Roberta, bitte übernehmen Sie!

Roberta

Berlin, in einer nahen Zukunft: Emma Braslavsky überzeugt mit ihrem Roman „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“.

She got me at the first sentence: Gleich beim erste Satz des neuen Romans von Emma Braslavsky musste ich den Bleistift zwecks Unterstreichung zücken.

„Würde die Sonne in der Nacht scheinen, wäre sie sprachlos, was da alles zum Vorschein käme. Das Tageslicht kann die dunklen Seiten einer Stadt nicht aufdecken. Denn nur nachts entblößt die Metropole ihre langen Beine, nur dann zuckt ihr Puls in den nervösen Lichtern.“

Berlin, dieses verruchte Sündenbabylon, das bei Tag schon nicht gewöhnlich wirkt, bei Nacht aber vor lauter Flirren und Surren und Säuseln noch einmal ganz andere Seiten aufzieht: Es ist die perfekte Kulisse für diesen Roman, der in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft spielt. Immer wieder liebevoll-verächtlich als „Stadt der Singles“ betitelt, hat sich in der Gegenwart des Romans nur ansatzweise etwas geändert. Zwar können sich die Menschen mittlerweile passgenau programmierte „Hubots“ – also Roboter, die einem Menschen täuschend ähnlich sehen und sich auch so verhalten – als Partner liefern lassen.

„Das Geschäft mit den Hubots boomte. Die Recheneinheit Beata war von PersonalPartner programmiert und den Wünschen des Kunden akkurat angepasst und ausgeliefert worden. Mit dem Versprechen, jedem Beziehungsideal gerecht zu werden, war PersonalPartner zu einem Börsenriesen geworden. […] Wer heute noch einsam und todunglücklich herumlief, war selbst schuld.“

Doch Hubots hin oder her: die Einsamkeit dringt weiterhin durch alle Ritzen der Altbauten. Die Suizidrate ist so hoch, dass sie die durch Krankheiten bedingten Sterbezahlen weit übersteigt – auch Lennard nimmt sich das Leben, indem er auf einem LSD-Trip in den Flughafensee steigt und sich in die Wasserpflanzen verkrallt.

Suizide sind nicht strafbar, kosten die Stadt aber eine Menge Geld, wenn die Angehörigen zwecks Übernahme der Beerdigungskosten nicht auffindbar sind. An diesem Punkt soll Roberta Abhilfe schaffen: Auch sie eine künstlich hergestellte „Recheneinheit“ ohne Gefühle, aber mit der Fähigkeit, sehr schnell zu lernen und zu kombinieren. Sie wird als Sonderermittlerin bei der Kriminalpolizei eingesetzt und soll die Angehörigen von Lennard kontaktieren, nur ein paar Tage Zeit bleiben ihr – schafft sie es nicht, droht ihr die Verschrottung. Klingt nach einer leichten Aufgabe für einen Humanoiden, doch tatsächlich scheitert Roberta fast an der Absurdität des kafkaesken Bürokratiesystems Berlins.

Roberta

Doch auch die Stutenbissigkeit ihrer – menschlichen – Kollegin Cleo wird zu einem Hindernis, ebenso wie Robertas Versuch, sich wie eine echte Frau zu verhalten. Denn was bedeutet es eigentlich, weiblich oder männlich zu sein, wenn man computergeneriert und geschlechtslos ist?

„Sie hatte alle Optionen und keinerlei soziale Vorbelastung, keine moralischen oder ideologischen Prinzipien, keine belastenden Kleine-Mädchen-Träume, sie konnte selbst diese Frau werden oder sie vernichten.“

Dass Roberta recht schnell dem grotesken Balztanz und Imponiergehabe toxischer Männlichkeit auf die Schliche kommt, fügt der Kritik an der Großstadtgesellschaft, der Technologisierung und dem Bürokratie-Irrsinn in dem Roman noch eine harsche Genderdebatte hinzu – die Kollegen nehmen sie nicht nur nicht ernst, weil sie ein Roboter ist, sondern weil sie mit Brüsten ausgestattet ist. Aber:

„War es überhaupt wichtig, eine Frau darzustellen? Sie könnte alles sein, Mann, Frau oder Tier, sie war tatsächlich genderlos, hatte diese flüssige Identität. Fürchteten sich die Kollegen im Revier nicht deshalb vor ihr, weil sie kein Mensch war? Warum sollte sie sich dieser lächerlichen, archaischen Machtspielchen bedienen?“

Die Nacht war bleich, die Lichter blinken startet ziemlich rasant, man wird hineingesogen in diese absurde Parallelwelt, die mit jeder weiteren Seite gruseliger wird, weil sie so verdammt nah an der jetzigen Realität ist. Der Schwung kann nicht ganz bis zum Ende gehalten werden, zu langatmig wirken die Diskussionen mit den Ämtern und Behörden teilweise – vielleicht ist das aber auch die geschickt eingeflochtene Hommage an Kafka. Oder an Asterix und Obelix und ihren Passierschein A38?

Fest steht: Ich habe lange nicht mehr so viele außergewöhnlich formulierte Sätze unterstrichen, so viele kleine Eselsöhrchen in die Seiten gemacht, so viel geschmunzelt bei einem Roman. Emma Braslavsky hat den pulsierenden Beat, der sich wie ein unterirdisch brodelnder Lavastrom durch Berlin zieht, perfekt wiedergegeben. Ein literarischer Volltreffer!

Emma Braslavsky
Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten
Suhrkamp Verlag, 2019
Gebunden, 270 Seiten, 22 Euro

 

Foto: Icons8 Team

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree