Mit Rechten reden – geht das? Interview mit Manja Präkels

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich mich mit Manja Präkels über ihren Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ unterhalten und darüber, welche Parallelen es zur heutigen Zeit gibt.

Auf mich wirkt es, als hätte dieses Buch eine ganze Weile gebraucht, um „rauszukommen“. Warum ist es genau jetzt erschienen?
Es ist jetzt erschienen, weil es jetzt fertig geworden ist! Zwischen dem Manuskript und dem fertigen Buch liegen ja nochmal zwei Jahre. Es liegt aber tatsächlich auch daran, dass ich sehr lange daran geschrieben habe.

Wie lange genau?
Angefangen habe ich vor über zehn Jahren mit den ersten Skizzen und der Entwicklung der Grundidee für eine Geschichte, die ich erzählen will. Dann ging es natürlich um die Frage, welche Form ich dem Ganzen gebe. Ich beschreibe ja einen „doppelten Systembruch“: Das Verschwinden der DDR und das Ende der Kindheit für die Protagonisten. Und den Strudel der Gewalt, der auf einmal losbricht – Menschen werden arbeitslos, verlieren ihre Orientierung im Kopf, rennen mordend und brandschatzend durch die Gegend. Wie stellt man das gut dar, wie bringt man es rüber, dass man es als Leser ertragen kann? Auch für mich selbst brauchte ich Abstand, um die Geschichte erzählen zu können. Letztendlich hat das alles dazu geführt, dass es lange gedauert hat, bis der Roman veröffentlicht wurde.

Man soll ja nicht von Autorin auf Protagonistin schließen. Aber es ist ziemlich eindeutig, dass von Ihnen viel in der Hauptfigur Mimi steckt. Wie viel ist es tatsächlich? Wie stark autobiographisch ist das Buch?
Ich sage immer: Es ist alles wahr, aber ich bin nicht Mimi! Es hat eindeutig eine starke autobiographische Einfärbung. Gleichzeitig habe ich die stetige Überarbeitung des Manuskripts dafür genutzt, das Thema „von mir wegzuschreiben“. Es ist ein wunderschöner Moment wenn man merkt, dass die Figuren im Roman ein Eigenleben entwickeln und sich vollkommen von den Dingen lösen, die man sich für sie eigentlich gedacht hat. Insofern kann ich es ganz schwer sagen, wie viel da von mir drin steckt – aber es ist sicherlich einiges. Es beruht ja auch auf einem wahren Fall: Die Ermordung von Ingo Ludwig bei einem Überfall auf eine Dorfdiskothek 1992, von der ich selber Zeuge war. Das sind Eckpunkte im Roman, die ganz klar so passiert sind.

In einem Interview sagten Sie, dass sich die Figuren des Romans ganz anders entwickelt haben, als sie es eigentlich geplant hatten. War das Ganze denn zunächst als reine Autobiographie gedacht?
Ich dachte sogar zunächst, dass es leichter wird, das Ganze noch weiter von mir wegzuschreiben. Aber es war dann doch so viel persönliche Betroffenheit im Spiel, die das Schreiben schwierig machte. Deswegen brauchte ich immer weitere Überarbeitungsschritte, denn es ging mir ja nicht darum, betroffen zu wirken! Ich wollte eine schwarz-weiß-Zeichnung vermeiden und die verschiedenen Perspektiven aufzeichnen. Oliver zum Beispiel wird ja auch in durchaus liebenswerten Momenten beschrieben – dass er später zu den Mördern gehört, löscht das nicht aus. Diese Ambivalenzen wollte ich zeigen. In dieser Zeit, in der alles zusammenbricht, gibt es keine Helden.

An einer Stelle kippt der Roman: Von der ganz betulichen Kindheit in der DDR in die maßlose Anarchie. Wieso hat damals eigentlich niemand eingegriffen?
Der Zusammenbruch eines Systems bedeutet ja nicht, dass von heute auf morgen völlig neue Menschen vorhanden sind. Es sind dieselben Menschen, sagen wir Polizisten, die auf einmal eine neue Uniform tragen – aber gar nicht damit umzugehen wissen. Sie kennen die Regeln noch nicht. Und das galt für alle Menschen, in allen Berufen. Sagen wir, für einen kurzen Moment waren alle natürlichen Autoritäten – Polizisten, Eltern, Lehrer – tot. Sie ordneten sich neu. In dieses Chaos, in dem alle Gewissheiten infrage gestellt wurden, haben tatsächlich auch Ideologen eingegriffen. Die ersten Politiker, die nach dem Mauerfall in den Osten kamen, war Michael Kühnen mit seinen Leuten; in dieses Gewimmel sind also auch ganz gezielt Nazi-Strategen gekommen, und sie sind auf fruchtbaren Boden gestoßen.

Die bestehenden Verhältnisse sind also zusammengebrochen, man wusste nicht, woran man sich festhalten soll und hat dann einfach das erste genommen, was kam – und das waren zufällig Nazis?
Zufällig war das nicht! Alle Gewissheiten waren weg und plötzlich kommen diese Leute mit neuen Gewissheiten. Es ist verführerisch, es ist einfach. Und die DDR hat in gewisser Weise – mit Obrigkeitshörigkeit, Uniformierung, Militarisierung der Gesellschaft mit Fahnenappel etc. – auch Anknüpfungspunkte geboten. Es gab auch Rassismus, der aber nie als solcher bezeichnet wurde und es bis heute auch nicht wird. Da mischte sich dann Vertrautes mit Sehnsucht. Allerdings muss man sagen, dass nicht alle Nazis ideologisch gefestigt waren, viele sind auch einfach mitgelaufen.

Manja Präkels

Manja Präkels / Foto: Nane Diehl

Mich persönlich stört es, dass noch immer gesagt wird: „Ja, der Osten. Da sind ja alle so ein bisschen rechts, kann man ja auch verstehen etc.“. Aber wo Sie das gerade beschrieben haben mit dem Rassismus: Genau wie im Osten, wo es die Vertragsarbeiter aus Vietnam gab, hatten wir im Westen die „Gastarbeiter“ z.B. aus der Türkei – und in beiden Teilen Deutschlands gab es untereinander kaum eine Vermischung. Ist es also einfach „menschlich“, dass wir nicht aufeinander zugehen – und daraus dann Rassismus entsteht?
Da stimmt vieles dran. 1990 blühte sicherlich auch im Westen der Rassismus und es waren noch Nazi-Strukturen da. Aber die Gastarbeiter sind geblieben. Über die Generationen hinweg hat man gelernt – oder lernen müssen – immer besser miteinander umzugehen. Aber der Rassismus ist noch da. Mir fällt das bei Lesungen auf: Wenn ich im Osten lese, machen es sich die Menschen immer leicht und reden davon, dass der Westen sie einfach überrollt und privatisiert, eigentlich ausgeraubt habe. Und im Westen lächelt man über das leicht Rückständige, „die haben ja hinter der Mauer gelebt“, etc. Ich merke, wie sich die Ost- und Westdeutschen es leicht machen, mit dem Finger aufeinander zu zeigen, statt wirklich mal in eine Debatte miteinander zu treten, n die übrigens unbedingt auch Migranten miteinbezogen werden müssen! Denn das ist die Gesellschaft, in der wir leben.

Dazu fällt mir immer die Forderung ein, man solle „mit den Rechten reden“. Aber geht das überhaupt? Schaue ich mir Ihren Roman an: Mit den Rechten dort konnte man sicherlich nicht diskutieren!
Das Argument ist ja oft, dass man sie nicht ausschließen soll. Aber ich denke, dass sie sich selbst ausschließen! Sie sind sich ja so sicher mit ihrer Weltsicht, sie bauen Mauern. Sie wollen bestimmen, wie alle zu leben haben. Dabei ist die offene, freie Gesellschaft ja auch zu sehen und zu spüren, wenn auch nicht überall und flächendeckend. Statt mit denen zu reden, die gar nicht offen für Argumente sind, sollten wir einen gemeinsamen Dialog mit so vielen Stimmen wie möglich finden. „Mit Rechten reden“ bedeutet ja, auf sie zuzugehen. Dass sie jetzt im Bundestag sitzen ist doch der beste Beweis dafür, dass es in die falsche Richtung geht!

Die Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit der Menschen, vor allem wie im Buch beschrieben, ist absolut nachvollziehbar. Aber warum entscheidet man sich dafür, mit der Faust zu regieren, anstatt für bessere Verhältnisse auf die Straße zu gehen?
Die Frage stellt man sich ja bis heute: Warum reagieren die Ostdeutschen so, wie sie reagieren? Eine Frage, die auch das Buch durchzieht. Wie kann es sein, dass zwei Menschen, die so ähnlich aufwachsen – Mimi und Oliver – später so unterschiedliche Wege gehen? Ich gebe darauf keine eindeutige Antwort, mache aber ein paar Pfade auf. Zum Beispiel der Einfluss der Großeltern, der eigenen Erfahrungen. Oliver, der offenbar große Probleme mit seinem Vater hat, einem überzeugten Kommunisten, gegen den er revoltiert: Nazi werden als größtmögliche Opposition gegen die Eltern! Das ist eine von vielen Möglichkeiten, die man bringen kann. Im Nachhinein erscheint es mir manchmal, als wären die Körper der Kinder wie Medien gewesen, von denen die aufgestaute Wut und Lethargie der letzten Jahre in der DDR Besitz ergriffen hat – fast wie eine Besessenheit.

Wie stark hat diese Zeit ihre Generation geprägt?
Massiv! Und das schlimmste ist, dass sie nicht darüber redet. Was zum Teil verständlich ist, denn manche Dinge muss man einfach verdrängen, um weiterleben zu können. Aber der NSU-Prozess wäre zum Beispiel eine gute Möglichkeit für eine gesamtgesellschaftliche Debatte gewesen, aber es ist nicht dazu gekommen. Heute erlebe ich, dass sich ganz viele Menschen nicht mehr erinnern können oder wollen, weil sie vieles verdrängt haben – ich halte das für einen der Gründe, warum die AfD jetzt marschiert! Vieles ist, glaube ich, wahnsinnig schambesetzt. Etliche haben sich mitreißen lassen, offen oder in Gedanken applaudiert, haben mitgemacht oder zumindest sympathisiert. Das jetzt offen auf den Tisch zu packen ist natürlich schwierig. Es braucht einen gesellschaftlichen Raum, in dem das möglich ist. Ich versuche nun, zumindest mit meinen Lesungen diesen Raum für das Gespräch zu öffnen und halte das für ganz dringend nötig!

In einem Fernsehbeitrag wurden Bewohner des Städtchens, in dem sie aufgewachsen sind, nach den damaligen Ereignissen gefragt. Das wirkte wie das klassische „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“: Wenn ich es nicht gesehen habe, ist es auch nicht passiert. Ein anderer sagt, er kenne die Täter von damals, werde aber keine Namen nennen.
Die Menschen, die ein anderes, offeneres Weltbild haben, sind ganz schnell geflohen und haben sich nie wieder umgeschaut. Die, die zurückgeblieben sind, sind in vielen Fällen noch die Täter von damals. Allein ihre bloße Präsenz macht Leuten heute offenbar noch immer Angst. Die Aufklärung des Fall Ingo Ludwig ist unter anderem daran gescheitert, dass es weitere Zeugen gab, die den von mir geschilderten Tathergang unabhängig voneinander bestätigen konnten – aber ihre Aussage zurückzogen, weil sie mit ihren Familien noch dort leben. Das ist ja mehr als Verdrängung – das ist ein angstvolles Verschweigen!

Herzlichen Dank für das Interview!

1 Kommentare

  1. Liebe Julia,
    ein starkes Interview. Mir war das Buch bisher unbekannt. Doch nach diesem spannenden Interview habe ich Lust auf das Buch bekommen.
    Viele Grüße
    Kerstin

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