Männer, die auf Felsen klettern

Elbsandsteingebirge

Ein Mann kommt zurück in seine Heimat, die keine Heimat mehr ist: „Elbwärts“ von Thilo Krause erzählt von der Suche nach Halt in einer zerfallenden Welt.

Knapp 22 Prozent holte die AfD bei der Landtagswahl im Herbst 2019 in dem Wahlkreis, zu dem auch Bad Schandau gehört, das man ungefähr als „Hauptstadt“ der Sächsischen Schweiz bezeichnen könnte. Als ich die Gegend, in der ich sehr gerne durch Sandsteinschluchten wandere, das letzte mal besuchte, war das Wahlergebnis gerade bekanntgegeben worden. Beim Spaziergang durch die Dörfer, entlang der kleinen Häuser, in denen Nachbarn über den Gartenzaun einen Plausch hielten, drängte sich uns die Frage auf: Warum wählen hier so viele eine offen rechtsgerichtete Partei, die alles Fremde ablehnt und den Opferstatus beharrlich kultiviert? Wieso der Hass auf „die Anderen“, „die Ausländer“, von denen es dort gar nicht viele gibt – und was soll überhaupt diese Pauschalisierung?

Es ist diese Atmosphäre des „ihr habt hier nichts zu suchen“, die sich auch durch den Roman von Thilo Krause zieht. Elbwärts spielt genau dort, in Bad Schandau und den umliegenden kleineren Dörfchen; am Fuße der berühmten Basteibrücke, die hoch oben zwei Kleckerburgfelsen miteinander verbindet. Unterhalb dieses Touristenhotspots lässt sich der Erzähler gerne für ein Schläfchen nieder, denn er kennt sich hier aus: Dies ist die Gegend, in der er, zum Ende der DDR hin, aufgewachsen ist und mit seinem Freund Vito abenteuerliche Erkundungstouren in die Felsenlandschaften unternahm.

„Jeden Tag zogen wir hoch in den Wald, wo die Felsblöcke wie Häuser zwischen den Stämmen lagen. Eine Stadt aus Sandstein nur für uns. Wir schlichen durch die Felsgassen, erkundeten Block um Block. […] Wir wussten, dass die Blöcke unbestiegen waren, terra incognita, so krautig grün, so lächerlich im Vergleich zu den Riffen und Gipfeln.“

Nachdem Vito bei einer ungesicherten Klettertour abrutschte und als Folge dessen ein Bein verlor, die Familie sich zunehmenden Repressalien aus der Dorfgemeinschaft ausgesetzt sah und der Vater – der jahrelang für die Wismut Uran abgebaut hatte – an Krebs erkrankte, verließ der Erzähler mit seine Eltern die Gegend. Jetzt, als erwachsener Mann, ist er mit Freundin und Tochter zurückgekehrt, hat ein Haus mit Apfelbäumen im Garten und Blick auf die Gebirgszüge gekauft. Doch seine Nachbarn begegnen ihm mit Misstrauen: Wer ist dieser junge Mann, der meistens barfuß durchs Dorf läuft, stundenlang in den Wäldern verschwindet und vergisst, seine Tochter aus dem Kindergarten abzuholen?

Elbsandsteingebirge

Dass der Erzähler nicht aus purer Nostalgie aus der Stadt zurück aufs Lands gezogen ist (zudem nicht in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, sondern ins Nachbardorf), wird schnell klar: Obwohl es bereits Jahrzehnte her ist, gibt er sich noch immer die Schuld daran, dass Vito damals an der Felswand abrutschte – eine Schuld, die ihm unter anderem durch seine regimetreuen Lehrer mit scharfen Worten eingetrichtert wurde:

„Der Direktor sagte, was er zu sagen hatte, wie wir dagegengehandelt hatten, was uns als gute Pioniere auszeichnen sollte. Vito würde den Rest seines Lebens nur ein Bein haben. Ich müsste mich den Rest meines Lebens verantwortlich fühlen.“

Wir sehr sich diese Belehrung im Kopf des Erzählers festgesetzt hat, ist noch immer spürbar. Weil er damals Verantwortung für Vito hätte übernehmen müssen, dies aber in seinen Augen nicht getan hat, schreckt er auch als junger Vater genau davor zurück: Nicht nur seine Tochter ist ein Kind, auch er schafft es nicht, wirklich erwachsen zu werden. Natürlich ist es schön, einen Vater zu haben, der Pflanzen bestimmen und Felsen erklettern, Sternbilder lesen und einen Unterschlupf im Wald bauen kann – doch für die Beziehung zu Christina, die faktisch zwei Kinder zu versorgen hat und die Familie mit ihrem Job allein ernährt, ist es eine arge Belastungsprobe. Zur Seite steht ihm erneut Vito, obwohl sie all die Jahre nichts voneinander gehört hatten.

Hinzu kommen die offenen Anfeindungen der Nachbarschaft, die den Erzähler und seine kleine Familie als störende Eindringlinge betrachten und ihn aufgrund seiner Freundschaft zu einem tschechischen Busfahrer (die Grenze ist nur einen Steinwurf entfernt) verachten. Als dann das große Hochwasser die Elbe über die Ufer treten lässt und die umliegenden Dörfer überschwemmt, eskaliert die angespannte Atmosphäre hin zu einer wahren Hetzjagd.

Erzähler

In Elbwärts verhandelt Thilo Krause gleich mehrere universale und bedeutungsschwere Themen: Heimat (und der Missbrauch des Begriffs), Vaterschaft, Männlichkeit, Freundschaft, Verantwortung und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, ihre Tendenz nach rechts. Zwar wird letzteres nur am Rande behandelt (z.B. wenn der Erzähler in einer Felsenhöhle ein „Nazicamp“ findet und die Hakenkreuz-Schmiererein an den Wänden entfernt), zieht sich aber, wie eingangs erwähnt, als unangenehmes Hintergrundrauschen durch den Roman.

Dass sich der Erzähler vor der angespannten Atmosphäre nicht in seine Rolle als moderner Mann und fürsorglicher Vater hineinfinden kann, dass die Schuldgefühle von damals ihn nicht immer aufrichtig handeln lassen, dass er sich in dieser Welt immer häufiger klar positionieren muss – das macht diesen Text ebenso zeitlos wie aktuell. Obwohl Thilo Krause, der auch als Lyriker in Erscheinung tritt, die Geschichte in einer kühlen, fast schon spröden Sprache erzählt und den Leser stets auf Distanz hält, bleibt sie deshalb noch lange im Kopf.

Thilo Krause
Elbwärts
Hanser Verlag, 2020
Gebunden, 208 Seiten, 22 Euro