Roman für Raucher: „Stromland“ von Florian Wacker

Raucher

Der Klappentext klang nach Abenteuer, Wildnis und Regenwald. Doch in „Stromland“ von Florian Wacker passiert vor allem eines: Es wird bis zum Umfallen geraucht.

Deutschland 1984: Irina ist auf der Suche nach ihrem Bruder Thomas, der vor ein paar Jahren nach Südamerika gereist ist, um das Filmteam um Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo mit Klaus Kinski zu unterstützen. Doch der Film ist längst im Kasten und die Briefe, die Thomas eine zeitlang schrieb, haben aufgehört. In Begleitung ihres Partners Hilmar setzt sich Irina kurzerhand in ein Flugzeug und reist in den Dschungel, im Gepäck nur ein paar lockere Anhaltspunkte über die bisherigen Aufenthaltsorte ihres Zwillings.

Und vor Ort weiß dann natürlich auch niemand etwas. Nur mit vagen Andeutungen schlagen sich Irina und Anhang in den Regenwald durch, geraten an zwielichtige Gestalten, probieren Ayahuasca – ein psychedelisch wirkendes Pflanzensud – und verstricken sich in sich selbst. Wüsste Irina nicht, dass ihr Bruder Thomas wirklich existiert, so könnte man ihn für ein Phantom halten oder sicher sein, dass er schon lange tot zwischen den Palmen vergraben wurde.

„Du musst es lassen Irina, ich rate es dir nicht um meinetwillen, ich rate es dir um deinetwillen, denn es wird dich zerreißen. Kehr zurück in dein Leben und suche nicht das deines Bruders, auch wenn du es dir noch so wünscht.“

Um dieses Ungewisse zu umgehen, das zähe Vergehen der Zeit zu ertragen, machen die beiden Suchenden vor allem eins: sie rauchen. Die Zigarette ist – das wird schnell deutlich – ein stilistisches Mittel, sie ist wie das Semikolon zwischen zwei Satzteilen, ein Punkt des kurzen Innehaltens und Weiterdenkens. Aber es nervt, dass sich auf jeder zweiten Seite jemand eine Zigarette dreht, anzündet, pafft oder jemand anderem in den Mundwinkel steckt – es nervt so sehr, dass man beim Lesen (vielleicht nur, wenn man nicht selber raucht) gefühlt nikotingelbe Fingernägel vom Umblättern der Seiten bekommt. Ob der Autor während des Schreibens mit seiner Sucht zu kämpfen hatte?

Möglicherweise sollte so etwas einem Roman keinen Abbruch tun, doch mich lenkte es ab, sobald mein Fokus sich erst einmal auf den exzessiven Umgang mit Tabak gelenkt hatte. Da half es nicht, dass Florian Wacker an sich eine sehr eindringliche Beschreibung dieser Suche – nach dem Bruder, nach dem Sinn des Lebens, nach sich selbst – auf die Seiten geworfen hat, die in ihrer Intensivität auf jeden Fall Potential hat und die verflochten ist mit den Sehnsüchten anderer Auswanderer aus mehreren Jahrhunderten. So ließ mich Stromland am Ende leider mit einem Fragezeichen und dem latenten Gefühl der Unzufriedenheit zurück.

Florian Wacker
Stromland
Berlin Verlag, 2018
Gebunden, 352 Seiten, 20,-€
ISBN 978-3-8270-1360-6

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