„Nun sag, wie hast du’s mit der Kultur?“: Bezirzt

Foto: Bezirzt

Auf dem Teufelsberg in Berlin / Foto: Bezirzt

Hurrah, es geht los: Ich habe verschiedene BloggerInnen die virtuelle Pistole auf die Brust gesetzt und -frei nach Goethe – gefragt: „Nun sag, wie hast Du’s mit der Kultur?“ Den Anfang der Serie macht Julia, die auf ihrem Blog „Bezirzt“ über Fernweh, Reisen, Berlin und alles, was sie bezirzt, schreibt.

Liebe Julia, deinen Blog „Bezirzt“ gibt es noch gar nicht so lange – und ist für mich trotzdem schon nicht mehr aus der Blogosphäre wegzudenken. Wie kamst du auf die Idee, eine eigene Seite zu gründen?
Der Name „Bezirzt“ stand schon fest, bevor ich überhaupt wusste, über was ich schreiben will. Ich schrieb meine Magisterarbeit in Kunstgeschichte über die mythologische Frauenfigur Kirke, deren Lieblingsbeschäftigung es war, mit einem Zaubertrank Männer in Tiere zu verwandeln. Damit die Männer den Trank zu sich nahmen, bezirzte Kirke sie mit einem betörendem Blick, dem kein Mann widerstehen konnte. Ich dachte mir, dass es ein guter Name für einen Blog sei, weil man für gewöhnlich über Dinge schreibt, die einen nachhaltig bewegt haben, eben bezirzt. Zunächst war der Blog aber eher ein Fotoalbum für Freunde und Familie aus der Heimat, ich teilte wahllos Sachen, bis ich langsam zu Kunst-, Kultur- und Berlinthemen fand und schließlich immer mehr über das Reisen und meine damit verbundenen Gefühle schrieb.

Du schreibst besonders häufig über deine Erfahrungen auf deinen Reisen durch Asien, aber auch über zeitlose Themen wie Fernweh, Ängste und besondere Orte und Menschen. Wo findest du die Inspiration für deine Blogposts?
Klar, in erster Linie sind meine Reisen meine Hauptinspiration. Reisen bewegt so viel in einem, dass die Themen ganz von alleine kommen. Konkret mache ich mir regelmäßig eine Liste mit Themen, die ich interessant finde, wie Reisetipps für Indien oder eine Fototutorial. Wenn ich mich dann an den Laptop setze, fällt mir aber meist spontan irgendetwas anderes ein und ich fange einfach an zu schreiben. Bis zum Schluss weiß ich dann nicht genau, was dabei herauskommen wird.
Eine große Inspirationsquelle sind auch Reisereportagen. Ich bin geradezu süchtig danach und es gibt keine Reportage bei Arte über Asien, die ich mir nicht anschaue.

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Varanasi, Indien / Foto: Bezirzt

Du hast Kunstgeschichte studiert und u.a. als Kulturjournalistin gearbeitet. Was bedeutet für dich „Kultur“?
Kultur ist für mich zunächst immer eine Auseinandersetzung. Eine Auseinandersetzung mit der Kunst, aber vor allem auch mit mir. Egal, ob ich mir eine Fotografie-Ausstellung anschaue, alte Meister betrachte oder im Theater sitze, ich setzte alles in Bezug zu meinem Leben, Denken und Fühlen. Die Standardfrage „was will mir der Künstler damit sagen“ stelle ich mir nie. Mir ist es wichtig, dass ich etwas für mich ganz persönlich darin entdecke. Deshalb kann ich mit manchen gehypten Künstlern oder einigen der ganz großen Meistern nicht viel anfangen, weil ich keinen Bezug zu ihrer Kunst finde.

Kultur ist für mich also etwas sehr persönliches und hat einen großen Stellenwert in meinem täglichen Leben. Vor allem zu Studienzeiten in München bin ich oft auf einen kurzen Spaziergang ins Museum und an meinen Lieblingsbildern vorbei. So zum Hallo sagen. I lock my door upon myself von Fernand Khnopff ist so ein Bild, das ich regelmäßig besucht habe. Hier in Berlin ist es natürlich die Kirke von Franz von Stuck, das Herzstück meiner Magisterarbeit. Übrigens bin ich auch ein großer Fan diverser Subkulturen und leidenschaftlicher Konzertgänger. Da darf es dann auch gerne gut und laut zur Sache gehen: Von Rockabilly über Punk und Metal bin ich schnell zu begeistern. Also stehen auch Subkulturstätten wie das Köpi oder das Wild at heart immer wieder auf dem Plan.

Wenn du dich für drei Orte in deiner Wahlheimat Berlin entscheide müsstest, die kulturell besonders interessant sind und dich immer wieder anziehen, welche wären das?
Sammlung Boros:
Was bildende Kunst betrifft ist ganz klar die Sammlung Boros, der sogenannte Boros Bunker, ein richtig spannender Ort. Der Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg war Kriegsgefängnis, Bananenbunker und Techno-Club und ist heute im Privatbesitz des Sammlerehepaars Boros. Olafur Eliasson, Cosima von Bonin und AI Wei Wei sind nur einige der hochkarätigen Namen der Sammlung.

Die Philharmonie:
Der Besuch der Philharmonie ist eine Zeitreise in die 60er-Jahre. Irgendwie suspekt, aber ich muss zugeben, ich stehe da drauf. Von Zeit zu Zeit zieht es mich dorthin. Vor allem die kostenlosen öffentlichen Proben im Foyer sind eine gute Gelegenheit, um das Gebäude von innen zu erleben und erstklassigen Musikern zu lauschen.

Klunkerkranich:
Der Klunkerkranich auf dem Dach der Neukölln Arcaden ist Café, Bar, Aussichtsplattform und Abenteuerspielplatz in einem. Ich gehe dort morgens zum Frühstücken hin, abends zum entspannten Drink oder Sonntags zum Flohmarkt. Ansonsten gibt es einen Gemeinschaftsgarten, Kinoveranstaltungen und vieles mehr. Der bunte Kranichhaufen lässt sich immer wieder neue Dinge einfallen und so kann man gar nicht oft genug die Aussicht über Neukölln genießen. Immer noch einer meiner absoluten Lieblingsorte in Berlin.

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Lissabon / Foto: Bezirzt

Besucher, die zum ersten Mal nach Berlin kommen, sind häufig erschlagen von dem Überangebot an Museen, Galerien und Freizeitmöglichkeiten. Was würdest du als Einstieg in die hiesige Kulturszene empfehlen?
Ich würde zwei Sachen empfehlen:
Als erstes ein Museum auf der Museumsinsel, zum Beispiel die Alte Nationalgalerie. Die preußische Kunst repräsentiert das alte herrschaftliche Berlin und ist somit ein optimaler Einstieg ins Berliner Kulturleben.
Dann würde ich aber unbedingt einige der zeitgenössischen Galerien besuchen, sie machen einfach die heutige Kunstszene aus. Hier bietet sich vor allem die Potsdamer Straße an. Rund um das alte Tagesspiegelgelände (Potsdamer Straße 77-87) kann man von einer Galerie zur nächsten tingeln, bis zum Umfallen.
Aber eines sollte man sich vor jedem Berlinbesuch klarmachen: Berlin ist riesig, die Auswahl ist einfach überfordernd und man darf sich nicht einreden, alles sehen zu wollen. Unmöglich.

Welche Ausstellung hast du als letztes besucht und welche möchtest du unbedingt noch sehen?
Ich habe mir kürzlich die Ausstellung In 80 Dingen um die Welt. Der Jules-Verne-Code im Museum für Kommunikation angesehen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mir etwas mehr erhofft hatte. Die Ausstellung war zwar anschaulich gestaltet, aber auch recht übersichtlich und wohl eher auf Kinder ausgerichtet. Es gab Stationen, an denen man seine Karte mit Einreisestempeln bestücken konnte, das habe ich mir natürlich nicht nehmen lassen.
In der Deutschen Bank KunstHalle läuft gerade „…Höhere Wesen befehlen“ – Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda. Zu sehen gibt es Zeichnungen unter anderem von Sigmar Polke und Arnulf Rainer, da möchte ich auf alle Fälle hin. Ab kommenden September kommt The Botticelli-Renaissance in die Gemäldegalerie, da werde ich mich auch in die Schlange stellen.

Du bist gerne und viel in der Weltgeschichte unterwegs. Steuerst du in fremden Städten gleich das nächste Museum an oder spielt Kunst im Urlaub eine weniger wichtige Rolle für dich?
Tatsächlich spielen Museen auf Reisen eine untergeordnete Rolle. In erster Linie möchte ich die Stadt erleben, das Flair und den Spirit erfahren. Wenn ich aber die Zeit finde, dann versuche ich zumindest ein Museum von innen zu sehen. Das Louvre, die Kelvingrove Art Gallery in Glasgow oder das Rijksmuseum in Amsterdam wollte ich dann doch nicht verpassen. In Asien sind es vor allem kulturelle Sehenswürdigkeiten wie Tempel, die mich interessieren. Da gehe ich gerne mal tausend Stufen dafür hoch. Aber auch da muss ich es nicht übertreiben und den zwanzigsten Tempel besuchen.

Foto: Bezirzt

Foto: Bezirzt

Werfen wir einen Blick auf dein Bücherregal: Hast du deine Bücher nach einem bestimmten System sortiert oder liegen sie kreuz und quer durcheinander?
Oh, bei mir herrscht absolutes Chaos. Ich habe zwar ganz hippe Weinkisten an den Wänden, die aus meinem Pfälzer Heimatdorf kommen, aber darin steht alles wild durcheinander. Außerdem gibt es einige Bücherstapel neben Bett und Sessel und im Regal ist auch eher Kraut und Rüben angesagt. Ich bin aber auch ganz generell kein Sortier- und Ordnungsfanatiker.

Welcher Roman oder welches Sachbuch liegt ganz oben auf dem „Will ich lesen“-Stapel?
Der weiße Tiger von Aravind Adiga. Schon vor meiner Indienreise wollte ich das Buch des indischen Preisträgers lesen, habe es aber bis heute nicht geschafft. In sieben E-Mails werden die Schattenseiten der modernen indischen Gesellschaft aufgezeigt: Korruption, Ausbeutung, Elend. Der nicht unumstrittene Roman ist definitiv der nächste in meinen Händen.

Gibt es ein Zitat, einen Aphorismus oder eine Redewendung, die besonders gut zu deiner Lebenseinstellung passt?
Meine Lieblingszitate ändern sich ständig und dann vergesse ich sie auch noch ständig. Letztens habe ich mir aber ein Zitat von Paulo Coelho notiert, der ja immer wieder für schlaue Sprüche herhalten muss:
„Mensch sein bedeutet, Zweifel zu haben und dennoch seinen Weg fortzusetzen.“
Dieses Zitat aus Brida gefällt mir deshalb so gut, weil ich ein ganz großer Zweifler bin. Egal, was ich tue, ich bin mir nie sicher, ob das wirklich richtig ist. Und trotzdem setzte ich meinen Weg fort, in der Hoffnung, dass, ganz naiv, alles irgendwie gut wird, wenn ich einfach weitermache.

Vielen Dank!

Mehr über Julia erfahrt ihr auf ihrem Blog „Bezirzt“, auf Facebook, Twitter, Pinterest und auf Instagram.

Kategorie Allgemein

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