Maximaler Spaß mit Minimal House

Berlin

Berlin-Logbuch XX: „Unglaublich, aber es ist tatsächlich wahr: ich bin mal wieder ausgegangen. Und zwar richtig.“

Nachdem ich mich zu Beginn des Abends durch ein paar Museen anlässlich der „Langen Nacht der Berliner Museen“ gequält hatte (Anne Frank Museum, Deutsches historisches Museum, Lumas Galerie, Filmmuseum), aber schnell beschlossen hatte, dass es mir nun wirklich zu voll ist, bin ich lieber zu G. gegangen, der mich eingeladen hatte mal vorbei zu schauen. Und da ich mir fremde Wohnungen ja immer gerne anschaue, habe ich mich dann auch schnell aufgemacht, und mich zu der fröhlichen Männerrunde in seinem Wohnzimmer gesellt. Warum bin ich hier eigentlich nur von Männern umgeben? Vielleicht sollte ich darüber einmal nachdenken.

Auf diverse Sitzgelegenheiten verteilt saßen jedenfalls noch drei weitere Vertreter des männlichen Geschlechts, einer davon ganze zwei Meter groß, einer Ire. So hatte ich nach der üblichen Vorstellungsexkursion (Wo kommst du her – Was machst du hier – Wie lang bleibst du noch – Woher kennst du G.) auch noch ausgiebig Gelegenheit, ein bisschen auf Englisch zu „schnacken“. Seltsamerweise musste ich auch hier wieder den Rest überzeugen, das Köln keineswegs im Ruhrgebiet liegt, und das Bonn wirklich eine schöne Stadt zum studieren ist, und absolut nicht aus Plattenbauten besteht. (Wer bitte kommt auf so etwas?)

Nachdem ich dann noch schnell G.s Schlafzimmer begutachten musste, weil ich den Tick habe, Männer ein wenig danach zu beurteilen, was für Bettwäsche sie haben (Äähm- Sailor Moon Bettwäsche – ich verkneife mir hier jeglichen Kommentar und sehe ausnahmsweise einmal von einer Wertung ab) wurde ich dann doch etwas stutzig, als der Große – M. glaube ich – einen riesigen Spiegel aus seiner WG holte und ein winziges Päckchen Koks auspackte. Kurzzeitig habe ich mich etwas gewundert, auch wenn G. mich schon letztes Mal gewarnt hatte, dass in der Werbebranche ordentlich viel von dem Zeug den Weg in die Nasen der Mitarbeiter findet.

April 2020: „Guten Morgen aus der 2000er-Gedächtnis-Bettwäsche“, schreibt mir G.

Es war ganz interessant mal bei der ganzen Aktion zu zu schauen, auch wenn G. und ich (Wir hatten dankend abgelehnt) nachher die unglaubliche Redeschwälle der Betroffenen über uns ergehen lassen mussten. Tja, aber es ist ja nicht meine Nase, die danach anfängt zu bluten, da ist jeder selber für verantwortlich – klar könnte ich es ausprobieren, aber was bringt es mir, mich danach total frisch und redelustig zu fühlen? Das kann ich auch so haben, diese Symptome treten neuerdings bei mir schon nach einem Milchkaffe auf. Und der ist bedeutend preiswerter als ein Gramm Koks.

Irgendwann haben wir es dann sogar geschafft uns aufzumachen Richtung Rosi’s – dorthin zu gehen ist natürlich nicht sehr ausgefallen, aber für mehr Kreativität hat es an diesem Abend nicht gereicht. Und das, obwohl wir eigentlich alle aus einer kreativen Branche kommen. (Ich zähle mich jetzt einmal dazu) Im Rosi’s dann erstmal unbeschreibliche, abgestandene Hitze – und Minimal House. Ich hatte ja vorher gutmütig behauptet, dass House ja eigentlich ganz gut ist, kann man ja schön drauf tanzen und so weiter. Aber Minimal House ist tatsächlich nur sinnloses Bass-Gestampfe, bei dem die Sofas vibrieren und man keinen vernünftigen Weg finden kann, sich darauf zu bewegen. Vorausgesetzt man möchte nicht aussehen wie ein Hampelmann auf LSD oder ein großer M. auf Koks…

Also haben wir uns lieber zum Quatschen auf ein gemütliches, nicht ausschließlich vibrierendes Sofa in den kleinen Raum zurückgezogen, wo ich bei unserer ersten Begegnung die verhängnisvolle Lampe abgerissen hatte – die ist längst wieder befestigt. Auch wenn die Musik etwas nervtötend war, hab ich es lange in dem Club ausgehalten, und bin endlich mal wieder im Morgengrauen nachhause gebracht worden. Ich bin ja offen gegenüber allen möglichen Musikstilen, aber Minimal House muss es fürs erste nicht mehr sein.

Playlist:
Guido Schneider & Jens Bond: „Oh My Buffer


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!