Read it like it’s 1855

shadowbrook

Draußen ist es kalt und grau und ich verrate euch „Das Geheimnis von Shadowbrook“ – einem ausgezeichneten „Gothic Fiction“-Schmöker von Susan Fletcher.

Es ist mittlerweile schon über ein Jahrzehnt her, dass ich an der schmucken Universität Bonn – ein riesiges, von außen pompös verziertes Schloss – Englische Literaturwissenschaft studiert habe. Die überbordende Architektur bot den perfekten Hintergrund für meinen Schwerpunkt „Literature of the Victorian Age“, mit einem noch genaueren Fokus auf so genannte „Gothic Fiction“ des 19. Jahrhunderts. Mary Shelley, Emily Bronte und Bram Stoker sind sicherlich allen bekannt, aber wie schaut es aus mit Ann Radcliffe, Horace Walpole, Charles Robert Maturin und Mary Elizabeth Braddon?

Susan Fletcher, da bin ich mir ziemlich sicher, hat sie alle gelesen. Ihr Roman Das Geheimnis von Shadowbrook, das kürzlich von Marieke Heimburger aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde, strotzt nur so vor klassischen Elementen der Schauerliteratur: Es gibt eine Ich-Erzählerin namens Clara, die unter der Glasknochenkrankheit leidet und bis in ihr frühes Erwachsenenleben aus Sicherheitsgründen zuhause bleiben muss; sie steckt ihre Nase ununterbrochen in Bücher und wird von einem immensen Wissensdrang angetrieben – wie man sich in der viktorianischen Gesellschaft verhält (vor allem zurückhaltend), lernt sie hingegen nicht.

Als ihre Mutter früh verstirbt, flüchtet sich die Halbwaise in die Botanischen Gärten Londons, wo sie viel Zeit mit den Pflanzen verbringt und sich mit dem Leiter der Kew Gardens anfreundet. In einem zugegeben etwas abruptem Zeitsprung vertraut dieser ihr einen externen Auftrag an: Sie soll in einem Herrenhaus namens Shadowbrook in den Cotswolds ein Gewächshaus bepflanzen und sich ein paar Wochen darum kümmern.

Shadowbrook

Nach Jahren des Exils zwischen Samttapeten nimmt Clara das Angebot gerne an – und gerät in ein Umfeld, dass ebenso schön wie rätselhaft ist. Unzählige Gärten, teilweise nach Farben geordnet, umgeben das leicht lädierte, schon ältere Shadowbrook: „Ein Haus aus verdichtetem Staub, Herbstlaub und alter Sonne.“ Der Hausherr ist selten vor Ort, erklärt ihr die exaltierte Haushälterin. Und fügt etwas verschämt hinzu:

„Ich hatte bereits den Wind erwähnt, richtig? Kümmern Sie sich nicht weiter drum. Das Haus macht manchmal Geräusche – nachts. Es ist ein altes Haus – und vielleicht kennen Sie das von alten Häusern in London, dass die Balken knirschen, obwohl ich mir sicher bin, dass die Häuser dort besser in Schuss sind und nicht so vernachlässigt wurden wie Shadowbrook. […] Also. Ja. Wenn Sie heute Nacht etwas knarzen hören – oder irgendwann einmal nachts… Also, so ist das einfach auf Shadowbrook. Verstehen Sie??“

Zugegeben, literarisch gesehen ist das die Holzhammermethode: Man kann gar nicht anders, als zu bemerken, dass hier offensichtlich etwas vertuscht wird. So weit, so Gothic Novel. Natürlich knirscht und knackt und klappert es des Nachts, manchmal wird Clara von Schritten vor ihrem Zimmer geweckt oder es kratzt an der Tür – wenn sie diese aber öffnet, ist dort niemand. Man munkelt, es handle sich dabei um den Geist der letzten Hausbesitzerin, die am Ende ihres Lebens psychisch durchgedreht sei. „Ah, mad woman in the attic!“, denkt man da als Literaturwissenschaftlerin direkt. Mysteriös ist auch der Hausherr Mr. Fox, der kaum zuhause ist und wenn, dann im oberen Stockwerk in seinen Gemächern residiert, in denen er unter keinen Umständen gestört werden möchte. „War er entstellt? Sein Herz gebrochen? Ein ehemaliger Spion?“ Jane Eyre, anyone?

Doch Clara, ganz die rationale Tochter eine Sufragette, glaubt nicht an Geister – zunächst. Denn neben ihr, der für eine spätviktorianische Zwanzigjährige (streng genommen ist es nicht mehr das Viktorianische, sondern schon – es ist 1914 – das Edwardianische Zeitalter) ziemlich aufmüpfigen Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, gibt es noch den Dorfpfarrer Matthew, der durchaus ein offenes Ohr für Übersinnliches hat.

„Haben Sie es mit eigenen Augen gesehen?“
„Was? So einen Geist? Nein. Aber manche Dinge, die wir nicht sehen, können wir spüren. Und ich habe schon so viele seltsame Dinge gespürt, die mir ein Hinweis darauf waren, dass ich nicht alleine bin. Eine Temperaturveränderung, die plötzliche Überzeugung, dass jemand neben mir steht.“

Wie in den anderen Klassikern stehen sich auch hier Vernunft (in Form von Clara, später auch noch einem „Geisterjäger“) und Metaphysik (der Pfarrer) gegenüber und selbst wenn man sich mit Gothic Fiction auskennt, fällt man früher oder später drauf rein und überlegt: Okay, spukt es vielleicht tatsächlich?

Dass sich Susan Fletcher 2019 ein so traditionelles Genre ausgesucht hat und das fast bis auf die letzte Seite stringent durchzieht, dafür ziehe ich meinen Hut vor ihr: Zwischenzeitlich wähnte ich mich tatsächlich in einem Roman aus dem späten 19. Jahrhundert. Vom ersten Satz an gewinnt die Geschichte mit jeder weiteren Seite an Schwung, flaut dann aber zum Ende hin etwas ab, vor allem, weil letztendlich doch alles, wirklich alles aufgeklärt wird beziehungsweise eine recht absurde Wendung nimmt. Da wäre ich – und wann sage ich das schon? – gerne etwas mehr im Unklaren gelassen worden. Das Geheimnis von Shadowbrook ist aber tatsächlich ein Schmöker erster Klasse, humorvoll, atmosphärisch dicht, durchaus auch gruselig – und eine exzellente Ergänzung in meiner Sammlung von Gothic Novels!

Susan Fletcher
Das Geheimnis von Shadowbrook
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Insel Verlag, 2019
Gebunde, 445 Seiten, 22,- Euro

1 Kommentare

  1. Danke für den tollen Tipp – ganz mein Genre 🙂
    Werde auch gleich mal Ann Radcliffe und Mary Elizabeth Braddon unter die Gothic Lupe legen.

    Herzliche Grüße,
    Sabine

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