weimar einschreibt. Besonders fasziniert hat mich ihre synästhetische Wahrnehmung von Tönen (denn auch ich bin Synästhetin) und die Feinheit, mit der Saller dies in reduzierte Sätze packt. Ein schönes Porträt der Design-Schule ebenso wie das einer selbstbewussten Frau.

Noch einmal Bauhaus: Auch Theresia Enzensberger ist auf den Themen-Zug aufgesprungen und hat mit Blaupause einen Roman rund um die Künstler in Weimar und Dessau beigesteuert, weshalb ich ihn in die Liste mit aufnehme. Dass er mir weniger gut gefallen hat, weil es ihm irgendwie an Atmosphäre mangelt – auch hier geht es um eine junge Frau, aber weniger um ihr Studium und ihre beruflichen Ambitionen, sondern letztendlich nur um halbgare Liebesgeschichten – habe ich in einer Rezension damals beschrieben.

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So und nun ihr: Welche Romane aus und über
die 1920er Jahre kennt ihr noch?


2 Kommentare

  1. Erich Kästner, Fabian – für mich der Roman der Zwanziger!
    Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen
    Leonard Frank, Drei von Millionen, Das Ochsenfurter Männerquartett
    und viele mehr…

    • Fräulein Julia

      Ach, da hab ich also glatt das kunstseidene Mädchen vergessen – dabei habe ich natürlich alles von Keun gelesen!

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