Das „New Nature Writing“: Bücher über das Leben mit der Natur

natur

In Großbritannien hat das „New Nature Writing“ eine wichtige Stellung in der Literaturlandschaft. Ich stelle euch drei Bücher vor, die es auch in deutscher Übersetzung gibt.

In letzter Zeit, so scheint es mir, geht der Trend in Deutschland zu Büchern über die Natur: Da bekommen wir das geheime Leben der Bäume oder das Seelenleben der Tiere erklärt, erfahren wir alles über das verborgene Leben der Meisen oder haben ein Rendezvous mit einem Oktopus. Alles davon ist sicherlich lesenswert und steckt voller Informationen – doch geht es dabei eher um eine sachliche, teilweise vermenschlichende Beschreibung wissenschaftlicher Fakten. Der Mensch bleibt die Krone der Schöpfung! Doch wie steht es um das subjektive Naturerlebnis, das Leben mit der Natur?

Die Briten sind uns diesbezüglich einen großen Schritt voraus. Während ich in Nordengland studierte, schaute ich mit Vorliebe die Naturdokumentationen der BBC, allen voran eine Reihe, in der ein Reporter die wilde Küste der Insel entlang reiste. Fasziniert hat mich dabei vor allem die Mischung aus informativen Details und einem großen Maß an Ehrfurcht vor dem, was uns als Natur umgibt.

Auch in der Welt der Bücher Großbritanniens schlägt sich dieses Thema nieder: Der aufmerksame Blick auf das, was uns an Pflanzen, Insekten, Säugetieren und Vögeln umgibt, wie wir den mittlerweile kümmerlichen Rest der Natur schützen können – und was die Begegnung mit ihr in uns auslöst. Drei Bücher aus dem Feld des „New Nature Writing“, die es mittlerweile in deutscher Übersetzung gibt, möchte ich euch hier vorstellen.

naturRobert MacFarlane: Karte der Wildnis

„[…] wir brauchen die Wildnis, weil sie uns an eine Welt erinnert, die außerhalb des Menschen liegt. Wälder, Ebenen, Prärien, Wüsten, Berge: Diese Landschaften zu erleben kann dem Menschen ‚eine Ahnung von Größe geben, die über ihn hinausgeht und die wir in gewisser Weise verloren haben.'“

Robert MacFarlane sucht die Wildnis. Aber gibt es die überhaupt noch in unserer von oben bis unten zivilisierten Welt? Findet man noch naturbelassene, wilde Wälder, bei denen keine Nutzung als Forst vorliegt? Der in England lebende Autor macht sich auf den Weg, dieser Frage nachzugehen. Er wandert durch Täler, Moore, Wälder, über Gipfel, Bergrücken und an Stränden entlang. Mit den Weiten Schottlands und den wilden Küsten der britischen Insel hat er dabei gute Chancen für intensive Naturerlebnisse. Geschickt und niemals belehrend webt er in seinen Text alte englische Mythen, Gedichte, persönliche Empfindungen, Etymologie, Naturwissenschaft und ein kleines bisschen Zivilisationskritik ein – so dass man nach der Lektüre gleich Thermoskanne, Hasenbrot, Kompass und Notizheft in den Rucksack packen und loslaufen möchte!

Das Buch bekommt ihr als wundervolle Hardcover-Version in der Naturkunden-Reihe von Matthes & Seitz, sowie als ebenso schönes Taschenbuch bei Ullstein. Übersetzt wurde es von Frank Sievers und Andreas Jandl.

Roger Deakin: Logbuch eines Schwimmers

„Ein warmer Sommerguss klatschte aus der Dachrinne meines Hauses in Suffolk und ließ mich quer durch den Garten in meinen Wassergraben fliehen. Brustschwimmend zog ich die dreißig Meter hin und zurück durch das klare grüne Wasser, immer der Nase nacht, den Blick knapp über der Oberfläche. Aus der Froschperspektive auf den Regen auf dem Graben zu schauen war fantastisch.“

Wer zum Thema „New Nature Writing“ recherchiert, stößt früher oder später auf Roger Deakin. Der 1943 geborene Brite war ein Naturbursche durch und durch: Anfang der 1960er Jahre kaufte er sich eine alte, halb verfallene Farm aus dem elizabethanischen Zeitalter und taufte sie „Wildnut Tree Farm“. Dort versuchte er, der Natur freien Lauf zu lassen: Mit wilden Bäumen und Kräutern, Wildblumen und einem Schwalbennest – im Inneren des Hauses. Bekannt wurde er vor allem durch sein Buch Waterlog – welches Logbuch eines Schwimmers in der Übersetzung heißt -, in dem er beschreibt, wie er durch die Gewässer Großbritanniens schwimmt. Und zwar durch alle, die es gibt! Was er auf dieser einjährigen Reise in der Froschperspektive erlebt, hat er in seinem Logbuch in teilweise märchenhaften Beschreibungen festgehalten.

Auch das Buch von Roger Deakin bekommt ihr in der Naturkunden-Reihe von Matthes & Seitz. Übersetzt wurde es von Frank Sievers und Andreas Jandl.

natur
John Lewis-Stempel: Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren

„Mit sechzig Zentimetern Länge und seinem lächerlich langen, nach unten gebogenen Schnabel ist der Große Brachvogel ein überdimensionierter, auffallender Watvogel. Setzt man ihn aber auf eine Wiese, verschwindet er mit einem houdinihaften Zauberkunststück. Ich brauche mehrere Schwenks mit dem Fernglas, bis ich das Weibchen geortet habe, das an einem trockenen Klumpen Gras zupft.“

John Lewis-Stempel ist Farmer in Herefordshire im Südosten Englands – und er arbeitet als Autor und Journalist. Eine gute Kombi, um ein Buch über die eigenen Erfahrungen zu schreiben: Ein Jahr lang hat er seine Felder und Wiesen intensiv beobachtet, aufgeschrieben, welche Wildblumen wann ihre Knospen der Sonne entgegenstrecken, welche Singvögel unter den Hecken ihre Eier ausbrüten, wann die Füchsin sich eben diese holt und wie ein Maulwurf sich durch das Gelände gräbt. Manchmal liest sich das etwas träumerisch, meistens jedoch klar und sachlich – und genau deswegen so reizend. Wer von uns kennt sich schon so gut mit dem Jahreslauf in der Natur aus? Nach diesem Buch habe ich angefangen, mich stärker umzuschauen: Welche Wintervögel zwitschern in meinem Kiez? Wo finde ich „Natur“ in der Stadt? Kurz nachdem ich das Beenden der Lektüre begegnete ich erst einem Eichhörnchen, das im Baum vor unserem Haus saß – und spät nachts saß sogar ein Fuchs auf dem Bürgersteig.

Die Aufzeichnungen von John Lewis-Stempel bekommt ihr im Dumont Verlag, es wurde aus dem Englischen von Sofia Blind übersetzt.

_____________________________

Wie schaut es bei euch aus: Lest ihr gerne Bücher über die Natur? Welche habt ihr zuletzt gelesen, was könnt ihr mir empfehlen?

2 Kommentare

    • Fräulein Julia

      Aah, danke für den Tipp! Ich habe das Buch schon gesehen, dachte aber, es sei nur eine andere Version von „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben. Das ist zwar auch sehr interessant, dreht sich aber um rein wissenschaftliche Fakten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.