Mit Anhalter durch die Ehehölle

Island

Tiddo hofft, mit einer Island-Rundreise die Beziehung zu Frau und Kind retten zu können. Doch dann steigt ein rätselhafter Anhalter ein. Ein Psychodrama von Gerwin van der Werf.

„Das schwarze Land ist kahlgeschoren, von Wind und tausend Wintern“, so beginnt der Roman Der Anhalter, das vierte Buch des niederländischen Autors Gerwin van der Werf, aber das erste, das ins Deutsche übersetzt wurde. Ein Satz, bei dem ich gleich innehalten musste, um ihn noch einmal und noch einmal zu lesen: „Das schwarze Land ist kahlgeschoren, von Wind und tausend Wintern.“ Wie dieser Satz wohl im niederländischen klingt, ob man dort auch so über die Silben schlittert, als stünde man auf einem zugefrorenen See?

Zugefroren, Eis und Kälte: Alles passende Stichworte, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, für diese Geschichte. Tiddo und Isa haben sich endlich den lang gehegten Wunsch erfüllt, gemeinsam mit ihrem dreizehnjährigen Sohn Jonathan in einem Wohnmobil durch Island zu fahren. Bisher war das oft an der Finanzierung gescheitert, denn Isa arbeitet zwar als erfolgreiche Biologin, Tiddo jedoch hat beruflich keinerlei Ambitionen und hält sich mit einer Halbtagsstelle in der Verwaltung über Wasser. Auch sonst scheint er kaum Träume oder Pläne zu haben.

Liegt es daran, dass es in der zwanzigjährigen Beziehung zwischen ihm und Isa deutlich kriselt? Und kann man diese anhaltende Missstimmung wirklich mit einer Reise auflösen, bei der man zwei Wochen lang auf wenigen Quadratmetern zusammenhockt? Tiddo ist felsenfest davon überzeugt, dass diese Unternehmung die Kälte, die ihm seine Frau entgegenbringt, auflösen wird – aber Tiddo ist auch bis zur Unerträglichkeit naiv. Als Isa ihn dann auch noch überredet, mitten in der kargen isländischen Landschaft einen großen, gut aussehenden Anhalter mitzunehmen, gerät das ganze Familiengefüge noch mehr ins Wackeln.

Don’t worry„, fuhr er fort. Konnte er Gedanken lesen? „Ich bin ein Anhalter, an dem du deine Freude haben wirst.“ […] Ein Anhalter, an dem du deine Freude haben wirst, das klang wie ein Pornofilm aus den Siebzigern, aber ich muss zugeben, dass meine Neugier geweckt war.“

Tiddo

Svein Sigurdsson, so heißt der blonde Hühne, hat isländische Eltern, lebt aber schon lange in den USA. Und ist angeblich auf Verwandtenbesuch – und per Anhalter unterwegs. Ungefragt überschüttet er Isa und Tiddo mit Ratschlägen, die er aus heidnischen Göttergeschichten und isländischer Naturmystik ableitet. Was anfangs noch lustig ist, nervt Tiddo schon nach kurzer Zeit. Doch Svein (der ziemlich sicher nicht die Wahrheit über sich erzählt) hängt an der Kleinfamilie wie eine Klette – wie wird man ihn wieder los? Noch dazu verliert Tiddo zunehmend die Verbindung zur Realität, steigert sich in Wahnvorstellungen und Gedanken über seine Ehe hinein, die Isa sicherlich nicht unterschreiben würde:

„Unsere Liebe war rein, und sie ist es immer noch, ja, rein wie der erste Schnee. Man soll sich dabei keine Idylle oder öde Weihnachtsszene vorstellen, nicht diese Art von Schnee. Man denke an Schnee wie glasklare Eiskristalle, die durch die dünne Luft wirbeln. Unsere Liebe – Eis, nicht Feuer. Himmel, nicht Erde. Was ist denn bloß in der Zwischenzeit geschehen?“

Was man als Leser*in anfangs für einen humorvollen Roadtrip mit Schlagseite hält, entwickelt sich mit jeder weiteren Seite zu einem Horrortrip, aus dem ein Teil der Beteiligten unbedingt fliehen will – aber funktioniert das, wenn man sich mitten in der kargen Lavalandschaft einer Insel befindet, in der eindeutig die Natur und – vielleicht – übersinnliche Kräfte das Sagen haben?

Der Anhalter ist eine eiskalte, hoffnungslose, deprimierende Geschichte mit dem Anti-Helden Tiddo in der Hauptrolle, der auf eine „Heldenreise“ aufbricht, die verdammt schiefgeht; ein belletristischer Thriller, der einen mit der ersten Seite in die glatten Gletscherspalten zwischenmenschlicher Kommunikation zieht. Bitte unbedingt Steigeisen mitnehmen!

Gerwin van der Werf
Der Anhalter
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
S. Fischer Verlag, 2020
Gebunden, 288 Seiten, 20,- Euro

Foto: Mahkeo

1 Kommentare

  1. Bitte unbedingt den Roman „Wasserscheiden“ von Alfred DeMichele rezensieren! Das ultimative Buch zur Coronakrise und deren Folgen.

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