Petite hystérie: „Ida“ von Katharina Adler

Ida

Wer steckte hinter dem „Fall Dora“ von Sigmund Freud? Katharina Adler erzählt in „Ida“ die Geschichte ihrer Urgroßmutter und den Anfängen der Psychoanalyse.

Dieser Roman möchte viel, wenn nicht sogar alles sein: er möchte die Geschichte eines Mädchens erzählen, dass um die Jahrhundertwende aufwächst; die Geschichte einer jungen Frau, die sich gegen die Bigotterie ihrer Zeit wehrt und in die „Fänge“ der Psychoanalyse gerät – und nicht zuletzt die Familiengeschichte der Adlers, zu deren Nachkommen auch die Autorin Katharina Adler gehört. Kann das funktionieren?

Ida Adler, dass ist der Name der Frau, die Sigmund Freud in seinem berühmten „Fall Dora“ analysierte und anhand ihres Verhaltens das Thema „Hysterie“ beschrieb. Ida Adler, dass war aber auch der Name der Urgroßmutter von Katharina Adler: „In den Texten von Freud ging es immer nur um die Kunstfigur Dora, aber nicht um meine Urgroßmutter selbst“, sagte die Autorin während einer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse – und ihre Geschichte habe sie erzählen wollen.

Ida

Die Vielfalt der Psyche

Die Geschichte der jungen Frau, die 1882 in die strengen Verhältnisse einer Wiener Familie geboren wird, in der über Gefühle nicht gesprochen wird – alle Adlers kompensieren dies früher oder später mit dem Rückzug in verschiedene Krankheiten, auch Ida leidet früh an Migräne und später sogar an Stimmverlust. Doch während wir aus der heutigen Position selbst mit einem Mindestmaß an Küchenpsychologie daraus schnell unsere Schlüsse ziehen können: Anfang des 20. Jahrhunderts brauchte es Psychologen wie Sigmund Freud, die diese unbewussten Mechanismen aufdecken, die Menschen waren nicht vertraut mit der Vielfalt der Psyche, wie wir es heutzutage sind.

Dass der bärtige Wiener bei Ida letztendlich jedoch mehr Schaden anrichtet als Gutes tut, wird seiner Patientin recht schnell bewusst. Sie bricht die Therapie ab – und wird ihr Leben lang unter den Folgen leiden. Als Leser werden wir dabei gleichsam in die Dynamik des Adler’schen Haushaltes hineingezogen als auch auf Abstand gehalten – eine Tatsache, die auf eine gewisse Weise zwar die Steifheit der Jahrhundertwende in Wien zum Ausdruck bringt, aber auch so nur wenig Mitgefühl ermöglicht. Oder geht es darum gar nicht?

Wilde Zeitsprünge

„Ich habe den Roman nicht chronologisch aufgebaut, weil ich kein Urtrauma erzählen wollte“, auch dies ein Zitat Katharina Adlers von der Messe als Erklärung, warum die Geschichte wild durch die Zeitebenen springt: mal befinden wir uns im Jahre 1941, dann in 1900, kurz darauf ist es 1892. Dies ist mitunter ziemlich verwirrend, man sucht verzweifelt nach einem Halt in der Geschichte, die sich immer weiter verästelt wie ein fein gewebtes Spinnennetz – und doch läuft alles eben immer wieder auf dieses „Urtrauma“ hinaus, welches die Autorin nach eigenen Angaben nicht erzählen wollte, das aber für das Verhalten von Ida essentiell ist.

Was also möchte Ida sein? Ist es der Versuch der Autorin, etwas mehr Licht in ihre Familiengeschichte zu bringen, über die bei ihr zuhause nicht geredet wurde? Ist es eine Abrechnung mit der Psychoanalyse und ihrer (zumindest in den Anfängen) vorschnellen Art,  psychische Probleme zu diagnostizieren? Ist es die Geschichte einer kratzbürstigen Frau, die sich, als sie endlich aus der Enge der Familie heraus heiratet, nie wieder die Butter vom Brot nehmen lässt? Ida bietet einiges, möchte aber noch mehr, vielleicht alles – letztendlich bleibt der Roman dadurch leicht verwässert und verliert sich zu oft in den Wirren der verschiedenen Zeitläufte.

Katharina Adler
Ida
Rowohlt, 2018.
Gebunden, 512 Seiten, 25,-€

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree