Gemüse züchten in der Stadt: „Garten, Baby!“

Garten

Der Mikrokosmos einer Hausgemeinschaft: Christine Zureich hat mit „Garten, Baby!“ die saloppe Geschichte über einen „Urban Garden“ in Frankfurt geschrieben.

„Einfach Gemüse in irgendeiner Stadt macht noch keinen Urban Garden“, ist Pippa überzeugt, die zwar aus Schwaben kommt, aber in Berlin ihrer Meinung nach das real life kennengelernt hat. Und ein läppischer Vorgarten irgendwo in Frankfurt am Main, in dem man Strauchtomaten anbaut, sei wirklich alles andere als hip. Doro, ihres Zeichens Besitzerin der kleinen Stadtidylle, geht zunächst in die Defensive: Hochbeete aus Paletten, ausgefallene Basilikum-Sorten und das alles mitten in der Stadt – zähle das denn gar nicht?

Doch eigentlich muss sich Doro nicht rechtfertigen, nicht vor sich selbst und ebenso wenig vor den Bewohnern des Mietshauses in der Drübkestraße 13, zu dem der Garten gehört. Denn dieser, so scheint es, bringt die Nachbarn nach und nach näher zusammen, so als kümmerten sie sich gemeinsam um den Nachwuchs – auch wenn dabei immer wieder seltsame Schrulligkeiten zutage treten und man, aber das muss unter uns bleiben, eigentlich gar nicht so viel Zeit miteinander verbringen möchte, wie das Teilen des Hausflurs eben so mit sich bringt.

Wer auf so engem Raum zusammenlebt, bekommt notgedrungen die Regungen des Nächsten mit, noch dazu in einem hellhörigen Neubau mit dünnen Wänden. Es entstehen Gerüchte, man belauscht und bespitzelt sich ein bisschen, zwischendurch gießt man die keimenden Pflänzchen, trinkt Kaffee und klopft sich für die eigene Korrektheit auf die Schulter:

„Natürlich feiern wir gern die Vielfalt, zelebrieren das Leben in allen Facetten, das urbane Biotop. Erst neulich ist Rob sogar zur Kleintierhilfe gefahren mit einer verletzten Amsel in einem Schuhkarton, Löcher im Deckel. […] Pflanzen, Menschen, Wildtiere. Es hat nie Probleme mit dem Nebeneinander gegeben.“

Hornissen im Dachstuhl findet man dann aber doch nicht so toll – Natur ja, aber bitte nur die angenehme, sonst muss der Kammerjäger einschreiten! Versteckt sich hinter dem vorgeblich ungezwungenen Gartenprojekt vielleicht doch der klammheimliche Wunsch nach gut bürgerlicher Schrebergarten-Spießigkeit mit vorgegebener Heckenwuchshöhe oder spielt die Autorin hier bewusst mit der Ironie der Doppelmoral? Und was spricht eigentlich gegen das Leben außerhalb der Großstadt? Letztendlich muss Doro nicht nur ihr Gemüsebeet, sondern auch ihre Ansichten umgraben…

In Garten, Baby!, einem weiteren Streich der Ullstein fünf-Reihe, entwickelt Christine Zureich einen kleinen Mikrokosmos im Makrokosmos, in dem sie mit liebevoll-ironischem Blick die Tücken eines Gemeinschaftsprojekts in der sonst vorherrschenden Anonymität der Stadt schildert. Obwohl Handlung und Dialoge eher banal daherkommen, sind die zahlreichen Charaktere der Hausgemeinschaft humorvoll und individuell gezeichnet – dennoch schafft es der Roman leider nicht über eine putzige Szenerie hinaus, die  in ihrer Heimeligkeit letztendlich eher klischeehaft wirkt und dadurch einen Teil ihres durchaus vorhandenen Potentials einbüßt.

Christine Zureich
Garten, Baby!
Ullstein fünf, 2018
Gebunden, 176 Seiten, 17,-€
ISBN-13 9783961010158

 

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