Revolution ist machbar, Herr Nachbar: „Die Tote im Wannsee“

Ludwig Binder: Studentenrevolte 1967/68, West-Berlin; veröffentlicht vom Haus der Geschichte

Das Autorenkollektiv Lutz Wilhelm Kellerhoff hat sein Debüt vorgelegt: „Die Tote im Wannsee“ spielt in den späten 1960ern in West-Berlin, zwischen Protesten und freier Liebe.

Es ist 2018 und im ganzen Land wird einem anderen Jahr gedacht: 1968. Das ist tatsächlich schon 50 Jahre her, hat aber eine Strahlkraft, die bis heute anhält – was man an den zahlreichen Publikationen und Dokus sehen kann, die aktuell auf dem Markt erscheinen. Studentenproteste, Hippie-Bewegung und RAF-Terror summierten sich in den späten sechziger Jahren – vor allem in der vom eisernen Vorhang eingekesselten Fronstadt West-Berlin. Hier spielt auch Die Tote im Wannsee.

Wolf Heller arbeitet bei der Mordinspektion in der Charlottenburger Keithstraße; er gibt sich eher gut bürgerlich zurückhaltend und hat mit den gesellschaftlichen Umbrüchen, wie z.B. den die Grenzen monogamer Zweierbeziehung aufbrechenden Kommunarden, wenig am Hut. Doch dann wird am Strandbad Wannsee eine junge Frau tot aufgefunden – und Heller sieht sich plötzlich mit diversen Milieus konfrontiert, denen er bisher lieber ausgewichen war.

Denn Heidi Gent, die Tote, hatte als Sekretärin des Anwalts Horst Mahler gearbeitet: in den sechziger Jahren verteidigte dieser Studenten der APO und RAF-Mitglieder wie Gudrun Ensslin und Andreas Baader (später war er selbst Mitglied und heutzutage ist er vom linken Spektrum tatsächlich nach ganz rechts außen gewechselt). Schneller als gewünscht wird Heller in einen Sumpf aus Studentenprotesten gegen die verkrusteten Strukturen an den Universitäten und die schweigenden Nachkriegsgesellschaft, aus linksradikalem Gedankengut und den hinterlistigen Machenschaften der Stasi, die selbstredend auch in West-Berlin etliche ihrer Spione versteckt hatte, hineingezogen. So kurz nach dem rätselhaften Tod Benno Ohnesorgs liegt der Polizei an einer schnellen Aufklärung des Falls – doch wie soll man sich in diesem Dickicht zurechtfinden?

Wannsee

An Romanen, die in West-Berlin oder in der DDR spielen, habe ich seit jeher ein großes Interesse: Die Tote im Wannsee passt also gut zu dieser Vorliebe. Martin Lutz, Sven Felix Kellerhoff und Uwe Wilhelm haben zu Dritt einen Roman geschrieben, der vielleicht nicht durch unsägliche Spannung in den Bann zieht, dafür mit einer bis in viele Details stimmigen und authentischen Atmosphäre des nachhallenden Jahres 1968. Manchmal haben sie dabei ein bisschen zu tief in die Klischeekiste gegriffen, so dass es anmutet, als hätten sie eine Liste wichtiger Element dieser Zeit geführt, die sie nach und nach abgehakt hätten.

Wolf Heller kommt über die stereotype Darstellung eines jungen, unverheirateten Mannes mit einnehmendem Job leider nur selten hinaus; immerhin wohnt er zur Untermiete bei einer alleinerziehenden Mutter in Kreuzberg, der Blick aus dem Fenster geht direkt auf die Mauer. Dass seine Vermieterin sehnsüchtig darauf wartet, endlich von Heller geheiratet zu werden, damit sie wieder zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft wird und der vorgebenen Rolle einer Frau entspricht, steht in interessantem Kontrast zu den Frauen aus den Kommunen: die würden sich gerne emanzipieren, stoßen aber immer wieder auf die Gegenwehr der Männer – die „sexuelle Befreiung“ der 1960er, so scheint es rückblickend, kam vor allen den Männern zugute.

„Egal, was eine Frau sagte, egal, wie war und richtig es war – es hatte keine Bedeutung. Manchmal kam es auch vor, dass einer der Kerle den Beitrag einer Frau später als seine Idee ausgab.“

Greift man zu einem Krimi, noch dazu zu einem „historischen“, erwartet man aber auch weniger eine tiefgründige und wertende Betrachtung der Verhältnisse denn einen gut ausgearbeiteten Spannungsbogen. Die Tote im Wannsee schlägt insofern zwei Fliegen mit einer Klappe – bis zuletzt bleibt unklar, wer die junge Frau ermordet haben könnte und warum – und bildet so auf jeden Fall einen guten Schmöker für kühle Herbstabende.

Lutz Wilhelm Kellerhoff
Die Tote im Wannsee
Ullstein Verlag, 2018
Broschiert, 384 Seiten, 16,-€

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