Literarischer Jahresrückblick 2018

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Noch ein Jahresrückblick? Aber klar: Ich möchte euch auch zeigen, welche Romane mich 2018 am meisten beeindruckt haben!

Zum Glück führe ich Listen: In meinem Tagebuch schreibe ich jeden Monat auf, welche Bücher ich gelesen habe, oft vergebe ich auch Schulnoten. Ohne diese Aufzeichnungen hätte ich wahrscheinlich schon längst den Überblick verloren – beruflich und privat lese ich quasi jeden Tag.

Ein Blick in die Notizen zeigt 2018 aber tatsächlich: lesetechnisch war es, wenn man alles zusammenzählt und den Durchschnitt bildet, eher mittelmäßig. Welche Romane trotzdem „das Rennen“ gemacht haben und Einzug in meinen Jahresrückblick halten? Voilá!

Literarischer Jahresrückblick

 

JahresrückblickGleich zu Beginn des Jahres zog mich ein Roman in seinen Bann, der anders war als gefühlt alles, was ich bis dahin gelesen hatte: In Das große Spiel von Céline Minard zieht sich eine namenlose Erzählerin in eine selbstgebaute „Wohnröhre“ in den Bergen zurück, um dort auszuprobieren, ob und wie ihr das Überleben in völliger Autarkie gelingt.

Wie kommt man auf Dauer mit der völligen Einsamkeit klar, wie macht man sich die Natur zum Freund – oder zum Feind? Als dann eine mysteriöse Figur in ihrem Terrain auftaucht, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Aus den nur 192 Seiten, von denen jede einzelne eine Wucht ist, strömt eine tiefgreifende Ruhe, die selbst das größte urbane Alltagsrauschen in ein sanftes Vogelzwitschern verwandelt.

Céline Minard, Das große Spiel, Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer. Matthes & Seitz, 2018. Gebunden, 192 Seiten, 20,-€

 

JahresrückblickBücher, die in West- oder Ost-Berlin vor dem Fall der Mauer spielen, lese ich besonders gerne: Weil ich zwar noch die DDR erlebt habe, aber nie in der geteilten Stadt war, fasziniert mich dieses Thema seit Jahren. So geriet ich auch an den Roman Was dann nachher so schön fliegt von Hilmar Klute: Angesiedelt im Ruhrgebiet in den 1980er Jahren, handelt die Geschichte von Volker Winterberg.

Der leistet gerade seinen Zivilidienst auf einer Station für Demenzkranke ab – seine Freizeit verbringt er damit, seine literarische Stimme in Gedichtform zu finden. Als er im Rahmen eines Wettbewerbs nach West-Berlin eingeladen wird, wittert er seine große Chance, endlich etwas zu erleben: Denn nur wer etwas erlebt, so ist er überzeugt, kann auch Schriftsteller sein.

Was dann nachher so schön fliegt ist letztendlich nur am Rande ein Berlin-Roman; es ist vielmehr die Suche eines jungen Mannes nach dem Sinn des Lebens, , nach Anerkennung für seine literarischen Erstversuche und nach der Bedeutung von Literatur überhaupt. Das liest sich angenehm ruhig, tiefgründig und nachdenklich – und gehört so auf jeden Fall zu meinen Highlights 2018.

Hilmar Klute, Was dann nachher so schön fliegt. Galiani Verlag, 2018. Gebunden, 368 Seiten, 18,99,-€

 

Jahresrückblick„Wer sich auf diese fantastische Geschichte einlässt, entkommt ihr nicht mehr“, heißt es im Klappentext von Susanne Röckels Roman Der Vogelgott. Und wie sehr das stimmt! Als ich im Spätsommer die erste Seite des Buches, das auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, aufschlug, war es (auch wenn das pathetisch klingt), gleich um mich geschehen: Röckl umkreist aus den Perspektiven dreier Protagonisten – drei Geschwister – einen rätselhaften Kult um einen Vogelgott, in dessen unheilbringenden Bann alle Figuren auf unterschiedlichste Art und Weise bis hin zur totalen Obsession hineingezogen werden.

Die einzelnen Episoden wirken dabei so authentisch, die beschriebenen Gemälde eines Künstlers so nah am Leben, dass man als Leser überzeugt ist, mehr dazu im Internet finden zu können. Aber vergeblich: Realität und Fiktion, Traum und Wachheit verschwimmen hier gekonnt, alles bleibt rätselhaft, mystisch und unaufgeklärt. Von der ersten Seite an hat mich der Roman in seinen Bann gezogen, bis ich auf der letzten Seite atemlos und leicht verstört wieder aus diesem gruselig-zauberhaften Kosmos auftauchte.

Susanne Röckel Der Vogelgott. Jung und Jung, 2018. Gebunden, 272 Seiten, 22,-€.

 

Mit Ralf Rothmann kann man eigentlich nie etwas falsch machen – und so schafft der 1953 geborene Autor es gleich mit zwei Romanen in meinen Jahresrückblick: Im Frühling sterben und Der Gott jenes Sommers. Ersterer wurde zwar schon 2015 publiziert, fand aber erst dieses Jahr zu mir – und so konnte ich fast nahtlos mit Der Gott jenes Sommers anschließen.

Auch hier befinden wir uns wieder auf dem kleinen Hof in der Nähe von Kiel, auch diesmal schreiben wir das Jahr 1945. Doch während im ersten Roman die Hauptrollen von Walter und Fiete ausgefüllt wurde, die kurz vor knapp noch an die Front müssen, verfolgen wir die Ereignisse diesmal aus den Augen der zwölfjährigen Luisa. Wie verhält man sich als junges Mädchen in diesen dunklen Zeiten des Krieges? Rothmann ist ein Meister großer Erzählkunst und diesbezüglich überzeugt auch sein neuester Roman auf ganzer Linie.

Ralf Rothmann Der Gott jenes Sommers. Suhrkamp Verlag, 2018. Gebunden, 254 Seiten, 22,-€.

 

„Transmittergewitter“: Wie lässt sich ein Drogenrausch auf einer Rave-Party in Worte fassen? Max Wolf hat es mit Glücksreaktor tatsächlich geschafft, den Endorphinladestatus seines Protagonisten Fred in passende Worte zu gießen. Fred ist zarte 17 Jahre alt und von zuhause ausgezogen, die meiste Zeit verbringt er mit seinem besten Freund kiffend in der Wohnung herumliegend. Bis sie zum ersten Mal Ecstasy einwerfen und sich vom wummernden Bass einer Techno-Party einhüllen lassen: Fortan zählt für Fred nur noch das Wochenende, Schule egal, es geht um tanzen, tanzen, tanzen – und selbstredend um eine große Menge an Drogen.

Max Wolf, das erzählte er mir im Gespräch, hat hier vieles aus seiner eigenen Jugend verarbeitet, doch haben sich seine Figuren durchaus literarisch von ihm emanzipiert. Mit seiner außergewöhnlichen, an die physikalische Fachsprache angelehnten Schreibweise entwickelt Glücksreaktor so selbst einen rauschhaften Lesekosmos, in dem man gelegentlich bis an die eigenen Grenzen geht – dabei immer ein bisschen harten Techno im Ohr. Starkes Debüt!

Max Wolf, Glücksreaktor. Tempo Verlag, 2018. Gebunden, 256 Seiten, 20,- Euro

 

Und jetzt ihr: Was waren für euch die fünf besten
Romane des Jahres 2018?

2 Kommentare

  1. Eine exzellente Auswahl, von der ich natürlich bis auf den Rothmann wieder nix gelesen haben. Schande über mich.
    Ganz vorne bei mir steht „Schermanns Augen“, aber auch viele andere Bücher, ich nicht in meine Best-Of-Auswahl untergebracht habe, fand ich stark. So z.B. „Befreit“ von Tara Westover, „Bittere Orangen“ von Claire Fuller oder „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler.

    • Fräulein Julia

      Man kann ja auch nicht alles lesen – von deinem Best Of habe ich auch noch nichts gelesen 😉

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