Modernes Gruseln: „Truggestalten“ von Rudolph Herzog

In „Truggestalten“ versammelt Rudolph Herzog Kurzgeschichten, in denen zunächst alles normal scheint – aber etwas nicht stimmt.

Berlin, dieser Schmelztiegel aus verschiedenen Kulturen und Menschen jeglicher Sinnesrichtung, in der alles möglich scheint und wo jeder „ganz nach seiner Facon“ lebt. Hier fällt es nicht auf, wenn ein paar Schrauben locker sind oder die ein oder andere Tasse im Schrank fehlt. So denkt sich der aus Griechenland stammende Dimitri in der Geschichte „Tandem“ zunächst nichts besonderes, als er Lotte Wuttcke in einer Bar zum Sprachaustausch trifft. Doch etwas ist seltsam: Erst schenkt sie ihm einen selbst gebackenen Kanten Brot, den sie – wie sie ihm später erklärt – aus Eicheln und mit Schulkreide als Mehlersatz gebacken hat, wie man das damals im Krieg notwendigerweise machte. Später kocht sie für ihn „falschen Fisch“ aus Teig und erzählt von ihrem Mann, der früher in Athen als Archäologe gearbeitet hat. Google kennt nur einen Heinrich Wuttke, doch der ist bereits 1946 verstorben – und dann wird es Dimitri langsam unheimlich…

Setzt man sich näher mit der Geschichte Berlins auseinander – die Stadt ist zwar, verglichen mit anderen, relativ jung und hat doch schon so einiges mitgemacht – so erscheint es fast selbstverständlich, dass sich die verschiedenen Zeitebenen, die ganzen zu früh beendeten Leben, geplatzten Träume und missglückten Fluchtversuche irgendwo festsetzen. Und diejenigen erreichen, die erweiterte Sinne haben und den Blick für das Übernatürliche.

TruggestaltenTruggestalten in Hipsterhausen

Meistens passiert das ungewollt: Als Kelly sich in Neukölln eine überteuerte Wohnung im Erdgeschoss mietet, weil sie auch ein Stück vom hippen Kuchen abhaben möchte, sieht sie sich mit immer mysteriösen Dingen konfrontiert: Große Blutflecken vor dem Kühlschrank und ein komisches Gefühl in den Zimmern machen ihr das Leben schwer. Phantasiert sie sich da Dinge zusammen – oder hängt das alles zusammen mit dem jungen Mann, der im Keller erschossen wurde, als dort ein Fluchttunnel unter der Berliner Mauer entlang enttarnt wurde? Und hängen die mysteriösen Erscheinungen in den schick sanierten Wohnungen in Kreuzberg mit der Geschichte des Hauses, einem ehemaligen Krankenhaus, zusammen?

Berlin ist mehr als Partymetropole und Hipsterhausen, hier brodelt etwas undefinierbares unter der Oberfläche: Diese Geschichten zu beschreiben, ohne den gewissen Reiz des gepflegten Grusels vorwegzunehmen, ist schwer. Rudolph Herzog ist es gelungen, die Banalitäten des Alltags in verschiedenen Milieus mit den Rätselhaftigkeiten so unter einen Hut zu bringen, dass man als Leser aus einer leichten Dauergänsehaut gar nicht mehr herauskommt.

Ungewöhnliche Erscheinungen – wahre Truggestalten – und Ereignisse kommen unerwartet um die Ecke der Erzählung gehuscht und jagen einem einen gehörigen Schrecken ein – und doch kann man nicht aufhören zu lesen, bis des Rätsels Lösung – wenn schon nicht auf dem Silbertablett präsentiert – zumindest angedeutet wird. Schaurig schön!

Rudolph Herzog
Truggestalten
Galiani Berlin, 2017
Gebunden, 256 Seiten, 20€
ISBN 978-3-86971-148-5

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