„Literatur am Montag“: Rot auf (schönem) Weiß

Foto: Flickr / Alex Bellink

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Aufgrund meiner Reise mussten wir die „Literatur am Montag“ im März ausfallen lassen. Umso mehr freue ich mich, dass Robert für den April wieder einen Text geschickt hat – und zwar einen, dessen Inhalt wohl den meisten von uns bekannt vorkommt…

Schon, als ich die Einkäufe in den Kühlschrank räumte, stand Jana hinter mir. Sie hatte bereits am Morgen durch eine SMS angekündigt, reden zu wollen. Sie sah mich einen Moment lang an und begann das Gespräch: Ich hätte wiedermal die falsche Milch gekauft. Ich entschuldigte mich, versprach, beim nächsten Mal die richtige Mandelmilch zu besorgen – und wusste irgendwie, dass dies nicht Gegenstand des eigentlichen Gesprächs war. Eine neue Mandelmilch zu besorgen sei nicht mehr notwendig, fuhr Jana fort. Ich würde „schnellstbald“ ausziehen müssen.

Das Wort „schnellstbald“ machte mir Sorgen. Eine ihrer Wortkreationen, mit denen ich nicht wirklich etwas anzufangen wusste. Sie habe „jemand Neues kennengelernt“, sagte sie dann und schwieg, weil es endlich ausgesprochen war. Da ich nicht antwortete, fuhr sie fort: Ich müsse das verstehen, sie sei sehr verliebt, sie wollen Kinder und „schnellstbald“ zusammenziehen, er habe sich bereits von seiner Frau getrennt, der Scheidungsanwalt würde da alles weitere klären, es ginge noch um das Sorgerecht für die Kinder, sie würden zunächst einen längeren Urlaub in Thailand ins Auge fassen wollen, sie hätten sich vor drei Wochen beim Yoga kennengelernt, ich müsse das verstehen, mit uns sei es ja schon seit Längerem nicht mehr so gut.

„Ja gut, das verstehe ich natürlich“, sagte ich und setzte mich an den Tisch, um mir ein Brot mit Erdbeermarmelade zu schmieren. Jana setzte sich mit zusammengefalteten Händen an die andere Seite des Tisches und fuhr fort: Ich werde sicher schnell eine neue Wohnung finden, ich dürfe den Hund mitnehmen, den habe sie eh noch nie gemocht, die gemeinsamen Sachen werde man aufteilen, dazu werde man sich etwas Zeit nehmen müssen, ich könnte ja zunächst sicher auch bei meinen Eltern unterkommen.

„Der Hund heißt Charles“, sagte ich. „Und meine Eltern sind bereits verstorben. Ich könnte zu Frank, der hat ein Zimmer frei, glaube ich.“ „Ja, das ist doch gut“, sagte Jana. Die Karten für das Beatsteaks-Konzert nächste Woche könne ich ja bei Ebay verkaufen, oder verschenken, oder mit Frank hingehen, das sei doch eine gute Idee. Sie habe die Beatsteaks eigentlich nie wirklich gemocht. „Wir haben uns vor acht Jahren auf einem Beatsteaks-Konzert kennengelernt“, sagte ich und aß ein Stück von meinem Brot. Jana zündete sich eine Zigarette an und starrte auf das rot-weiß karierte Tischtuch, das wir gemeinsam während eines Urlaubes in Italien gekauft haben. Ich fragte mich, wer von uns beiden es wohl bekommen würde.

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„Wir sind seit acht Jahren zusammen“, sagte ich dann. „Ich weiß“, sagte Jana, stand auf und holte sich einen kleinen weißen Teller, dazu Messer und Gabel aus der Schublade. Dann setzte sie sich wieder und sah auf das Tischtuch aus Italien. „Ich finde es gut, dass du das verstehst“, sagte sie nach einer Weile.
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Sie werde die heutige Nacht übrigens mit Antoni in einem Hotel übernachten, aber ich solle dies bitte nicht Andreas und Maike erzählen, es sei besser, wenn sie es den beiden erzählen würde. Unsere gemeinsamen Freunde würde ich natürlich auch weiterhin sehen können, dies stünde ja jedem frei, ihre Eltern habe sie bereits informiert, sie würden sich sehr freuen, dass ihre Tochter endlich jemanden gefunden habe.

„Wir sind seit acht Jahren zusammen“, sagte ich. „Ich habe die Küche erst vor zwei Wochen gestrichen. Schau, alles schön weiß.“ „Das sagtest du bereits. Und ja, die Küche ist wirklich schön weiß“, sagte Jana und drückte ihre Zigarette aus. Sie wolle mit dem Rauchen aufhören. Und sie habe auch keinen Hunger, sie sei mit Antoni für neun Uhr im Restaurant verabredet. „Ich bin froh, dass es endlich raus ist“, sagte sie dann. „Es hat mich in letzter Zeit sehr belastet.“

Sie nahm das Messer, streckte sich über den Tisch und stach es mir mit einem heftigen Stoß ins Herz. Sie brauchte eine Weile, um mein Herz aus meinem Körper zu bekommen. Um die Kopf- und Halsarterien sowie die obere und untere Hohlvene durchzutrennen, griff sie zur Geflügelschere, die auf der Ablage neben dem Kühlschrank lag und mit der ich noch gestern das Hähnchen zubereitet hatte. Mit dem aufgespießten Herz setzte sich Jana wieder an ihren Platz. Sie könne gut verstehen, wenn mich die Trennung belasten würde. Auch für sie sei es nicht leicht. Daher solle man zusehen, alles „schnellstbald“ durchzukriegen. Ich versuchte erneut, ein Stück von meinem Brot abzubeißen, aber es gelang nicht und ich legte es daher zurück auf den Teller.

Ich sah Jana dabei zu, wie sie mein Herz in kleine, mundgerechte Stücke schnitt. „Wir sind seit acht Jahren zusammen“, wiederholte ich mich erneut. „Und du kennst ihn gerade mal seit drei Wochen“. Es täte ihr sehr leid, sagte Jana und steckte sich ein Stück von meinem Herzen in den Mund. Ich solle es bitte nicht noch schwieriger machen, als es eh schon sei.

Sie kaute mein Herz mit den hinteren Zähnen, als sei es ein blutiges Steak, sehr zäh und ledrig. Ich hatte immer gedacht, mein Herz würde mehr nach Hühnchen schmecken, gut durch und leicht zu kauen, schön zart. Jana nahm eine Serviette und spuckte das angekaute Herz hinein, ich sah sie leicht würgen, einen Brechreiz unterdrücken. „Entschuldige bitte“, sagte sie. „Schon gut“, sagte ich. Jana stand auf und holte Ketchup und Senf aus dem Kühlschrank. „Das mit uns beiden war es einfach nicht“, sagte sie und tunkte ein Stück meines Herzens in eine Mischung aus Senf und Ketschup. „Das mit uns beiden war es einfach nicht“, wiederholte ich in meinen Gedanken.

Jana würgte das Stück Herz herunter, nachdem sie erneut mehrfach darauf herumgekaut hatte. Erneut musste sei einen Brechreiz unterdrücken. „Entschuldige bitte“, sagte sie erneut. „Ich wollte das alles auch nicht und wünschte, es wäre anders, aber auch du wirst sicher jemand anderen finden. Bestimmt wird es uns möglich sein, Freunde zu bleiben. Anfänglich wird es sicher nicht leicht werden und ich denke, dass Abstand sehr wichtig ist. Aber ich wünsche dir das Beste.“

Sie stand auf, nahm den kleinen weißen Teller mit meinem zerschnittenen Herzen darauf und schob es mit dem Messer in den Fressnapf für den Hund. „Tut mir echt leid“, sagte sie und ging aus der Küche. Schon lief Charles herein, strich einmal um meinen Stuhl, ich streichelte ihn kurz, und dann verschlang er mein Herz binnen Sekunden.

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Webseite von Robert Klages

Lesebühne Sprechstunde:Nebensatz
Robert liest übrigens an jedem ersten Mittwoch im Monat im Rahmen der dreisprachigen Literaturreihe “Der lesende Krake” im Raum B!

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