Lust und Frust in Westberlin

WestberlinWest-Berlin 1985 / Foto: Wikimedia Commons, Akitoshi Iio

Wir reisen erneut ins Westberlin der 1980er: Till Raether hat mit „Treue Seelen“ einen atmosphärisch dichten Roman aus der Zeit der Frontstadt geschrieben.

Man kann sich das ja heutzutage kaum mehr vorstellen. Dass ungefähr die Hälfte von Berlin für 28 Jahre von einer Mauer umgeben war. Die ja streng genommen um die DDR gezogen wurde, aber eben genau das damit tat: Westberlin einmauern. In dieser Enklave im „roten Meer“ versammelten sich alle, die keine Lust auf das piefige Westdeutschland hatten, die dem Wehrdienst entgehen oder von der Berlin-Zulage profitieren wollten (kann man sich auch nicht mehr vorstellen: Dass die Stadt damals glitzernde Image-Filme drehte und eben jene Zulage auf die Gehälter draufsetzte, um Menschen aus anderen Ländern und Regionen anzulocken!).

Achim, Hauptfigur des Romans Treue Seelen, verlässt 1986 die beschauliche Hauptstadt Bonn Richtung eben jenes Westberlin, weil er eine Stelle beim Amt für Materialprüfung bekommen hat, wo er unter anderem Feuerwerkskörper auf ihre Tauglichkeit überprüft. Mit seiner Freundin Barbara im Schlepptau bezieht er eine viel zu große Wohnung in Zehlendorf, das liegt damals im amerikanischen Sektor.

Streng genommen hat es in ihrer Beziehung auch vorher schon gekrieselt, aber unter dem Brennglas der Frontstadt, aus der man nicht mal einfach so wegfahren kann, wird die Krise größer. Hinzu kommt die Katastrophe in Tschernobyl, im Buch immer wieder „Tschernobbl“ oder „Tschernobühl“ genannt, die bei Barbara große Panik vor jedem Nieselregen auslöst. Was kann man eigentlich noch essen und trinken? Frische Sachen jedenfalls nicht.

Westberlin

Achim gehört eher zur Sorte Naivling, macht sich nicht viel aus den Werten, die dank radioaktiver Wolke über Berlin – und zwar beiden Seiten – gemessen werden. Er hat sich nämlich längst in seine Nachbarin Marion verliebt, mit der er sich zu heimlischen Stelldicheins auf dem Dachboden zwischen Bettlaken und Wäscheleinen trifft. Marion ist kurz vor dem Mauerbau als Teenager in den Westen geflohen; eigentlich wollte sie nur weg von ihrer Mutter, aber dann ist sie in der S-Bahn eben einfach sitzen geblieben. Jetzt ist sie verheiratet und Mutter von Zwillingen. Die Affäre mit Achim bringt etwas Pfiff in ihr Leben, wie man damals wohl gesagt hätte. Aber außereheliche Affären gehen meistens nicht gut auf lange Sicht. Das wissen auch Achim und Marion.

Till Raether, der 1969 in Koblenz geboren wurde, ist in Westberlin aufgewachsen und kennt die Verhältnisse von damals also aus nächster Nähe. Das merkt man auch: Anders als bei so manchem Roman, der in dieser Zeit spielt, kann man hier keine Liste ortstypischer Eigenheiten abhaken. Auch wenn die wichtigen Eckpunkte natürlich vorhanden sind: Mauer, Grenzübergänge, Stasi, Sektorengrenzen, Berlin-Zulage, Kurfürstendamm, Liebling Kreuzberg  und so weiter, es ist mitnichten ein Buch für „Insider“.

„Das Gegenteil von sich spüren war, wenn vormittags was von gestern wiederholt wurde, Praxis Bülowbogen oder Liebling Kreuzberg. […] Die Musiken am Anfang. Was für eine tiefe Traurigkeit einen dann erfüllte, eine maximale Entfernung von sich selbst und ein Universum von Melancholie, von Sehnsucht nach Dazugehören und endlich nicht mehr schuld sein. Sie konnte kaum atmen, wenn das kam mit diesen Saxofonen und Mundharmonikas und Streichern […]“

Raether arbeitet stärker mit einer ruhigen, dafür sehr authentischen Atmosphäre, die das Leben im Westberlin der 1980er lebendig werden lässt, ohne es schrill in den Vordergrund zu stellen. Dort steht vielmehr die Affäre zwischen Achim und Marion, die beide für ein paar Sommermonate aus den Latschen kippen, ihr Leben aus den Fugen geraten, sie alles infrage stellen lässt.

Während Marion eher pragmatisch an die Sache herangeht, lässt sich Achim mit Inbrunst von seinen Verliebtheitsgefühlen treiben. Das ist herrlich zu lesen, weil so nachvollziehbar: Die Welt erscheint ihm rosiger und die Menschen freundlicher, selbst hartnäckige Probleme scheinen lösbar unter dem Einfluss der Hormone. Wird schon werden, alles. Dem Autor gelingen in diesen Szenen Beschreibungen, auf die man gerne selbst gekommen wäre:

„Wie schön das gewesen war, zum ersten Mal nackt vor Marion. So ein Moment von: Da sind wir jetzt. Jetzt geht es nicht mehr zurück. Unnackt konnte er sich nicht mehr machen, das war das Besondere an diesem Moment […]“

Das sind die wenigen Augenblicke, die diesem sonst sehr blassen, absolut durchschnittlichen, dreißig Jahre alten Mann – von dem wir noch nichtmal erfahren, wie er aussieht – ein wenig Kontur geben. Die restliche Zeit wird er zur austauschbaren Type, auf den wir als Leser*innen unsere Erfahrungen projizieren können. Das ist Stärke und Schwäche des Romans zugleich: Waren wir nicht alle schonmal bis über beide Ohren verliebt in jemanden, haben uns absolut irrational verhalten und uns eventuell sogar in Lügen verstrickt, können uns also mit Achim identifizieren? Gleichzeitig wirkt die Hauptfigur dadurch austauschbar und blass, es bleibt nicht viel von ihr (und auch nicht von den anderen Charakteren) hängen, wenn man den Roman ausgelesen zur Seite legt.

Treue Seelen unterscheidet sich von „klassischen“ Berlin-Romanen, weil er nicht im quirligen Kreuzberg im Schatten der Mauer spielt, wir mit der Hauptfigur nicht durch die ranzigen Bars in SO36 tingeln und über die Welt philosophieren – wie es etwa in Ulrich Peltzers Buch Das bist du geschieht. Wir lernen die eingemauerte Stadt vielmehr auf beschauliche Art kennen, auch wenn Zehlendorf damals ebenfalls am Rand lag. Aber eben am ruhigeren Rand. Wo Platz war für den „ganz normalen Alltag“ zwischen Büro, angeknackster Beziehung und hormongesteuerter Affäre – und die Weltgeschichte in den Hintergrund gerät. Till Raether weiß das sehr gekonnt einzufangen.

Till Raether
Treue Seelen
btb Verlag, 2021
Gebunden, 352 Seiten, 20 Euro