Platz ist in der kleinsten Hütte

Hütte

Feucht, dunkel und nicht mehr als 34 Quadratmeter: Was steckt hinter unserer uralten Sehnsucht nach einer Hütte? Petra Ahne erzählt die Kulturgeschichte des kleinen Holzbaus.

Ich gebe zu: Je länger ich im Zentrum von Berlin lebe und je älter ich werde, desto größer ist mein Wunsch nach einem ruhigen Ort im Grünen. Doch wer einmal die Bedenken hinter sich gelassen hat, als Laubenpieper in die Riege der Spießer einzutreten und sich fortan mit exakt bemessener Heckenhöhe auseinandersetzen zu müssen, wird schnell feststellen: So einfach ist das in Berlin und Brandenburg gar nicht, an eine kleine Datsche zu kommen. Das Bedürfnis nach einem dieser kompakten, urigen Orte habe nicht nur ich.

Auch Petra Ahne geht es so. Lange suchen sie und ihr Mann nach einer kleinen Hütte außerhalb Berlins, bis sie letztendlich ein Grundstück an einem See im Nordosten Brandenburgs pachten können.

„In den exakt 34 Quadratmetern saß ein ganzes Leben – schlafen, kochen, sich waschen, wohnen. Kleiner ging es kaum und doch passte alles rein. Das hier war nicht mehr als ein Raum, den man um sich errichtet, weil der Mensch nun mal einen Raum braucht, der ihn trennt von Welt und natur. Letztere begann gleich hinter der Tür, See, Wald, Felder und nichts sonst.“

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Mein Wunsch nach einer eigenen „Datsche“ ist jetzt noch größer

Fasziniert von ihren Gedanken, die beim Anblick des kleinen Hüttchens entstehen, beginnt sie, sich mit der Kulturgeschichte dieser Bauten auseinanderzusetzen. Und merkt: Eine Hütte ist nicht nur eine Hütte, sie ist eine Metapher, ein Archetyp:

„Eingeschrieben ins kulturelle Gedächtnis, immer schon da gewesen. Wir sehen eine Hütte in einem Wald, auf einer Alm, in einer Naherholungssiedlung in brandenburg und denken uns sofort hinein in das Leben, das darin möglich sein müsste: ein anderes, echteres, einfacheres, ein Leben in und mit der Natur.“

 

Adam und Eva hatten im Paradies keine Notwendigkeit für eine Behausung, sie wussten ja noch nicht einmal, dass sie nackt waren. Das änderte sich schlagartig mit dem Biss in den Apfel und der folgenden Vertreibung aus dem Paradies: Antonie Filarete zeichnete bereits im 15. Jahrhundert seine Vorstellung von der Hütte, die Adam für sich und Eva außerhalb des Garten Eden zusammenzimmerte – auch wenn in der Bibel selbst davon keine Rede ist. Filarete war aber nicht der erste, bereits im 1. Jahrhundert VOR Christus hatte sich der römische Architekt Vitruv über die „Urhütte“ Gedanken gemacht. Es folgten etliche Gelehrte, Wissenschaftler und Architekten.

Le Corbusier zum Beispiel, bekannt geworden durch seine Vorstellung der „Wohnmaschine“ (von der es ein sehr farbenfrohes Exemplar in der Nähe des Berliner Olympiastadions gibt) und seine weltweit berühmten Prachtbauten – er selbst wohnte in einer kleinen Hütte an der Côte d’Azur. Waren etliche Menschen aus finanziellen Gründen auf die kleinen Behausungen angewiesen, wurden Hütten spätestens im 19. Jahrhundert auch für die reiche Mittel- und Oberschicht attraktiv, die darin einen willkommenen Zwang zur Reduzierung sah.

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Die Grenze zwischen Hütte und Natur ist ganz dünn

Um Thoreau und seine Unterkunft am Walden Pond kommt auch Petra Ahne nicht herum, verteidigt den naturnahen Schriftsteller aber: Klar, er habe seine Wäsche bekanntlich regelmäßig zu seiner Mutter gebracht – aber er habe auch nie behauptet, ein Aussteiger oder Eremit sein zu wollen, was man im gesellschaftlichen Verständnis wohl automatisch ist, wenn man sich alleine in eine abgeschiedene Hütte zurückzieht. Eremiten lagen eine zeitlang richtig im Trend, zur Blütezeit der Romantik ließen sich vor allem in Großbritannien adlige Menschen auf ihren Anwesen Höhlen und Hütten bauen, für die sie Schauspieler engagierten. Die spielten den Besuchern den Einsiedler vor und lösten gleichsam Faszination wie ein leichten Grusel aus.

Immer nur Männer? Ja, die Kultur des zurückgezogenen Hüttenbewohners ist hauptsächlich männlich:

„Selbstgenügsamkeit, Entgrenzung, Konfrontation mit der Natur und mit sich selbst: Es sind traditionell als männlich gesehene Bedürfnisse und Fantasien des Sich-selbst-Beweisens, für die das abgeschiedene Hüttendasein steht. […] Männern wird ein solcher Rückzug noch eher zugestanden. […] Eine Frau, die Gleiches tut, macht sich dagegen umgehend verdächtig. Zu offensichtlich verweigert sie sich den ihr zugeschriebenen Eigenschaften, sozial, fürsorglich, nährend zu sein.“

Was also assoziiert man mit Frauen, die allein in Hütten wohnen? Genau: Hexen. Im Märchen locken sie unschuldige Kinder durch die Holztüre, verspeisen sie womöglich sogar. Bis sich diese Wahrnehmung ändert, dauert es wahrscheinlich noch eine Weile.

Als mir das Buch von Petra Ahne auf einer der Buchmessen mit den Worten: „Da kommt demnächst etwas über Hütten, das ist doch bestimmt etwas für dich!“ vorgestellt wurde, musste ich zunächst schmunzeln. Und war dann, als das zudem ganz bezaubernd gestaltete Büchlein bei mir ankam, tatsächlich überrascht: Hätte ich gedacht, dass die Kulturgeschichte der Blockhütte so interessant sein kann? Mein Wunsch nach einer eigenen Datsche ist nun noch größer geworden. Vielleicht habe ich ja irgendwann ähnlich großes Glück wie die Autorin!

Petra Ahne
Hütten. Obdach und Sehnsucht
Illustriert von Pauline Altmann
Matthes & Seitz, 2019
Gebunden, 132 Seiten, 28 Euro

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