Raus aus Berlin… Nach Sacrow

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Es ist (noch immer) Sommer in Berlin – ein guter Grund, mal wieder aus dem Stadtzentrum ins Grüne hinaus zu fahren. Diesmal stelle ich euch Sacrow vor! 

Schon länger hatte ich vor, einmal zur Heilandskirche nach Sacrow zu fahren: Die noch vergleichsweise junge Kirche (erbaut wurde sie 1844) steht im Park des Schloss Sacrow direkt am Wasser der Havel. Ein bisschen jwd und trotzdem zu erreichen – genau richtig für einen Sonntagsausflug!

Also packe ich den Rucksack, ohne Badehose, dafür aber mit Mückenspray, und dann geht es nischt wie raus zum Wannsee. Zwar kann man Sacrow auch auf dem „Landweg“ erreichen, indem man nach Potsdam oder Spandau und dann mit dem Bus weiterfährt, der am Wochenende immerhin einmal die Stunde kommt. Ich entscheide mich aber dafür, den Besuch am Rande von Brandenburg mit einer Wanderung zu verbinden und steige am Kleinen Wannsee auf die BVG-Fähre. Die bringt mich in 20 Minuten rüber nach Kladow, vorbei an der winzigen Vogelschutzinsel mit dem lieblichen Namen Imchen. Ich bin nicht die einzige auf dem Schiff, dafür eine der wenigen ohne Fahrrad.

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Vom kleinen Hafen in Alt-Kladow geht es linksherum und dann immer entlang des Wassers, auch wenn man das zeitweise gar nicht sehen kann. Ein schattiger und sandiger Weg führt mich entlang pittoresker Häuser, teilweise sehr alt, teilweise in höchst moderner Bauweise. Schon schick, denke ich – und vor allem eindeutig ruhiger als bei mir in Prenzlauer Berg. Es ist so ruhig, dass mir die Stille auf der Haut kribbelt. Genau das habe ich gesucht! Auf der rund 5 Kilometer langen Strecke komme ich am „Essbaren Garten Kladow“ vorbei, wo regelmäßig Wildkräuterführungen angeboten werden, während ein paar Schritte weiter der Landhausgarten Dr. Max Fraenkel mit Kaffee, Kuchen und Zugang zur Havel für eine Pause zur Verfügung steht.

Immer weiter geradeaus wandere ich, nun über eine asphaltierte Landstraße, die aber von dichtem Wald flankiert wird. Rechts von mir steigen die Fuchsberge in für Berlin erstaunliche Steigungen und Gefälle auf, alles durchzogen von diesem würzigen Geruch nach märkischem Sand und Kiefern. Ich passiere die Grenze zwischen Berlin-Spandau und dem Landkreis Potsdam, nur ein Schild weist mich darauf hin, dass Berlin hier zuende ist und Brandenburg beginnt – noch vor dreißig Jahren wäre ich an dieser Stelle am Ende von West-Berlin angelangt und gegen eine Mauer gelaufen.

„Wir wohnten damals so weit im Westen, dass wir fast schon wieder im Osten waren“, scherzte ein Bekannter von mir, der in Spandau aufwuchs. Heutzutage ist das kaum mehr vorstellbar und man würde es glatt vergessen, wenn nicht zwei Infotafeln die tragische Geschichte zweier Opfer der deutsch-deutschen Teilung erzählen würden. Einer im Sacrower See (durch den die Grenze verlief) ertrunken, weil er Freiheit wollte, der andere in Sacrow von einem Grenzer erschossen, weil er diesem verdächtig vorkam.

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Unter der Teilung Deutschlands litt auch die Heilandskirche, die ich kurze Zeit später erreiche. Friedrich Wilhelm IV. war Fan der italienischen Bauweise und wünschte sich eine Kirche in diesem Stil, die noch dazu Assoziationen an ein Schiff weckte – in nur drei Jahren wurde sie nach Baubeginn 1841 eröffnet und in den kommenden Jahrzehnten zu einem beliebten Ausflugsziel. In den blauen Kacheln im Säulengang finde ich zahlreiche Liebesschwüre, die bis in das Jahr 1942 zurückgehen. Doch als im Rücken der Kirche 1961 eine massive Betonmauer aufgestellt wurde, die den Bewohnern des Landes die Flucht unmöglich machen sollten, verfiel das Bauwerk nach und nach.

Dank der Restaurierung, die – auf Druck von West-Berlin aus – in den 1980er Jahren begonnen und nach dem Fall der Mauer beendet wurde, kann ich heute die Füße über den Rand der Arkaden baumeln lassen und in Ruhe den Segelbooten dabei zuschauen, wie sie in der kleinen Bucht vor dem Schlosspark ein riskantes Wendemanöver vollziehen. So pittoresk sieht die Kirche mittlerweile aus, dass sie sogar als Drehort für Babylon Berlin diente.

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Unweit der Heilandskirche steht das Schloss Sacrow – eigentlich müsste ich es andersrum aufzählen, denn das Schloss, das streng genommen eher ein stattliches Herrenhaus ist, wurde bereits 1773 erbaut. Kurze Zeit später kaufte es Heinrich Karl de la Motte Fouqué, auch sein Sohn Friedrich de la Motte Fouqué (Sind Germanist*innen unter euch? Ihr wisst schon, der Friedrich mit der Undine!) ließ sich hier zeitweise nieder und für seine Arbeit inspirieren. Im Schloss werden regelmäßig Ausstellungen abgehalten, momentan – wie könnte es im Fontane-Jahr auch anders sein? – dreht sich alles um den Schriftsteller mit dem buschigen Schnauzbart, der 200 Jahre alt wäre, wenn Menschen denn so alt würden.

Wer gut zu Fuß ist, wandert nun auf dem gleichen Weg zurück nach Alt-Kladow, wo die Fähre während der Sommermonate stündlich zurück nach Wannsee übersetzt. Ich entscheide mich an diesem heißen Augusttag, nur die Hälfte der Strecke zu laufen und dann in einen Bus zu steigen, der mich Richtung Charlottenburg bringt. Mit dem Wunsch, hier noch einmal hinzukommen, um im Arkadengang der Kirche zu sitzen und auf das blau schimmernde Wasser zu schauen…

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Anfahrt: Vom S-Bahnhof Wannsee bis zur Haltestelle der BVG-Fähre am kleinen Wannsee; Abfahrt in den Sommermonaten zwischen 9 und 20 Uhr jeweils zur vollen Stunde // Von Kladow zurück nach Wannsee fährt die Fähre immer zur halben Stunde

Route: Vom Fährhafen Alt-Kladow links auf die Imchenallee (Privatweg, für Fußgänger frei), später links abbiegen auf den Sacrower Kirchweg. An der Kreuzung zur Sacrower Landstraße wieder links abbiegen auf die Kladower Straße, die eine Weile durch den Wald führt, bis man Sacrow erreicht. Von dort sind Schloss und Heilandskirche ausgeschildert.

Essen & Trinken: Im Landhausgarten Dr. Max Fraenkel, der in den 1920er Jahren angelegt wurde, gibt es ein kleines Café mit Mittagskarte, Kaffee und Kuchen – Lüdickeweg 1, 14089 Berlin

Was man dort sonst noch machen kann: Wer Lust hat auf eine längere Tour, kann kurz vor dem Abzweig zum Schlosspark nach rechts laufen und entlang des Sacrower Sees wandern oder einmal ganz herum (ca. 8km)

Diesen Ausflug findet ihr so ähnlich übrigens in meinem Buch „Raus ins Grüne Berlin. Entdecken, Ausspannen, Genießen“, welches im Bruckmann Verlag erschienen ist.

 

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