Raus aus der Kuschelzone oder: Für mehr Kritik auf Literaturblogs

Kritik

Wieso findet man auf Literaturblogs so selten Verrisse oder wirklich kritische Besprechungen? Ich bin der Meinung: Wir brauchen mehr Diskurs und weniger Weichspüler.

„Oh Mann, die Protagonistin hat mich schier in den Wahnsinn getrieben mit ihrem Gejammer“, „Die Hauptfigur war so eklig, ich hatte nach dem Lesen das Bedürfnis, mir die Hände zu waschen“ oder „Wie in diesem Buch über den Tod geredet wird, das war mir viel zu drollig!“

Unterhalte ich mich mit anderen Bloggern über Literatur, so ist er durchaus da: der Diskurs. Auf Branchentreffs wie der Leipziger und der Frankfurter Buchmesse wird heiß diskutiert, bis die Hornbrillen beschlagen – denn was uns eint, ist die leidenschaftliche Liebe zur Literatur: Die Freude daran, in eine Geschichte einzutauchen und darin aufzugehen. Sich von den Worten tragen zu lassen, über stilistische Hürden zu stolpern und einen kühnen Blick über den Tellerrand zu wagen.

Doch manchmal gehen diese Reisen zwischen zwei Buchdeckel gehörig schief, verläuft die Begegnung mit der Geschichte katastrophal oder gar mit jähem Ende: Wir brechen das Buch ab. In diesen Fällen wandert es meistens ins Regal oder den nächsten öffentlichen Bücherschrank, kein Gedanke wird mehr an die verkorkste Zusammenkunft von Leser und Literatur verschwendet.

Schreiben wir doch einmal darüber, bleibt die Kritik in den meisten Fällen moderat und leise, lugt vorsichtig hinter den abmildernden Satzbausteinen hervor. Aber wieso eigentlich? Warum halten wir mit unserer Meinung hinterm Berg, so bald sie die Komfortzone der lobenden Besprechung verlässt? Steht dahinter die Angst, keine Rezensionsexemplare mehr zu bekommen oder gar in den Augen der Verlage zur Persona non grata erklärt zu werden? Oder muss hier das altbekannte Argument bemüht werden, man schreibe ja schließlich in seiner Freizeit und die wolle man nicht an die Ausarbeitung eines Verrisses verschwenden?

Kritik

Uns wird von Zuschauern oft vorgeworfen, dass wir die Bücher nicht hinreichend loben.
Wir sind nicht der verlängerte Arm der Werbeabteilungen deutscher Verlage.
(Marcel Reich-Ranicki über „Das Literarische Quartett“)

Dies hat natürlich seine Berechtigung: Wieso sollte ich mehrere Stunden aufbringen, um ein Buch zu rezensieren, welches mich schon während des Lesens aufgrund haarsträubender Irrelevanz, krummer Sprachspiele und belangloser Dialoge auf die Palme brachte? Nun, diese Bücher können wir getrost zur Seite legen.

Aber wie schaut es aus mit den Exemplaren, die uns als Leser unangenehm berühren, die uns wütend machen, verärgern, empören? Über die ich mich, im Gespräch mit anderen (die – oh Schreck – das Buch vielleicht mit Freude gelesen haben?) bis zur bereits erwähnten beschlagenen Hornbrille ereifern kann? In diesen Fällen, so denke ich, lohnt sich der gekonnt argumentierte Verriss oder, um es nicht ganz so scharf zu machen, das mit kritischen Worten ausgedrückte Unbehagen – eine Rezension, die andere Leser warnt: Achtung, mein Lieber, dieses Buch ist eine Herausforderung!

„Sie werden über dieses Buch reden wollen“, ich bemühe noch einmal den 2017 so geschickt formulierten Werbespruch des Hanser Verlags zu Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara, diese – in meinen Augen! – 800 Seiten tränenreicher, pathetischer Sprachsülze, von der ich zu Tode gelangweilt war. Ich schrieb damals nicht darüber, da der allgemeine Konsens  „Wow! Dieses Buch hat mich emotional total berührt“ auf den Literaturblogs mich verunsicherte. Warum zündete der Roman bei mir nicht? Bin ich eine so schwierige Leserin? Doch ein Jahr später kann ich mich noch immer darüber ärgern – ich will tatsächlich weiterhin über dieses Buch reden und warum ich absolut nicht damit klargekommen bin. Und nehme mir in diesem Zusammenhang vor, in Zukunft kritischer zu sein, verschiedene Standpunkte in meine Besprechungen einfließen zu lassen, zu argumentieren und zu analysieren.

Denn selbst wenn wir Literaturblogger nicht das Feuilleton einer etablierten Zeitung sind, so wird unsere Meinung von Lesern und Verlagen wahr- und vor allem auch ernst genommen – lassen wir sie nicht zu einem weich gewaschenen Lobgesang auf zeitgenössische Belletristik verkommen, sondern seien wir mutig, kritisch, aufrührerisch!

Was ist deine Meinung zu kritischen Rezensionen auf Buchblogs?
Yay or nay?

 

16 Kommentare

  1. Immer, immer yay! Denn wenn ein Buch Schwachstellen hat, der Plot nicht zündet, die handelnden Figuren nerven, SOLLTE der Leser es erfahren. Von kuscheligem Firlefanz hat ausser dem Autor und dem Verlag niemand was – und nichtmal der Autor hat was davon, denn ohne konstruktive Kritik kann er sich nicht verbessern. Oder sie.
    Ich kritisiere in meinen Rezensionen immer offen, was es zu kritisieren gibt, versuche aber auch zu erklären, wo für mich das Problem liegt (und was man evtl hätte besser machen können), da ich denke, falls der Autor/sie Autorin das dann doch mal liest, kann er/sie damit sicher mehr anfangen als mit einem langen Diskurs darüber, wie toll sein/ihr Geschreibsel ist.

  2. Yay.
    Verrisse sind wichtig, mehr davon, keine Zurückhaltung! Drei Gründe:
    Erstens schon für Deine Seelenhygiene, wie Dein nachhaltiges Yanagihara-Unbehagen zeigt. Hättest Du einen Verriss geschrieben, wäre die Sache möglicherweise abgeschlossen gewesen. Und Du hättest den Einheitsklang durchbrochen, den Du beschrieben hast. Möglicherweise hätten sich viele Leser darin wiedergefunden, die sich sonst mit ihrem Eindruck so einsam empfunden hätten wie Du.
    Zweitens erfahre ich als Leser oft mehr aus Verrissen. So geht es mir zum Beispiel bei Amazon. Da kann ich an den negativen Rezensionen am ehesten ablesen, ob mir ein Buch gefallen könnte. Frei nach Tolstoi: Alle positiven Rezensionen sind gleich, aber jeder Verriss ist negativ auf seine eigene Weise.
    Drittens trägt es zur Glaubwürdigkeit bei. Selbst in den Zeitungsfeuilletons ist es doch so, dass man sich täglich mindestens ein Buch kaufen müsste, so viele große Werke erscheinen angeblich ständig. So verliert die Berufskritiker Glaubwürdigkeit. Umgekehrt gewinnt man Glaubwürdigkeit in dem man auch die negativen Fälle publiziert.
    Also, bitte, mehr davon!

  3. Schöner Text, wichtige Anregung. Danke. Ich fühle mich ertappt, denn viel zu selten investiere auch ich Zeit und Kraft in die „kritische Würdigung“ eines Buches. Vielleicht, weil ein begründeter, mit Argumenten und Belegen sauber unterfütterter Veriss schwieriger zu schreiben ist als eine Lobeshymne. Aber ab und an sollte / müsste / könnte das möglich sein.
    Das Beispiel Yanagihara ist treffend. In Blogs wurde es gelobt … oder einfach übergangen (totgeschwiegen?), während „das Feuilleton“ durchaus kritisch Menschenbild, Gesellschaftsbeschreibung, Stil und andere literarische Implikationen durchdiskutiert hat.
    Vielleicht hilft es ja schon, die Taktzahl der Beiträge im eigenen Blog etwas zu senken, um etwas mehr Zeit in den Einzelbeitrag stecken zu können. Also: genauer zu lesen, auch mal Stil- und Inhaltskritik zu üben und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen.
    Wie gesagt: wer es nicht möchte, muss es nicht machen. Das ist die Freiheit der Blogs. Aber hier am eigenen Schreibtisch werde ich künftig versuchen, den kritischen Blick weiter zu schärfen.
    lg_jochen

  4. Es geschieht selten, dass ich ein Buch richtig schlecht finde und dann breche ich die Lektüre in der Regel ab – und das war es dann. „Ein wenig Leben“ von Yanagihara war bei mir ein „Ja, aber“-Roman, was ich dann auch versuche zu begründen. Für Total-Verrisse ist mir meine wenige Schreibzeit aber in der Tat zu kostbar, denn in erster Linie sehe ich mich als Buchbegeisterer, der die Aufmerksamkeit auf Bücher lenken möchte, die mir gut gefallen haben.

    • Fräulein Julia

      Genau, mir geht es auch um diese „Ja, aber“-Romane! Aber die fallen doch recht häufig hinten runter oder die Kritik ist eben nur sehr zaghaft.

  5. Ich habe neulich einen Post zu „Mehr Kritik auf bücherblogs“ gelesen, abrer ich finde ihn nichtmehr 🙂

    Ich finde dein Geständnis am ende toll, weil ich das Gefühl kenne, nicht gegen den Strom schwimmen zu wollen. Ich kämpfe bei jeder Rezi damit. Aber ich würde mich nicht wohlfühlen, wenn ich lügen würde.

    Allerdings ist es sehr schwer, seine Gedanken mit Distanz zu betrachten. Denn besonders bei klischeehaften Romanen denkt man oft „Warum wiederholst du die Fehler, die schon andere vor dir gemacht haben? Du musst doch wissen, dass dominante Milliardäre langweilig sind!“ Aber vielleicht ist das der Sinn? Vielleicht wurde das Buch nicht für diesen Leser geschrieben, sondern für Leute, die andere Ansprüche haben, die mit genau diesen Klischees unterhalten werden wollen? Und vielleicht wollte sich der Verlag nicht zu weit weg von Gewohntem wagen. Und vielleicht dachten sich Autor, Lektor und Verlag, dass das Buch GENAUSO funktionieren würde. Tat es aber nicht.

    Und nicht zu vergessen: In einem Buch steckt viel Arbeit des Autors. Das sollte man respektieren.

    Kritik in jeglicher (sachlichen) Form ist erlaubt, aber wir sollte auch darüber reflektieren.

    Andererseits wüsste ich nicht, wie ich jemandem beibringen sollte, kritische Kritiken zu schreiben. Den Blick für Fehler kann man trainieren. Aber vlt. will jemand nicht über Negatives reden. Vlt. will er sich nicht die Arbeit machen, über andere Meinungen zu recherchieren und diese einzuflechten. Vielleicht will er/sie/es einfach seine Meinung über ein Buch mit der Welt teilen.

    Nochmal andererseits: Warum sollten Literaturblogs kritischer werden? Was ist der vorteil für dich? Was ist der Vorteil für die Gesellschaft? Worum geht es bei dieser Diskusion im Kern? Ich weiß es (noch) nicht.

    • Fräulein Julia

      Liebe Evy, ich kann dir das letzte beantworten: ich wünsche mir mehr Diskussion. Warum ist ein Buch gut, warum eher nicht? Was stört mich daran? Auf vielen Blogs sehe ich lauter Lobhudeleien in Form von Nacherzählungen des Inhalts – hat auch seine Berechtigung, aber wenn ich die 20. davon lese, wundere ich mich schon. Niemand MUSS Kritiken schreiben, aber ich WÜNSCHE mir mehr 😄

    • Hallo Evy, wenn Blogs »kritischer« werden sollen/wollen, heißt das ja nicht, dass sie nur »negativ« urteilen. Kritisch sein heißt auch, einfach genauer hinzuschauen, Stil und Sprache in den Blick zu nehmen (wie Martina das unten beschrieben hat), vielleicht Bögen zu gesellschaftlichen und/oder politischen Themen zu schlagen, hier und da vorsichtig am Hochglanzlack mancher Texte zu kratzen und unter die Oberfläche zu blicken. Am Ende kann/darf dabei sehr wohl (oder gerade deswegen) eine »positive« Besprechung herauskommen. Insbesondere bei den »ja,aber«-Romanen, wie Julia sie nennt, kann das lohnend und für andere Leser sehr hilfreich sein. Das wichtigste aber: jeder kann, niemand muss. Das ist die Vielfalt der Bloggosphäre. lg_jochen

      • Ich verstehe, was du meinst. Und da ich selbst gern kritische Rezis tippe, fällt es mir schwer, mich in jemanden hineinzuversetzen, der nicht kritisch schreibt.

        Aber mir fällt auf, dass bei „Wie bloggt man?“-Artikeln oft Regeln vorgegeben werden, anstatt zu gucken, was die Ursachen sind und wie man die Leser ermutigen kann, „mehr“ zu schreiben. Ich denke, das muss gar nicht „kritisch“ sein, das kann auch bedeuten, einen persönlichen Bezug zum Thema herzustellen oder so.

        Ich vermute, die Hauptursache für „wenig kritische“ Texte ist, dass man das in der Schule so lernt. Oder genau dagegen schreiben will. Mal nicht interpretieren, sondern sich einfach über ein tolles Buch freuen will. Und ich denke, dass manche Autoren nicht anecken wollen. Was passiert, wenn man tatsächlich etwas Blödes schreibt? An wen kann man sich wenden, wenn man einen Shitstorm auslöst? Und: Wieviele Leser verliert man, wenn man etwas kritisches schreibt? Wie gehe ich damit um, wenn ich tatsächlich etwas Falsches geschrieben habe? Wird der Autor mir böse sein, wenn ich sein Buch negativ bewerte. (obwohl du natürlich recht hast: Eine Kritik kann auch positiv sein)

        Und: Wo kann ich ansetzen, wenn ich „kritischer“ schreiben will?

        • Fräulein Julia

          „Wie gehe ich damit um, wenn ich tatsächlich etwas Falsches geschrieben habe? Wird der Autor mir böse sein, wenn ich sein Buch negativ bewerte?“ – das sind zwei wirklich gute Fragen! Allerdings, ebenso wie es keine „falschen“ Fragen gibt, würde ich auch sagen: In Bezug auf Rezensionen kann man – da ja alles absolust subjektiv – nichts „falsches“ schreiben, denn es ist ja die eigene (im besten Fall wohl argumentierte) Meinung. Und das zweite: Sollten Autoren einem Literaturblogger böse sein, wenn er ihr Buch kritisch bespricht, sollten sie wohl mal über den eigenen Umgang mit Kritik nachdenken; ich behaupte auch mal kühn: wenn „schon auf den Blogs“ das Buch moniert wird, dann weht dem Autor/der Autorin aus den großen Feuilletons vielleicht noch harscherer Wind entgegen, oder? 😉

          Ich danke dir für deine ausführlichen Kommentare, übrigens – da ist so viel anregendes drin!

  6. Vor allem wenn ein Roman sprachlich nicht gut ist, ich aber die Story zu Ende lesen will, schreibe ich auf jeden Fall darüber. Sprache ist mir das Wichtigste, das will ich mitteilen. Wenn mir nichts daran gefällt, lese ich gar nicht weiter.

  7. Verrisse und Kritik müssen auf alle Fälle sein – mit einer halbgaren Rezension oder eine Buchbesprechung, hinter der man selber nicht steht, da man bestimmte Aspekte eines Buches unterschlägt, könnte ich nicht so gut leben.

    Latent mache ich mir auch immer Gedanken, wie die Kritik oder der Verriss – wenn es einer werden sollte – wohl im Verlag oder bei den AutorInnen ankommen wird. Aber von solchen Gedanken muss man sich freimachen, auch wenn es manchmal schwerfällt.

    • Fräulein Julia

      Ja, den Gedanken, ob ein Verlag meine Besprechung goutieren wird, habe ich auch jedes Mal… 😉 Aber ich denken ihnen ist es auch lieber, wenn sich jemand kritisch mit Stil/Inhalt auseinandersetzt, anstatt nur ein lobendes Nachplappern der Geschichte vorzusetzen (was übrigens nicht heißen soll, dass das dauernd auf Blogs vorkommt, ich habe sowieso niemanden konkretes im Sinn gehabt mit meinem Text!)

      • Das hoffe ich auch immer, dass die Verlage da souverän reagieren. Zudem es ja nicht sie sind, gegen die sich die Kritik richtet, sondern nur gegen ein Produkt, das sie verlegt haben …

  8. Immer auch Verrisse, also pro. Man muss ja nicht vom Leder lassen, sondern es ordentlich begründen. Bisher ist es mir erst einmal passiert, dass ich ein Buch richtig schlecht gemacht habe. War aber auch begründet 😉
    Dein Artikel inspiriert mich gerade, selber etwas zu dem Thema zu schreiben…

    Liebe Grüße
    Nstc

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