Meine Top Nine von 2019

Nine

Zeit für einen literarischen Jahresrückblick, oder? Das sind die neun Bücher, die mich in diesem Jahr ohne Einschränkungen überzeugt haben.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, komme ich dieses Jahr auf 86 Bücher, die ich gelesen habe – sei es für meine Arbeit als Kulturjournalistin oder einfach aus Spaß an der Freude. Wie wählt man da aus, welche zu den Highlights des Jahres gehören? Und kann man sich bei der Menge überhaupt erinnern, welchen Eindruck die Bücher jeweils hervorgerufen haben?

Weil ich jedes gelesene Buch auf einer Liste notiere und ihm eine Schulnote gebe, ist mir die Auwahl für das Lesejahr 2019 etwas leichter gefallen. Voilá, hier kommen meine Top Nine (nicht nach Priorität, sondern nach Farben geordnet…)!

Nine

Rupert Thomson erzählt die Geschichte der beiden Künstlerinen Claude Cahun (die eigentlich Lucy Schwob hieß) und Suzanne Malherbe (genannt Marcel Moore), die viele Jahrzehnte zusammenlebten, sich in der Männerdomäne durchsetzen mussten und dennoch Szene der Pariser Surrealisten aufmischten. Ein richtiger Schmöker!

Ich weine nicht oft bei Romanen, aber, so viel sei verraten: David Wagner hat mich tatsächlich zu Tränen gerührt. „Der vergessliche Riese“ erzählt die Geschichte seines Vaters, der an Demenz erkrankt ist und nach und nach vergisst, wer er ist und was er in seinem Leben erlebt hat. Wagner beschreibt die Begegnungen zwischen ihnen einfühlsam, mit viel Geduld und einer Menge Humor.

Natürlich, Mareike Fallwickl darf nicht fehlen! Ich wurde tatsächlich als eine der ersten „gewengert“ und durfte bereits im Frühjahr die Geschichte um den Kotzbrocken Wenger lesen, der mysteriöse Briefe einer ihm unbekannten Frau erhält – die nicht für ihn bestimmt sind, die er aber trotzdem liest. Die vielen Unterstreichungen im Buch und meine Erinnerungen an zahlreiche Schmunzelanfälle machen diesen Titel definitiv zu einem Spitzentitel 2019!

Rupert Thomson: Never anyone but you, secession Verlag // David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt Verlag // Mareike Fallwickl Das Licht ist hier viel heller, Frankfurter Verlagsanstalt

Top Ten

Sal wurde mir auf der Frankfurter Buchmesse als „musst du diesen Herbst lesen“-Tipp in die Hand gedrückt – zu Recht! Es handelt von den beiden Mädchen Sal und Peppa, die einem brutalen Stiefvater aus dem Weg gehen, indem sie in die schottischen Wälder fliehen und dort versuchen, als Selbstversorger zu überleben. Das ist natürlich nicht so einfach. Eine ziemlich starke Geschichte!

Christiane Neudecker nimmt uns in ihrem neuen Roman mit in die 1990er Jahre in Prenzlauer Berg (deswegen fand dieses Buch auch zu mir), an eine Schauspielschule und zu fünf jungen Menschen, die Regie studieren. Ihr erster Auftrag: Ein unbekanntes Faust-Fragment des Dichters Georg Heym inszenieren. Dieser literarische Ritt durch Schuld, Missgunst und Neid geht tief unter die Haut und hat eine ungewöhnlich starke Sogkraft.

Viele Menschen hörte ich sagen, sie hätten noch nie etwas vergleichbares wie Die Jahre von Annie Ernaux gelesen. Dem stimme ich zu: Die französische Autorin – die ich im Herbst tatsächlich bei einer Lesung in Berlin live erleben durfte – schafft mit ihrer klaren Sprache, in der jedes Wort sitzt, die Zusammenfassung von mehreren Jahrzehnten ihres eigenen Lebens und der gesamten Gesellschaft ihres Landes.

Mick Kitson, Sal, Kiepenheuer & Witsch // Christiane Neudecker, Der Gott der Stadt, Luchterhand Verlag // Annie Ernaux, Die Jahre, Suhrkamp Verlag

Geschenk

Ich bin Fangirl von Robert MacFarlane: Wie schreibt man wissenschaftlich und gleichzeitig poetisch über die Natur und ihre Phänomene? Der Brite ist Vorreiter des new nature writing und hat eine ganz eigene Stimme entwickelt, die weder romantisierend noch allzu brachial über die Veränderungen unserer Umwelt spricht.

Griechische Mythen und ich, das ist eine lange Liebesgeschichte. Trotzdem las ich 2019 zum ersten Mal die Odyssee von Homer – und setzte gleich den Roman von Madeleine Miller hinterher. Die lässt die Figur der Halbgöttin Circe/Kirke in ihrer Verbannung auf einer einsamen Insel aufleben und zeigt gleichzeitig, über was für eine emanzipierte, gebildete Frau wir hier sprechen. Mythologie mit feministischem Blick – I like!

Raphaela Edelbauer passt ebenfalls fast schon in die Mythologie/Märchen-Ecke, auch wenn sie die Motive dieser Gattungen mit bewusst ironischem Blick in ihren Debüt-Roman eingebaut hat. Der handelt von einem höchst rätselhaften Dorf namens Groß-Einland, unter dessen Straßendecke ein gigantisches Loch klafft, welches die ganze Gemeinde in seinen Schlund hineinzuziehen droht. Und auch sonst ist dort einiges faul. Absolut brillant von der ersten bis zur letzten Seite!

Robert MacFarlane, Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde, Penguin Verlag // Madeleine Miller, Circe, Bloomsbury Publishing (oder in der deutschen Übersetzung von Frauke Brodd, Eisele Verlag) // Raphaela Edelbauer, Das flüssige Land, Klett-Cotta


Ausführliche Besprechungen findet ihr bei mir zu Raphaela Edelbauer Das flüssige Land, Mick Kitson Sal und Rupert Thomson Never anyone but you.


Und was waren eure Lese-Höhepunkte 2019?

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