Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne

SchwittersKurt Schwitters, "Like a Wave", 1947

Nach Gustav Mahler jetzt Kurt Schwitters: Ulrike Draesner erzählt von den späten Jahren des Dadaisten und macht den Text über einen Künstler selbst zum Kunstwerk.


Fümms bö wö tää zää Uu,
                                      pögiff,
                                              kwii Ee.
Oooooooooooooooooooooooo,
dll rrrrr beeeee bö
dll rrrrr beeeee bö fümms bö

So beginnt die „Ursonate“, die Kurt Schwitters zwischen 1923 und 1932 in mehreren Versionen anfertigte. Als er damit begann, war Dadaismus eigentlich schon ein alter Hut: 1916 hatte Hugo Ball im Züricher Cabaret Voltaire zum ersten Mal ein Lautgedicht aufgeführt und das Publikum zu einem verwirrten Lachen gebracht. Auch Schwitters wäre gerne Teil der Dada-Bohème geworden, am liebsten in Berlin, doch Raoul Hausmann, George Grosz, John Heartfield, Hannah Höch und Konsorten wollten ihn nicht in ihrer Ausstellung haben, der „Ersten Internationalen Dada-Messe“, auch wenn man gelegentlich zusammenarbeitete.

Also machte der Hannoveraner sein eigenes Ding, nannte seine Kunst nicht „Dada“, sondern „MERZ“ – die zweite Silbe von „Kommerz“. Wobei sich Kunsthistoriker immer wieder darüber streiten, ob MERZ tatsächlich als „dann mache ich halt meine eigene Kunst-Bewegung“ entstanden ist und die Dadaisten zwischen Berlin, Hannover, Köln und Zürich nicht doch viel stärker vernetzt waren, als man bisher dachte.

Schwitters

Zwei Publikationen von Kurt Schwitters aus den Jahren 1919/20 / Quelle: Wikimedia Commons

Für den Roman, den Ulrike Draesner geschrieben hat, spielt die unmittelbar Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, der Blütezeit des Dadaismus, aber sowieso kaum eine Rolle. Schwitters setzt 1936 ein, da sind die Nationalsozialisten seit drei Jahren an der Macht und aktiv dabei, alles aus dem Land zu vertreiben, was ihnen nicht in die Blut-und-Boden-Weltanschauung passt. Schwitters, der mit Sprache spielt und aus seinem Haus in Hannover eine riesige, begehbare Installation geschaffen hat – den MERZBAU – gilt für sie als „entartet“. Und so begibt er sich nach Norwegen, wo sein Sohn Ernst mit seiner Frau lebt; mietet sich eine kleine Scheune, die zu einem MERZBAU II werden soll. Seine Frau Helma bleibt mit Mutter und Schwiegermutter in Hannover zurück.

„Er wollte keine tragische Figur werden. Allemal nicht in einer Tragödie, die andere für ihn schrieben. Kurt-kürzestum: an selbstgekochtem Kleber schnüffeln, süchtig nach dem Bildvorgang zwischen Kopf und Hand. Menschen mit Worten aus ihren Dreiteilern, Leibbindern, Uniformen schmelzen.“

Doch die Zeitläufte zwingen ihn erneut zur Emigration, Kurt und Ernst flüchten weiter, sind wochenlang seekrank, landen schließlich in Schottland und dann in einem Gefangenenlager in Südengland. Später, nachdem der Zweite Weltkrieg beendet ist, zieht er nach London, lernt eine deutlich jüngere Frau kennen, die er „Wantee“ tauft. Mit der Kunst kann er nicht aufhören, wo immer Kurt geht und steht sammelt er Gegenstände, Verlorenes, Weggeworfenes, Aussortiertes und hortet es wie ein Eichhörnchen seine Nüsse für den Winter. Eine neue Scheune, diesmal im Lake District, wird Ort des dritten und letzten MERZBAU. Von den Kriegsstrapazen erholt sich Kurt Schwitters nie wirklich.

Wie erzählt man die Lebensgeschichte eines weltweit bekannten Künstlers, wie lässt man die Leser*innen in den Entstehungsprozess seiner Arbeiten hineinschauen? Man kann es machen wie Robert Seethaler, der sich literarisch mit dem Komponisten Kurt Mahler auf dessen letzte Schiffsreise begab und damit in meinen Augen scheiterte. Oder man macht es wie Ulrike Draesner: Sie lässt Kurt Schwitters, den großen Wortspieler und Silbenkünstler, mittels Sprache aufleben.

Schwitters

„Change! Er brauchte Münzen, Kröten, dosh. Ging er oder war er dabei zu gehen? Ein Bein vor das andere, Hauptstraße, Bach, Brückenhaus, leicht nach links. Nicht husten. Murmelndes Wasser, vorbei an den drei Buchen, die eine blutrot. Einfach der Nase genannt Straße nach.“

Draesners Schreibstil zeichnet sich größtenteils durch kurze, gelegentlich abgehackt wirkende Sätze aus, durchzogen von Assoziationen, die nicht immer nachvollziehbar sind, dazu Sprachspiele von Schwitters, der zwischen Deutsch, Norwegisch und Englisch mäandert. Kurz: Wir befinden uns mittendrin im Kopf des Merz-Künstlers. Das ist zu Beginn recht sperrig, man braucht eine Weile, bis man in den Rhythmus des Romans hineinfindet, bereitwillig von Wort zu Wort hüpft, sich auch mal von Sätzen wie von rauschenden Wellen überfluten lässt und beschließt: Man muss gar nicht alles verstehen, man kann sich einfach mitreißen lassen.

Dass Draesner allerdings, auch wenn sie aus der Perspektive von Sohn Ernst oder Frau Helma erzählt, den Kurt’schen Ton beibehält, irritiert immer wieder. Und auch die Dreiteilung des Textes in Schwitters Zeit in Hannover und Norwegen, Schwitters Nachkriegsjahre in England und der Streit der Erben nach seinem Tod wirft Fragen auf. Warum werden die künstlerisch Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg ausgespart? Wie Seethaler wählt auch Draesner die letzten Lebensjahre des Künstlers, wenn auch über einen deutlich längeren Zeitraum; der Künstler, der selbst zur Kunstfigur geworden ist, wird porträtiert in all seiner Unsicherheit, der Suche nach einer Heimat fern der Heimat, dem Ringen um Worte und mit fremden Sprachen. Der Mann, der nicht anders kann, als Kunst zu machen.

Schwitters ist kein Künstlerroman, den man in einem Rutsch durchschmökert. Manchmal erfordert der Text, dass man die Zähne zusammenbeißt und stur weiterliest – sobald sich Kurt etwas entspannt, wird aber auch der Text ruhiger und die Sätze länger. Man muss sich auf dieses Künstlerporträt, das selbst Kunst ist, einlassen. Und wird es nicht bereuen.

Ulrike Draesner
Schwitters
Pengiun Verlag, 2020
Gebunden, 480 Seiten, 25 Euro

Weitere Besprechungen findet ihr bei Constanze von Zeichen & Zeiten und Marius von Buch-Haltung.