Meine 500 besten Freunde

Johanna Adorján / Foto: Alfred Steffen

Johanna Adorján / Foto: Alfred Steffen

Dieser Erzählband piekst ein bisschen: Mit Meine 500 besten Freunde hält Johanna Adorján der Berliner Kulturszene den Spiegel vor und entlarvt diese als unerbittliche Brutstätte von Heuchelei und Selbstbetrug.

„Wir saßen damals oft im Borchardt. Ein paar Jahrzehnte später waren wir tot, aber wir saßen oft im Borchardt damals und hielten das alles für sehr wichtig“. 13 Kurzgeschichten hat die gebürtige Dänin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, veröffentlicht: 13 satte Backpfeifen für die Kreativszene der Hauptstadt, die sich im Glanz ihres eigenen Selbstbetrugs sonnt und ihre Champagnerlaune hauptsächlich mittels Freigetränken auf diversen Premierenfeiern und Vernissagen aufrechterhält.

Die Figuren schlafen sich durch die komplette Kulturredaktion, um endlich eine feste Stelle zu ergattern, sie ertränken ihre Frustration in Alkohol oder betäuben ihre Einsamkeit in Drogenexzessen. Das Verhängnisvolle: Bezogen auf die Kulturszene ist Berlin ein Nest, jeder kennt jeden, man begegnet den immergleichen Gesichtern an den immergleichen Orten. Ein falscher Schritt und der Ruf ist ruiniert.

cover„Die Besten der Besten“ heißt die Erzählung um den Journalisten Theodor Quast, der für die Auszeichnung der „Edelfeder“ nominiert wurde und in Gedanken bereits seine Dankesrede hält – wer sollte den Preis denn schon gewinnen, wenn nicht er? Die Kollegen sind doch alles Stümper. Dass Quast den Preis letztendlich nicht erhält, geschieht ihm recht, denkt man – sollte ein derartig hochmütiger Mann denn auch noch für seine Arroganz belohnt werden?

Ähnlich verläuft es bei Angie, der bemitleidenswerten Dauer-Praktikantin, die sich bei den Kollegen anbiedert – und bei Bedarf auch mit ihnen ins Bett geht. Der Gedanke, dass im Journalismus Können einen höheren Stellenwert haben könnte als große Brüste, ist ihr offensichtlich zu abwegig. Eine Schauspielerin, die sich Star-Allüren ob einer winzigen Nebenrolle in einem Kinofilm anmaßt, ein Soap Darsteller, der auch im Gespräch mit seiner Therapeutin nicht von seiner Rolle lässt, ein Paar, dass die Ausstellungseröffnung einer Galerie nur besucht, um gesehen zu werden und sich an den kostenlosen Getränken zu bedienen. Die Protagonisten bleiben so blass wie die Haut nach einem endlos langen und lichtlosen Berliner Winter. Typisch Hauptstadt?

Spätestens nach den ersten beiden Erzählungen macht sich im Leser ein leicht beklemmendes Gefühl breit: Hängen wir da nicht auch alle irgendwie mit drin? Kennen wir das nicht auch, diesen lästigen Small Talk auf Premierenfeiern, das aufgesetzte Lächeln, das geheuchelte Interesse? Johanna Adorján weiß offenbar sehr gut, wovon sie spricht. Und sie verpackt dieses Wissen in nüchterne und scharfzüngige Sätze, die einen äußerst unangenehmen Beigeschmack zurücklassen – bitterböse und doch so wahr.

Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde. Luchterhand, 2012. Gebundenes Buch, 256 Seiten. 18,99 Euro. ISBN: 978-3-630-87354-1

Kategorie Allgemein