Reizüberflutung

Berlin

Berlin-Logbuch XII: „Berlin ist hip. Berlin ist trendy. Berlin ist alternativ, und das ist fast schon zwanghaft.“

Vor lauter Reizüberflutung muss die „Szene“ in diesem Stadtteil durch immer ausgefallenere Konzepte glänzen, damit überhaupt irgendwer aufmerksam wird. Normale Parties sind schließlich langweilig. So auch das Konzept einer Party, die Anfang dieser Woche im Bunker beim Cassiopeia stattgefunden hat. Schon seit mehreren Wochen – ich vermute seit knapp zwei, es hat angefangen als ich in die Stadt kam – gab es keine freie Fläche in Friedrichshain, auf der man nicht ein schwarz-weiß gemaltes Poster mit fragwürdigen Fotos finden konnte, als einzigen Hinweis nur „120 Minuten“.

Nach und nach fanden sich immer mehr Plakate, man konnte ihnen nicht mehr ausweichen, sie verfolgten einen überall – enthielten aber mit der Zeit immer mehr Informationen. So zum Beispiel das Datum der besagten Aktion/Party, oder was auch immer sich die Veranstalter ausgedacht haben. Das Ganze sollte also im Bunker stattfinden, also schon mal eine interessante Location, weil dieser schließlich nur aus Treppen besteht und sich die Hitze staut.

Berlin

Aber was sollte da stattfinden? Die Internetseite gab auch keine weiteren Auskünfte.
Also pünktlich um 22:17 hingelaufen zum Cassiopeia, genau 120cent Eintritt gezahlt, und ab in
den stickigen Bunker. Leider noch nichtmal annähernd so schön eingerichtet wie bei der letzten Party, weil von neuen Menschen gemietet und organisiert. Keine Retro-Teppiche und Lampen mehr, stattdessen schäbige und bestimmt von Flöhen bewohnte Matratzen mit fragwürdigen Flecken, viel zu gemischte Musik, und hektisch rumlaufende Organisatoren, in der Hand immer ein frisch besprühtes Pappschild, wie lange die Party noch dauernd würde.

Hauptsache anders sein. „60 minutes left“ stand auf der ersten Pappe – also würde die Party tatsächlich nur 120 Minuten laufen? Und warum fängt sie dann schon um zehn Uhr an? Was sollte man denn danach noch machen?

Irgendwie war die Party trotz des Versuchs, besonders alternativ zu sein, zu kommerziell. Gut, das man an der Bar nur Mixgetränke mit Bacardi kaufen konnte, war seltsam, aber auszuhalten, aber den ganzen Bunker vollzukleistern mit Postern von Bacardi-Fledermäusen – nein. Vor allem weil dadurch die schönen Wortspiele aus dem Satz „Rauchen verboten“ überklebt wurden, was dann irgendwie wieder unstylisch aussah. Lieber „Hauchen verboten“ als Fledermäuse.

Exakt zwei Stunden nach Beginn der „Party“ wurden wir wieder vor die Tür gesetzt, es war gerade mal Mitternacht. Und jetzt? So früh geht man in Berlin doch sonst nie aus? Aus Entscheidungsunfreudigkeit sind wir letztendlich alle nachhause in unsere Betten gegangen. Was für ein aufregender Abend…

Playlist:
Kruder & Dorfmeister – Roni Size: „Heroes


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!