Roman auf Speed: „Glücksreaktor“ von Max Wolf

Drogen

Ein Roman wie ein Rausch, inhaltlich wie sprachlich: „Glücksreaktor“ von Max Wolf ist ein herausragendes Debüt und ein weiteres Highlight meines Leseherbstes.

„Wir sind doch nur eine bessere Aspirintablette […] Wir werden ins Leben geworfen, sprudeln für ein paar Sekunden, und dann lösen wir uns ins Nichts auf.“

Fred ist 17 Jahre und sitzt in der Provinz irgendwo in Franken fest, zusammen mit seinen Eltern, die sich in ihrem Leben als Siemens-Angestellter bzw. Hausfrau zwischen Frühstücksei am Morgen und Tagesschau am Abend eingerichtet haben, ohne es zu hinterfragen. „Ameisenleben“ nennt Fred diese für ihn haarsträubende Eintönigkeit und weiß ganz genau: So enden möchte er nicht. Es sind die frühen Neunziger, Fred geht noch zur Schule und obwohl er noch nicht volljährig ist, erlauben ihm seine Eltern, in eine eigene Wohnung zu ziehen.

Gemeinsam mit seinem besten Freund Nick geben sie sich dem gepflegten Rumhängen hin, rauchen einen Joint nach dem anderen und philosophieren über ihr noch junges Leben. Bis sie Natalie kennenlernen und durch sie eine neue Art der Sinneserweiterung: Ecstasy – und Techno. Gemeinsam erforschen die Drei auf einem über mehrere Tage andauernden Rave, irgendwo in Nürnberg oder Erlangen, was es bedeutet, sich komplett in den wummernden Bass fallen zu lassen, stundenlang ohne Pause zu tanzen und sich mit der Welt in Einklang zu fühlen.

„Ich stehe am Rand der Tanzfläche und wippe zum pumpenden Sound, das sind warme und fröhliche Klänge, das sind hochfrequente Energiewellen, die direkt in meinen Körper eindringen. Ich zünde mir eine Zigarette an, und auf einmal springt das alles als Argument in meine Lebendigkeitsfunktion und knallt das Teil schlagartig auf ein globales Maximum.“

Drogen

Fred hat Blut geleckt, beginnt fortan, nur noch für das Wochenende zu leben – die Schule interessiert ihn nicht, es dreht sich alles um den nächsten Rausch, das Aufgehen in der Musik und das Vergessen der Welt um ihn herum. Doch wie lange kann das gut gehen, wenn man dem Körper über drei Tage den Schlaf verweigert, womöglich auch Essen und Flüssigkeit, sich auflehnt gegen die natürlichen Bedürfnisse zugunsten völliger Extase?

Als sich Fred irgendwann an einem Punkt befindet, an dem ihn nur noch mehrere Pillen und etliche Lines Kokain aufrecht halten, das Ende des Wochenendes mit dem Fall in ein depressives Loch verbunden ist und sich erste Wahrnehmungsstörungen einstellen, hofft man als Leser, der junge Protagonist möge endlich zur Besinnung kommen. Doch dafür braucht es noch etwas anderes…

„Jeder Schalter in meiner Birne ist auf Maximalsinkflug gestellt, Milliarden Synapsen geben das gleiche Signal, mein Schädel depolarisiert, und ich bewege mich mit Lichtgeschwindigkeit Richtung Stimmungsnullpunkt.“

Wolf

Als ich mich an einem der letzten warmen Spätsommertage mit Max Wolf zum Kaffee im Kreuzberger Bergmannkiez treffe, will ich die Unterhaltung unbedingt mit einer Frage eröffnen: „Max, hast du mit Glücksreaktor bewusst ein Anti-Drogen-Buch geschrieben?“ Doch er winkt ab. Darüber habe er während des Schreibprozesses – der sich über mehrere Jahre zog – gar nicht nachgedacht. Denn die Geschichte basiere ja auf seinen eigenen Erlebnissen in den 1990er Jahren, seinen Erfahrungen mit der Techno-Szene in Erlangen und Nürnberg und ja, auch mit Drogen. Doch wie so oft wäre es zu kurz gefasst, die Hauptfigur Fred komplett mit dem jungen Max gleichzusetzen – auch hier hat sich der Protagonist im Laufe des Schreibens vom Autor emanzipiert und ein Eigenleben entwickelt.

Ich erzähle ihm, dass ich kurz davor war, seinen Roman mit in meine Sammelbesprechung von Romanen „mittelalter Männer, die ihre Jugend literarisch aufarbeiten“ aufzunehmen, es dann aber aus einem bestimmten Grund nicht tat: Die Sprache. Max Wolf arbeitet als Biologe und forscht unter anderem mit Fischen, erzählt er mir – und hat seine Leidenschaft für die Naturwissenschaft in seinen Roman einfließen lassen. Seite für Seite beschreibt Fred – der ein absolutes Ass in Physik ist – seine Bewusstseinszustände mit Begriffen aus Geometrie, Quantenphysik und Biologie, etwa, wenn von „Transmittergewitter“ die Rede ist oder von „Zellhaufen-Entspannungskonfiguration“, „Energiequellen“ und „Geduldsnadeln im Sättigungsbereich“.

„Ich bin eine Funktion auf ihrem globalen Maximum, ich bin ein Neuron im Dauerfeuerzustand, ich bin ein Körper, der mit Vollbeschleunigung durch das Vakuum rauscht. Ich bin ein Glücksreaktor kurz vor der Kernschmelze.“

Zunächst war ich hin- und hergerissen, ob mir dieser Dauerbeschuss mit physikalischen Begriffen zusagt oder ob ich davon genervt bin – bis mit jeder weiteren Seite klar wurde: Das Gefühl, dass sich bei richtig gutem und richtig lauten Techno wie ein Feuersturm im Körper ausbreitet – könnte man das überhaupt anders beschreiben? Gemeinsam mit Fred tauchte ich in einen Rausch ein, allerdings von meiner Seite aus kein Drogen-, sondern ein Leserausch – dabei hatte auch ich immer einen wummernden Techno-Bass im Ohr.

Gekoppelt mit meiner Synästhesie eine ganz interessante Erfahrung, die dem Buch so nicht nur einen Sound, sondern auch Farben verlieh – ein Effekt, der sich aber ziemlich sicher auch bei Nicht-Synästhetikern einstellen wird. Glücksreaktor gehört nicht zuletzt dadurch zu meinen Highlights des Bücherherbstes 2018 – und Max Wolf zu einer literarischen Stimme, von der wir in Zukunft hoffentlich noch mehr hören werden.

Max Wolf
Glücksreaktor
Tempo Verlag, 2018
Gebunden, 256 Seiten, 20,- Euro

Foto: Fidel Fernando

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