„Literatur im Dialog“: Die Mauer zwischen den Buchdeckeln

Literatur im Dialog

Was ist deutsche Gegenwartsliteratur – und wie wurde sie in den letzten 40 Jahren durch die Existenz zweier deutscher Staaten geprägt? Ganze 25 Jahre lang führte Carsten Gansel für „Literatur im Dialog“ Interviews mit AutorInnen, die daran maßgeblich beteiligt waren.

„Autoren haben in der DDR eine größere Rolle gespielt. Die Regierung in der DDR hat sich über einige Autoren furchtbar aufgeregt. In der Bundesrepublik war die Aufregung über Autoren nicht so groß, aber die hat es auch gegeben“ – mit diesem Zitat von Stefan Heym, der 1997 mit Carsten Gansel über seine Arbeit als Schriftsteller sprach, wird der Grundtenor dieses Buches erfasst: Schriftstellern und ihren Werken wurde in der DDR eine größere Bedeutung beigemessen als auf der anderen Seite der Mauer.

Allerdings nicht so sehr aus ästhetischen Gründen oder Liebe zur Literatur, sondern weil Bücher eine der wenigen Möglichkeiten waren, in diesem Staat seine Meinung zu äußern – wenn auch in sprachlich verschlüsselter Form. Die Zensur arbeitete daher mit scharfem Messer und die Staatssicherheit hatte ein besonderes Auge auf jeden, der es wagte, das System zu kritisieren – wie Stefan Heym zum Beispiel, der bis zum Mauerfall 1989 der „bekannteste Dissident“ der DDR war, da er sich einst öffentlich mit Walter Ulbricht angelegt hatte. Doch „die Dissidenten haben heute ihre Popularität völlig eingebüßt. Sie haben nichts mehr wogegen sie kämpfen können. Beide Seiten, Leser wie Dissidenten, haben das Interesse aneinander verloren. Eine Literatur ohne Leser kann aber nicht lebendig sein“, ist Tschingis Aitmatow überzeugt. Politische Diskussionen finden heute nicht mehr in der Literatur statt.

Drei Generationen sind es, die in den versammelten Interviews zur Sprache kommen: Die „Gründungsgeneration“ der Nachkriegsliteratur mit Günter Grass, Christa Wolf, Hermann Kant oder Erich Loest, die „Hineingeborenen“ wie Christoph Hein, Reinhard Jirgl und Peter Kurzeck und die jüngste Generation – Alexa Hennig von Lange und Thomas Brussig z.B. – die mit ihren Texten kurz nach der Wiedervereinigung debütierten.

Literatur im DialogWährend die jüngeren wenig Probleme hatten, sich mit der neuen Situation zu arrangieren, knabberte die ältere Autorengeneration an diesem Umbruch: Mit der Mauer fiel auch das Thema, an dem man sich all die Jahre abgearbeitet hatte, fehlte plötzlich der Widerstand.

„Wo Offenheit existiert, stößt man schwerer an ‚Grenzen des Sagbaren'“, zitiert Carsten Gansel im Gespräch mit Werner Heiduczek, doch dieser plädiert dafür, die Literatur wieder stärker als Kunst anzusehen: „Wenn Schriftsteller 40 Jahre lang gehalten waren, gegen eine zunehmend pervertierende Staatsmacht anzuschreiben, laufen sie natürlich Gefahr, der Kunst nicht mehr zu geben, was der Kunst ist. Sie übernehmen Aufgaben, die Sachen der Medien sind.“ Könne man nicht einfach wieder Geschichten um der Geschichten Willen schreiben?

Doch in der DDR waren die Medien gleichgeschaltet und erlaubten keine kritischen Worte – weshalb man diese indirekt zwischen Buchdeckel packte. Ein gutes Pflaster dafür bot die Kinderliteratur: „Man konnte Doppeldeutigkeiten erzeugen, die für den erwachsenen Leser gedacht waren. Das wurde ja von einigen Autoren in der DDR geradezu meisterhaft gemacht“, erzählt Lutz Rathenow, der sowohl für Erwachsene als auch für Kinder schrieb. Doch natürlich machte auch hier die Zensur nicht die Augen zu – viele Texte wurden in der DDR nicht veröffentlicht, sehr oft schrieb man „für die Schublade“.

„Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989-2014“ ist ein derart vielschichtiges Buch, dass eine Zusammenfassung schwerfällt – zu viele ausdruckstarke Zitate finden sich darin, zu viele spannende Diskussionen, Erinnerungen und Anekdoten füllen diese knapp 800 Seiten. Wie eine Art geschichtliches Lexikon kann man es immer wieder zur Hand nehmen und sich ein oder zwei Interviews zu Gemüte führen (natürlich kommen aus Autoren aus dem „Westen“ zu Wort), erfährt dabei viel Neues und liest so manches, was mit der Zeit schon etwas abgegriffen wirkt. Aber langweilig wird es dennoch nie! Ein Muss für Alle, die sich intensiver mit der Geschichte der deutschen Literatur und ihren Spannungsfeldern auseinandersetzen möchten!

Carsten Gansel, Norman Ächtler (Hrsg.)
„Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989-2014“
Verbrecher Verlag, 2016
Taschenbuch, 776 Seiten, 26,- Euro
ISBN: 9783957321176

 

Kategorie Allgemein

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