Sagenhaft: „Die Glocke im See“ von Lars Mytting

Glocke

Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu: Lars Mytting verwebt Aberglaube, Kunstgeschichte und Katholizismus zu einem Roman, der ein echter Schmöker ist!

„Das Gerücht ist das Samenkorn der Sage, des ist leicht, der Wind trägt es mit sich fort, es keimt bereitwillig und wächst schnell. Bevor die Wahrheit Wurzeln schlagen kann, ist das Gerücht schon längst erblüht und bringt seine eigenen Wahrheiten hervor, denn selbst die wildeste Fantasie hat den Vorteil für sich, dass jemand sie erzählt hat, und dies – jemand hat es erzählt – ist ja tatsächlich wahr, auch wenn das, was er erzählt hat, es nicht ist.“

Welche Bedeutung haben Sagen heutzutage in unserem Alltag noch? Ich würde behaupten: Mehr als putzige Folklore, die auf Informationstafeln in von Backsteinbauten gesäumten Kleinstädten in Kurztexten umrissen wird, sind sie nicht. Das war vor hundert Jahren noch anders und je weiter man sich von den Städten entfernte und in ländliche Gegend kam, umso größer war der Glaube bzw. der Aberglaube.

In einem versteckten Tal in Norwegen, im Dörfchen Butangen, ist das nicht anders. Wir schreiben das Jahr 1880, jedes Leben im Dorf verläuft ähnlich: Sechs Tage die Woche Arbeit auf dem Feld, am Sonntag zur Messe in die im Mittelalter gebaute Stabkirche. Um die dröhnenden Glocken, die „Schwesternglocken“ genannt, rankt sich eine Legende: Vor mehr als zweihundert Jahren sollen auf dem Hof der Hekne-Familie zwei Schwestern gelebt haben, die an den Hüften zusammengewachsen waren. Sie wurden als begabte Weberinnen bekannt und starben früh – erst die eine Schwester, ein paar Stunden später die andere. Ihr Vater ließ zu ihren Ehren all sein Tafelsilber in die neu gegossenen Kirchenglocken einfließen. Seitdem, so erzählt man im Dorf, würden die Glocken von alleine läuten, um vor Gefahren zu warnen.

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Was für ein Quatsch, denkt sich Kai Schweigaard, der aus der Stadt aufs Land abkommandierte Pfarrer, diesen Landeiern müsse man einfach nur gehörig ihren Aberglauben austreiben. Dass sich ausgerechnet zwei Architekten aus dem Königreich Sachsen für alte Stabkirchen interessieren und das prächtige Exemplar abbauen und in Dresden wieder aufbauen wollen, kommt dem Geistlichen gerade recht: Von dem Geld kann er ein neues, funktionaleres Gotteshaus bauen. Als sächsischer Vertreter nistet sich Gerhard Schönauer in Butangen ein, er soll die Kirche zeichnen und für den organisierten Abbau sorgen.

Dass er dabei ausgerechnet mit Astrid Hekne nähere Bekanntschaft schließt, für die sich auch der Pfarrer erwärmen kann, gefällt letzterem ganz und gar nicht. Astrid selbst lässt sich sowieso nicht die Butter vom Brot nehmen und rebelliert offen gegen den Abbau der Kirche. Und was sagen eigentlich die geheimnisvollen Schwesternglocken dazu, dass sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Jahrhunderten umgetopft werden sollen? Eben, die sind not amused.

Mehr als eine Liebesgeschichte

Die Zusammenfassung des Romans mag im ersten Moment suggerieren, es handle sich bei Die Glocke im See um eine Liebesgeschichte mit oben erwähnter putziger Folklore. Und in gewisser Weise stimmt das auch, eine Liebesgeschichte gibt es (oder sind es zwei?), auch kommen Aberglaube, Sagen und Märchen nicht zu kurz – aber das ist alles in allem so geschickt und dicht verwoben, dass man beim Lesen komplett abtaucht in den Kosmos des kleinen Örtchens Butangen von 1880, in eine unwirtliche Landschaft voll harter Arbeit und wenig Freuden. Warum in diesem – im Roman meist verschneiten und dunklen – Umfeld Sagen bei den Bewohnern leichtes Spiel hatten, wird absolut nachvollziehbar:

„Sie wusste, dass die Leute in Butangen im Laufe der Jahrhunderte Ursachen für all das Eigenartige hatten erfinden müssen, sonst hätte das Unerklärliche für Angst vor dem Gebirge und dem Wald gesorgt, und da sie bei jedem Wetter und noch mit Kopfweh vor Hunger ihre Kräfte mit denen der Natur zu messen hatten, sahen sie Dinge, für die sie hinterher Erklärungen ersannen.“

Nicht selten entsteht beim Lesen eine leichte Gänsehaut, weil sich manche Ereignisse nicht erklären lassen – und vielleicht gar nicht erklärt werden sollten? Es ist ein Buch über Heimat, Zugehörigkeit und uralte Traditionen und Geschichten, zu denen man als Außenstehender nur dann Zugang findet, wenn man bereit ist, bisherige Vorstellungen über Bord zu werfen. Christentum hin oder her: Jeder in Butangen weiß, dass es hinter der sichtbaren Welt noch eine andere gibt… Kai Schweigaard, Gerhard Schönauer und Astrid Hekne sind drei starke Figuren, teilweise fast schon eigenwillig modern für das ausgehende 19. Jahrhundert; sie alle gehen ihren selbstbewussten Weg durch die Geschichte, müssen sich letztendlich aber doch geschlagen geben: Manchmal hat man einfach keine Chance gegen höhere Mächte.

Die Glocke im See ist ein ebenso kurzweiliger wie tiefsinniger, rätselhafter wie unkomplizierter Roman, ein wahrer Schmöker auf knapp 500 Seiten und eine phantastische Reise in die Welt der Sagen und Legenden!

Lars Mytting
Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Verlag, 2019
Gebunden, 483 Seiten, 24,- Euro

Foto: Eine norwegische Stabkirche / Wikimedia Commons / Micha L. Rieser

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