Punkt, Punkt, Punkt

KusamaInstallation in der Retrospektive von Yayoi Kusama im Martin Gropius Bau / Foto: Fräulein Julia

Der Martin Gropius Bau darf – endlich! – wieder die große Retrospektive von Yayoi Kusama zeigen. In der läuft man durch einen Rausch aus Farben und Formen.

Ich hatte eine Zeit als junge Erwachsene, da liebte ich Polka Dots über alles. Sie fanden sich bei mir auf Topflappen und Töpfen, Kissenhüllen und meiner Kleidung. Es war irgendwie logisch, dass ich früher oder später deswegen mit der Kunst von Yayoi Kusama in Berührung kommen würde: Man nennt die mittlerweile 92-jährige Japanerin auch „Queen of Polka Dots“. Neben den Punkten gehören Kürbisse und Stoff-Penisse zu ihrem Repertoire.

Dass die ganzen Punkte zwar niedlich aussehen, für die Künstlerin aber eine Form der Selbsttherapie sind, wusste ich bis zu der großen Retrospektive im Berliner Martin Gropius Bau nicht. Als die Ausstellung Ende April für anderthalb Tage öffnen durfte, bevor die Bundesnotbremse sie wieder schloss, hatte ich sie zwecks einer Besprechung für das Schirn Mag besucht. Und erfuhr dort, dass Yayoi Kusama seit ihrer Jugend unter Halluzinationen leidet, dass sich Raster und Linien über ihre Wahrnehmung der Welt legen. Und dass die Punkte für sie schwarze Löcher bedeuten – die Angst vor ihnen kann sie nur in Schach halten, wenn sie sie malt. Das tut sie. Immer und immer und immer wieder.

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Installationsansichten aus der Retrospekive von Yayoi Kusama im Martin Gropius Bau Berlin / Fotos: Fräulein Julia

Seit den späten 1950er Jahren, nachdem Kusama aus Japan nach New York gezogen war, wurden die Tupfen immer mehr zu ihrem Markenzeichen. Nachdem sie lange Zeit Leinwände damit bedeckt hatte, wagte sie sich in den dreidimensionalen Raum, entwarf begehbare Installationen und plüschige Skulpturen. Sie traf damit den Nerv der Swinging Sixties, die sich gerade frei machten vom Muff der vorangegangenen Jahrzehnte und in Happenings und Performances ihrer Freizügigkeit frönten.

Kusama organisierte Orgien in Galerien, bei denen sie nackte Menschen mit – klar – Punkten bemalte; obwohl sie selbst sich von jeglicher Sexualität abgestoßen fühlte, wählte sie also die Flucht nach vorn, ohne selbst körperlich mitzumischen. Als Produkt dieser Abneigung entstanden außerdem unzählige Phalli, aus gepunktetem Stoff genäht und zu Hunderten in ein Boot oder in mit Spiegeln ausgekleidete Räume gelegt.

Die exzessiven 1960er Jahre fanden irgendwann ein Ende, Kusama ging zurück nach Japan und ließ sich in eine Nervenklinik in Tokio einweisen. Wo sie bis heute lebt – und malt, malt, malt. Einer der Räume in der Ausstellung ist bis unter die Decke mit Leinwänden behangen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Kunst zu produzieren scheint für sie längst so unausweichlich wie das Atmen zu sein.

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Wie spannend und abwechslungsreich das Leben von Yayoi Kusama war und ist, davon handelt auch ein Graphic Novel von Elisa Macellari, das kürzlich erschienen ist. 2011 hatte die Autorin in Madrid eine Ausstellung der Punkte-Königin gesehen, im Vorwort erzählt sie von ihrer Reaktion: „Mir kam es vor wie ein Stein mitten auf der Straße, über den man unversehens stolpert und der einen dann in eine andere Richtung führt. Ohne, dass ich danach gesucht hätte, war er da und drängte sich in mein Leben.“ Sie beschloss daraufhin, die Geschichte dieser außergewöhnlichen Frau zu erzählen.

Wer sich schon ein bisschen mit Kusama beschäftigt oder die Ausstellung in Berlin gesehen hat, wird hier zwar keine neuen Fakten erfahren. Aber das Buch bietet einen guten Einblick in die Ideenwelt dieser Frau, ihre Ängste und Nöte, ihre Wünsche und Ideen. Selbstredend ist das Buch in den Farben gehalten, die auch im Werk Kusamas immer wieder auftauchen – allen voran Rot – und wird dadurch selbst zu einem kleinen Kunstwerk, das man immer wieder gerne aus dem Regal nimmt.

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Ausschnitt aus dem Graphic Novel von Elisa Macellari

Die Ausstellung „A Bouquet of Love I Saw in the Universe: Yayoi Kusama. Eine Retrospektive“ ist noch bis zum 15. August 2021 im Martin Gropius Bau Berlin zu sehen. Es wird ein Zeitfensterticket und ein negativer Corona-Test benötigt!

Elisa Macellari
Kusama. Eine Graphic Novel
Laurence King Verlag, 2021
Gebunden, 128 Seiten, 18 Euro