Literarische Geschenketipps

Geschenke

Ihr wollt Weihnachten ein Buch verschenken, wisst aber nicht welches? Ich habe eine Auswahl aus verschiedenen Themenfeldern für euch zusammengestellt!

Vielleicht haben wir in diesem Winter alle viel mehr Zeit zum Lesen: Das Tageslicht verschwindet schon am späten Mittag (und hier in Berlin besonders früh), draußen ist es kalt und nass – und dann wäre da noch diese Pandemie, derentwegen wir viel Zeit auf dem heimischen Sofa verbringen.

Wer dieses Weihnachten Mama oder Papa, den Geschwistern, guten Freunden oder einfach sich selbst etwas zum Schmökern, Schmunzeln oder Schwärmen schenken möchte, aber bei dem unfassbar umfangreichen Angebot in den Buchhandlungen keine Ahnung hat, was: Da kann ich euch helfen! Zugegeben, kurz halten konnte ich mich nicht wirklich und so habe ich gleich einundzwanzig Bücher aus meinem Lesejahr herausgesucht – alle gelesen und für gut befunden. Da ich in den letzten Monaten besonders viel auf Englisch gelesen habe, gibt es die Tipps manchmal in der Originalversion, aber immer mit Hinweis auf die deutsche Übersetzung, wenn es sie gibt.

Und auch wenn es mir fern liegt euch vorschreiben zu wollen, WO ihr eure Bücher bestellt: Das große A bringt sie euch schnell und bis zum Briefkasten, das stimmt. Aber auch in die Buchhandlung eures Vertrauens werden die Bestellungen in der Regel binnen ein oder zwei Tagen geliefert und die Buchhändler*innen vor Ort haben sicherlich noch weitere gute Tipps für euch! Unterstützt deshalb bitte den lokalen Einzelhandel, sage ich also!

Jetzt aber los: Was habe ich denn in diesem Jahr ausgewählt?

GeschenkeBerlin, Berlin

Man liest ja so viel über das Berlin der 1920er Jahre, aber selten etwas über die Zeit der Jahrhundertwende. Dank Thomas Böhm ändert sich das jetzt: Er hat „Szenen und Reportagen“ von Hans Ostwald zusammengestellt, die dieser zwischen 1904 und 1908 für verschiedene Berliner Tageszeitungen verfasst hat. Tatsächlich lesen sie sich stellenweise so erfrischend aktuell, als wären sie erst gestern erschienen – manches ändert sich in dieser Stadt offenbar einfach nicht…

Kürzlich wurde ich gefragt, warum es hier eigentlich keine Besprechung zu Lutz Seilers preisgekröntem Roman Stern 111 gibt – wo Berlin doch einer meiner Schwerpunkte ist und Literatur über die DDR noch dazu. Das liegt daran, dass ich das Buch in meiner Arbeit als Journalistin gleich für mehrere Magazine besprochen oder Lutz Seiler interviewt habe, da ist eine private Rezension hinten runter gefallen. Aber ich kann euch versichern: Die Geschichte um Carl, der kurz nach dem Mauerfall aus Gera nach Prenzlauer Berg zieht, dort in eine Gruppe nonkonformistischer Bohemiens gerät, eine Hinterhauswohnung besetzt und mit Akribie versucht, Lyriker zu werden, gehört zu den besten, die ich dieses Jahr gelesen habe. Vielleicht, weil sie auf Seilers tatsächlichen Erlebnissen beruht?

Noch mal Berlin, diesmal aber Westberlin und vor dem Mauerfall: Das Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland zu dritt den Roman Aufprall verfasst haben, der sich um die Hausbesetzerszene und politische Umbrüche Anfang der 1980er dreht, ist allein schon interessant. Dass sie die Figuren – auch hier schöpfen die drei Autor*innen aus ihren eigenen Erlebnissen – mal einzeln sprechen lassen, mal die Ereignisse in Wir-Form als eine Art tragischer Chor schildern, macht das Ganze zu einem literarischen und zeithistorischen Experiment erster Klasse.

GeschenkeDicke Schmöker

Muss ich euch etwas zu Volker Kutscher und seiner Krimi-Reihe um den Kommissar Gereon Rath erzählen? Seit Jahren begleiten mich diese Romane – die mittlerweile kongenial verfilmt wurden und derzeit in der ARD-Mediathek zu sehen sind – und stets stehe ich am Erstverkaufstag des neuen Falls in der nächsten Buchhandlung. Im mittlerweile achten Roman Olympia haben wir die wilden Zwanziger Jahre hinter uns gelassen und sind im Jahr 1936 angekommen: Berlin richtet die Olympiade aus und die Nationalsozialisten inszenieren sich als weltoffene Gastgeber. Doch dann kippt im Olympischen Dorf ein Amerikaner tot auf den Mittagstisch – und wird nicht die einzige Leiche bleiben. Gereon Rath ermittelt vor Ort und hat dazu noch mit einigen eigenen Problemchen zu kämpfen. Nehmt euch ein paar Stunden Zeit und dann taucht ein in das alte Berlin!

In Was der Fluss erzählt nimmt euch Diane Setterfield mit in das England des späten 19. Jahrhunderts, in ein kleines Dorf an der Themse: Eines Abends steht ein fremder Mann in der Tür zum Gasthof „Swan“, in den Armen hält er ein kleines Mädchen. Das tot ist, wie die herbeigerufene Krankenschwester Rita feststellt. Doch kurze Zeit später atmet die Kleine wieder. Und wer ist sie überhaupt? Auf den kommenden Seiten verweben sich die Lebens- und Leidensgeschichte verschiedener Dorfbewohner zu einem großen, plätschernden Fluss, der die Leser*innen in seine düstere, teilweise auch schaurige Atmosphäre hineinzieht. Im Original findet ihr die Geschichte unter dem Titel Once upon a River.

2038, 2008, 1974, 1934 und 1908: Michael Christie erzählt in Das Flüstern der Bäume die Geschichte der Familie Greenwood auf gleich fünf Erzählebenen. Der Roman beginnt 2038, die Welt ist komplett verstaubt und versmogt, die Menschen krank und „echte Primärwälder“ gibt es nur noch an ganz wenigen Stellen. In einem davon arbeitet die Biologin Jacinda Greenwood, die als Naturführerin arbeitet und heimlich an den Bäumen forscht. Wie die Schichten der Jahresringe eines Baumes legt der Autor die Familiengeschichte frei, es geht rückwärts bis ins Jahr 1908 und dann auf dem gleichen Wege wieder zurück bis in die nahegelegene Zukunft. Ein Roman, den man schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen kann!

GeschenkeSchauerliteratur

Was haben die meisten Gothic Novels – die im Deutschen oft als Schauerliteratur bezeichnet werden – gemeinsam? Oft spielt in ihnen ein altes, teilweise verfallenes Gutshaus irgendwo im englischen oder schottischen Nirgendwo die Hauptrolle. Und es spukt – oder die Protagonisten denken es zumindest. Jane Healey hat all diese Zutaten für ihren Roman Die stummden Wächter von Lockwood Manor (der Originaltitel lautet The Animals of Lockwood Manor) benutzt: Hetty Cartwright wird 1939 vom Londoner National History Museum beauftragt, die Sammlung der Säugetiere zu ihrem Schutz aufs Land auszulagern. Doch Lockwood Manor, ebenso wie sein grummeliger und besserwisserischer Besitzer, ist ihr von Anfang an nicht geheuer. Dann häufen sich auch noch die rätselhaften Vorfälle – ist es ein Geist, der nachts die ausgestopften Tiere verrückt?

In den Romanen von Jess Kidd spukt es auch meistens. So lässt schon der Titel ihres ersten Buches Der Freund der Toten vermuten, dass es hier übersinnlich zugeht. Aber auch Die Ewigkeit in einem Glas (Titel im Original: Things in Jars) mutet magisch-mysteriös an: Wir schreiben das Jahr 1863, der Ort ist London und die Hauptperson heißt Bridie Devine. Sie ist Privatdetektivin und soll das rätselhafte Verschwinden der kleinen Adelstochter Christabel aufklären, eines Kindes, das kaum jemand je gesehen hat. Zur Seite steht der Detektivin dabei ihr Freund Ruby – der ist übrigens längst tot. Dank eines kauzigen Kuriositätensammlers wird das schaurige Setting dann  perfekt.

Emmett Farmer arbeitet eigentlich auf dem Hof seiner Eltern, nimmt dann aber eine Ausbildungsstelle als Buchbinder an. Doch seine Vorgesetzte scheint ein Geheimnis zu hüten, denn etliche Menschen besuchen sie heimlich in ihrem Gewölbe, in dem sie allerlei kostbare Bücher lagert – auf die Emmett keinen Zugriff hat. Was macht sie da jede Nacht? Nimmt sie den Menschen ihre Seele ab und lässt sie in Bücher fließen? Dann stirbt seine Chefin und Emmett erkennt, was wirklich hinter ihren geheimnisvollen Taten steckt. Bridget Collins hat den Roman unter dem Titel The Binding veröffentlicht, auf Deutsch ist er mittlerweile als Die verborgenen Stimmen der Bücher erschienen.

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Mythologisches & Märchenhaftes

Für Mythologie konnte ich mich schon immer begeistern, während meines letzten Aufenthaltes auf Kreta las ich zum ersten Mal Homers Odyssee – und dann Ich bin Circe von Madeline Miller (Titel im Original: Circe) gleich hinterher. Miller gibt darin der Tochter von Sonnengott Helios und Okeanide Perse eine ausgefeilte Persönlichkeit, die weit über das Geschilderte in der Odyssee hinausgeht. Circe wohnt auf einer einsamen Insel, wo sie webt und Kräuter sammelt und Besucher – zum Beispiel die Männer von Odysseus – in Schweine verwandelt. Sie ist eine mächtige und trotzdem ziemlich symphatische Zauberin und Göttin. Wer sein mythologisches Wissen erweitern möchte, liegt mit diesem Buch genau richtig!

Mit Sagen beschäftige ich mich persönlich seit einer Weile besonders intensiv und so war klar, dass ich Die zehnte Muse von Alexander Pechmann auf jeden Fall lesen muss: Die Geschichte könnte man auch zur Schauerliteratur (siehe oben) zählen und handelt vom Maler Paul Severin, der im Zug in den Schwarzwald einen Engländer namens Algernon Blackwood kennenlernt. Blackwood erzählt Severin, dass er in London dessen Bild eines schwarzhaarigen, jungen Mädchens gesehen habe – und dass er dieses Mädchen vor zwanzig Jahren an einem Weiher nahe seines Internats gesehen habe. Doch wieso ist das Mädchen nicht gealtert? Es entspinnt sich eine rätselhafte, geheimnisvolle Geschichte, die am Ende ziemlich unerwartet aufgelöst wird. Lesenswert!

Märchenhaft geht es auch im Debüt von Verena Güntner zu. Power handelt von einem ziemlich selbstbewussten, sogar schroffen Mädchen, dass den verschwundenen Hund seiner Nachbarin finden will – und sich dermaßen in diese Suche hineinsteigert, dass die gesamte gesellschaftliche Ordnung im Ort aus den Fugen gerät. Sie nimmt alle Kinder in Schlepptau und zieht mit ihnen in den Wald, wo sie lernen sollen, wie Hunde zu handeln und zu denken. Die Eltern versuchen verzweifelt, ihre Sprösslinge zurückzuholen, trauen sich aber nicht in das Dickicht. Ein wundersames, verschrobenes Buch, herrlich absurd und absolut eindringlich geschrieben.

GeschenkeFamiliengeschichten

Elmet von Fiona Mozley habe ich im englischen Original gelesen, es ist aber kürzlich in der deutschen Übersetzung erschienen und trägt dort den gleichen Titel. Elmet ist der Name des Dörfchens in Yorkshire, in dessen Wälder sich John Smythe mit seinen Kindern Cathy und Daniel zurückzieht. Sie haben das kleine Häuschen eigenhändigt gebaut und versorgen sich größtenteils selbst, es ist ein friedliches Zusammenleben – nur ab und zu fährt der Vater zu Faustkämpfen, mit denen er sein Geld verdient. Als eines Tages ein Mann vor der Tür steht, dem die Wälder und das Grundstück angeblich gehören, beginnt für die kleine Familie ein Kampf um das eigene Zuhause. Eine Geschichte von Zusammenhalt inmitten von Neid und Missgunst.

Mit meiner Meinung, das The Offing von Benjamin Myers zu den schönsten Büchern des Jahres gehört, stehe ich nicht alleine da: Kürzlich wurde Offene See zum Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhandlungen gewählt. Es erzählt die Geschichte von Robert, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch England wandert, um seiner Bestimmtung als Minenarbeiter zu entgehen – und so die ältere Frau Dulcie kennenlernt. Zwischen ihnen entspinnt sich eine tiefe Freundschaft, die die Lebenseinstellung Roberts grundlegend ändern wird. Keine klassische Familiengeschichte, dafür ein richtig liebevolles Buch!

Können Häuser Geschichten speichern? Liest man den Roman Das Gartenzimmer von Andreas Schäfer, könnte man das denken. Als Frieder und Hannah in den 1990er Jahren ein altes Haus in Berlin-Dahlem kaufen, wissen sie zwar, dass es von einem berühmten Architekten erbaut wurde, aber nicht, welche grausamen Dinge darin passiert sind. Letztendlich reibt sich die Kleinfamilie – es gehört noch ein jugendlicher Sohn dazu – an dem Gebäude auf, da helfen auch die Lobeshymnen von Architekturliebhabern nicht. Die Geschichte entwickelt einen ziemlichen Sog; zu gerne wäre ich noch länger durch dieses Haus gewandert…

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Nature writing

Es ist 1933 und Edie Mather lebt mit ihrer Familie auf Wych Farm in Südengland, ihr Alltag ist geprägt von Arbeiten auf dem Hof und den Feldern, ihre freie Zeit verbringt sie mit Büchern oder Streifzügen durch die Natur. Eines Tages taucht die forsche Journalistin Constance Fitz Allen aus London auf, die die „alten Sitten und Bräuche“ der Landbewohner für ein Buch sammelt – darüber können die Menschen im Dorf nur Schmunzeln, heißen sie doch jeden Fortschritt willkommen. Constance bringt nicht nur eine romantische Vorstellung vom Agrarbetrieb mit, sondern auch gefährliches Gedankengut aus einer politisch aufgeheizten Zeit. All among the Barley von Melissa Harrisson (erscheint im Frühjar unter dem Titel Vom Ende eines Sommers auf deutsch) ist eine ruhige und dennoch spannungsgeladene Geschichte mit überraschendem Ende!

Ich weine wirklich selten bei Romanen, aber Zugvögel von Charlotte McConaghy (im Original: Migrations) hat mich voll erwischt. Wir befinden uns in der gar nicht so weit entfernten Zukunft, doch etwas ist anders: Es gibt kaum noch Vögel. Franny hat sich zum Ziel gesetzt, die verbliebenen Vögel auf ihrem Flug in den Süden zu begleiten, dafür heuert sie auf einem Fischkutter an. Doch ihre selbstzerstörerische Art bringt sie und die anderen immer wieder in Gefahr und erst nach und nach erfahren wir, warum sie sich so verhält – und was ihre Vergangenheit damit zu tun hat. Dieser Roman ist eine Wucht!

Der Verlag Matthes & Seitz ist eine sichere Bank, wenn ihr auf der Suche nach Büchern aus dem Feld des Nature writing seid. Viele von ihnen stammen aus Großbritannien, weshalb Wie ich ein Baum wurde von Sumana Roy (Originaltitel: How I became a tree) erfreulich raussticht: Die Autorin kommt aus Indien. Dort gibt es keine Eichen und Ahornbäume, dafür den Banyanbaum oder den Bananenbaum. Sumana ist seit ihrer Kindheit fasziniert von den stämmigen Pflanzen, die ihre ganz eigene Zeitreichnung zelebrieren – und auch keine Steuererklärung machen müssen. Weshalb sie selbst ein Baum werden möchte. Logisch, oder? Dieses Buch ist eigentümlich, skurril, verrückt und irgendwie ganz schön niedlich.

GeschenkeDas beste aus Indie-Verlagen

Natürlich dürfen auch die unabhängigen Verlage in dieser Liste nicht fehlen. Vor allem, weil Hintergrund für Liebe von Helen Wolff zu den zauberhaftesten Büchern gehört, die ich in diesem Jahr gelesen habe! Wir befinden uns in den 1930er Jahren, als eine namenlose Erzählerin mit ihrem ebenfalls namenlosen und zwanzig Jahre ältern Liebhaber an die Côte d’Azur reist – und sich dort miteinander überwirft. Die junge Frau mietet sich daraufhin ein kleines Häuschen in mitten von Zitronenbäumen, wo sie mit Fischerhut und Matrosenhose in der Sonne liegt, bis der Liebhaber wiederkommt und erneut um ihre Gunst buhlt. Eine zärtliche, kurze Liebesgeschichte, die ein sonnendurchflutetes Kopfkino auslöst..

Ich habe jahrelang bei einem Kunstmagazin gearbeitet, auf zahlreichen Vernissagen Wein genippt und Smalltalk geführt oder eigenbrötlerische Künstler*innen interviewt. Ein Mann der Kunst von Kristof Magnusson brachte die Erinnerung an diese wilde, von rotem Lippenstift geprägte Zeit zurück, dazu habe ich jetzt auch noch ein paar Lachfalten mehr: Seine Darstellung des eigenwilligen alten Künstlers KD Pratz, der zurückgezogen auf einer Burg im Rheingau lebt und eine Gruppe schwurbelnder Fördervereinmitglieder eines Frankfurter Museums empfangen soll, ist einfach zu köstlich!

Es fühlt sich an, als wäre es bereits Jahre her, aber: Im Januar habe ich mit Marina Frenk in einer russischen Bar in Kreuzberg zusammen Wodka getrunken, der Verlag hatte zu einer Buchvorstellung mit Borschtsch und Blinis geladen. Die Autorin las aus ihrer Geschichte um Kira, die mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Freund in Berlin lebt, die Beziehung ist längst erkaltet und Kira von Erinnerungen an ihren Umzug aus Moldawien Anfang der 1990er Jahre überwältigt. Realität und Traum verschwimmen darin immer wieder, und man sollte der Erzählerin nicht alles glauben. Denn oft ist es ewig her und gar nicht wahr.

Foto oben: Madara Parma / Unsplash

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