Mit Kafka am Strand

Berlin

Berlin-Logbuch XVI: „Na da hat die dpa sich aber eine böse Falschmeldung geleistet: in den einschlägigen Magazinen der Stadt, die sich mit Literatur beschäftigen, war zu lesen, das sich heute Abend Haruki Murakami persönlich die Ehre geben würde…“

… um aus seinem Buch „Kafka am Strand“ in Schöneberg vorzulesen. Da er zu den Autoren gehört, die es schaffen, mich mittels ihrer Bücher in einen tiefen Bann zu ziehen, durfte ich natürlich nicht fehlen; abgesehen davon war es für die Berliner Literaturkritik eine wichtige Veranstaltung, die nicht verpasst werden durfte. Also habe ich Hendrik mobilisiert, einer der wenigen Menschen die ich hier kenne, der sich zudem noch für Literatur interessiert, und bin mit ihm in schierer Vorfreude Richtung Schönberg gefahren.

Im Atelier Charlier dann aber die Ernüchterung: noch nichtmal zehn Stühle, da wird aber mit großem Andrang gerechnet – also irgendetwas kann hier ja nicht stimmen. Die Ursache dafür gab es dann auch an der Kasse serviert: Murakami kommt gar nicht persönlich, das Ganze war ein großes Missverständnis seitens der Presse – die Lesung ist lediglich begleitend zu einer Ausstellung, in der sich die Künstler eines ihrer Lieblingsbücher aussuchen dürfen. Na toll, aber jetzt gehen ist auch doof, irgendwas muss ich ja als Text vorweisen können. Dabei hätte ich doch so gerne ein Autogramm von ihm gehabt, hätte womöglich mein grade verdientes Geld dafür ausgegeben, dort ein Buch von ihm zu kaufen, was ich ja normalerweise aufgrund des Berufes meines Vaters selten tue.

Die Lesung war dann eher unspektakulär. Die Leiterin der Ausstellung, in einem nichtssagenden, für Künstler unüblichen grauen Einerlei, (der Künstler, welcher das Buch ausgesucht hatte, war nicht bereit, selber zu lesen, und überdies hinaus noch nicht mal anwesend) las uns fünf langatmige Kapitel aus dem Buch vor, und ich hatte das Gefühl, sie würde nie enden. Das Buch mag sehr interessant sein, und ich könnte mir vorstellen es auf meine ..was-ich-schon­ immer-mal-lesen-wollte“-Liste zu setzen, aber fünf Kapitel sind einfach zu lang. Zumal die einzelnen Absätze natürlich ebenfalls nicht gerade kurz sind.

Ich war froh als das ganze Szenario vorbei war, und ich Hendrik die Möglichkeit geben konnte, etwas über das Leben zu philosophieren. So entstehen immer die interessantesten Diskussionen, z.B ob es notwendig ist, ein Handy zu besitzen, oder ob man in der Lage ist ein Leben zu führen, in dem man nicht ständig zu erreichen ist. Es galt Standpunkt gegen Standpunkt, jedoch gab es keinen klaren Gewinner. Aber das ist ja auch nicht das Ziel, wenn man so vor sich hin philosophiert. Hendrik scheint mir ein zu nachdenklicher Mensch zu sein, der sich bei jeder Gelegenheit in sein Schneckenhaus zurückzieht um über seine Umgebung zu sinnieren. Wogegen ja nichts einzuwenden ist, tue ich das doch ebenfalls mit Vorliebe – auch Nachdenken gehört zu meinen Spezialitäten, aber über gewisse Dinge habe ich mir noch nicht so differenzierte Gedanken gemacht wie er.

Berlin

Jetzt sitze ich hier auf der Fensterbank auf meinem Balkon, habe soeben einen Rot-Grünen Salat verspeist (kann man daran Rückschlüsse auf meine politische Einstellung ziehen?) und genieße nun die Atmosphäre eines turbulenten Freitagabends. Das ich um diese Uhrzeit hier sitze, und diese Wohnung heute auch nicht mehr verlassen werde, war nicht so geplant, hat sich aber leider so ergeben. Mein ursprünglicher Plan war es, mal wieder ins Rosi’s zu gehen, und erneut zu Swing-Musik meine Hüften zu schwingen, am liebsten mit meiner neuen Bekanntschaft im Schlepptau. Die befindet sich aber für das Wochenende in München, ist also nicht verfügbar.

Wenn ich meinen Blick so schweifen lasse, gibt es genügend zu sehen. In ca. 30 Meter Luftlinie befindet sich der nächste hohe Häuserblock; ganze drei Fenster sind beleuchtet, und geben den Blick frei auf ein Wohnzimmer das bis oben hin mit Büchern voll gestellt ist. So muss es sein. Unten in diesem Häuserblock, in dem sich Geschäfte befinden, steigt eine Mini-Party mit Grillwürstchen vor der Fleischerei Domke, die aus unerfindlichen Gründen um diese Uhrzeit den Grill auf Hochtouren laufen lässt. Die Warschauer Strasse als Partyknotenpunkt. Hier gibt es die letzte Wurst vor der Autobahn. Naja, so in etwa. Oder die ideale Party Grundlage – Fett
ist ja wichtig wenn man vorhat, seinen Magen mit etwas alkoholischem zu erfreuen.

In regelmäßigen Abständen schlängelt sich die Bahn wie eine riesige gelbe Raupe um die Ecke oder wahlweise geradeaus; entweder Lichtenberg oder Prenzlauer Berg. Das ganze verursacht eine Geräuschkulisse, die jede Straße in Bann totenstill erscheinen lässt, und an die ich noch
nicht gewillt bin, mich zu gewöhnen. Es vergeht kein Morgen, an dem ich nicht entweder durch
Sonnenstrahlen, die mein Zimmer in eine Sauna verwandeln, oder durch Bahnquietschen geweckt werde. Ein Teufelskreis. Das ich bis jetzt immer gedacht hätte, auf der Argelanderstraße in Bann, auf der N. wohnt, sei es laut, erscheint mir im Rückblick lächerlich. Ich werde nie wieder auf eine Hauptverkehrsstraße ziehen. Aber die gibt es in Bonn ja zum Glück nicht wirklich.

Playlist:
Stereo Total: „Liebe zu dritt


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!