Oh, Saint-Tropez!

Saint-TropezBild: Wikimedia Commons / Ryodo477

An reale Reisen in die Ferne ist derzeit nicht zu denken. Mit dem Roman „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff kann man sich immerhin an die Côte d’Azur träumen…

„Cannes auch Nizza gewesen sein“, pflegte der Freund zu scherzen, mit dem ich vor mehr als einem Jahrzehnt eine Rundreise entlang der Côte d’Azur machte. Zwei Tage blieben wir in Saint-Tropez, ich holte mein Schul-Französisch aus den hintersten Ecken des Gehirns, um uns überzuckerte Törtchen beim Bäcker zu bestellen, dazu tranken wir Milchkaffee aus großen Schalen, ich trug ein blau-weiß gestreiftes Oberteil und einen breitkrempigen Strohhut. Im strahlend blauen Hafenwasser lagen Yachten in der Größe von Einfamilienhäusern und ich hoffte die ganze Zeit darauf, Brigitte Bardot über den Weg zu laufen.

An alle diese Eindrücke hatte ich lange nicht mehr gedacht – bis ich mit Helen Wolff dank ihres Romans Hintergrund für Liebe erneut an die Côte d’Azur reiste. Und auch noch in der Zeit: Die Geschichte spielt Anfang der 1930er Jahre, als am Horizont bereits dunkle Wolken aufzogen und Deutschland zu einem zunehmend ungemütlichen Ort werden ließen.

Mit ihrem namenlosen, zwanzig Jahre älteren Liebhaber fährt die ebenfalls namenlose Erzählerin im Frühsommer Richtung Süden; sie hat genügend Geld gespart, um für ein paar Monate dem Alltag zu entfliehen und sich in ein kleines Häuschen am Meer zurückzuziehen. Das ist ihr Plan. Doch ihr Geliebter steigt lieber in Hotels ab und setzt sein Geld im Casino aufs Spiel Die junge Frau verlässt ihn daraufhin und schlägt sich auf eigene Faust bis nach Saint-Tropez durch. Wo sie hängen bleibt – und tatsächlich auch ein passendes, rudimentär eingerichtetes Domizil findet, mit einer kleinen Katze als Gesellschaft:

„oh, sage ich und stehe ganz still, Grimms Märchen in Saint-Tropez […] Aus großen, provençalischen Tonkrügen wuchern Geranien, links von der Tür steht ein riesenhafter Margeritenbusch, eine große weiße Kugel, Kletterrrosen bedecken die Wand, und die Frau zeigt stolz auf den Zitronenbaum, der mit seinem dunklen Grün
das Fenster überschattet.“

Saint-TropezHier, in dieser abgeschiedenen, sonnendurchfluteten Bleibe unweit des Fischerdörfchens fühlt sie sich wohl – auch sie trägt dabei einen breitkrempigen Strohhut und weit geschnittene Fischerhosen. Und der Liebhaber? Der findet sie irgendwann und weicht ihr fortan nicht mehr von der Seite, genau wie die Katze. Aber die Regeln, den „Hintergrund für Liebe“, gibt nun sie vor.

„Wir beißen in das Leben. Wir saugen uns mit Sonne voll wie die Früchte. Wir taumeln den Sommer entlang, und es wird immer schöner, immer bewußtloser. Die Zeit tropft langsam herunter, aber wir zählen die Tropfen nicht.“

Dass wir diesen kleinen Roman, der gerade einmal 116 Seiten umfasst, heute lesen können, verdankt sich dem Ungehorsam: Helen Wolff hatte ihre Erzählungen und diesen Roman, der 1932/33 entstand, bewusst zurückgehalten – versehen mit einem Zettel und der Bitte, diese nach ihrem Tod zu vernichten. Ihre Erben hielten sich zum Glück nicht daran. Was dahinter steckt, erklärt ein umfangreicher Essay von Helens Großnichte Marion Detjen, die die Geschichte des Verleger-Ehepaars Helen und Kurt Wolff erzählt und welche Grundlage ihre Ehe für den vorliegenden Roman bildete.

Doch um diese Geschichte zu genießen, muss man das eigentlich gar nicht wissen. Man kann auch so mit der selbstbewussten Erzählerin in das weiche Licht der Côte d’Azur eintauchen, den Geruch der Zitronenbäume einatmen und sich dabei die Wärme eines Spätsommertags in Südfrankreich vorstellen, zurückgelehnt in einen gestreiften Liegestuhl, eine kleine Katze auf dem Bauch und ein Gläschen Pastis in der Hand… Ein kleiner Trost in diesen wirren Zeiten, in denen wir uns den Großteil der Zeit in unseren eigenen vier Wänden aufhalten müssen!

Helen Wolff
Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen

Weidle Verlag, 2020
216 Seiten, 20 Euro

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