Schachbretttage

Foto: Flickr / Conan

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Ein unbekannter Jungautor und sein durchgeknallter Vorleser Viktor springen in das Haifischbecken der Literaturszene und begeben sich auf eine selbstorganisierte Lesereise durch die deutsche Provinz. Mit „Schachbretttage“ verarbeitet Jörn Birkholz seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller – und das höchst amüsant.

„Buchholz, guten Tag, ich wollte Sie kurz auf meinen Roman aufmerksam machen.“
„Wer sind Sie?“
„Buchholz.“
„Kennen wir uns?“
„Glaub nicht, aber ich wollte Sie auch nur kurz auf meinen Roman Derangiert aufmerksam machen.“
„Warum?“
„Gute Frage.“

rezension_schachbretttage_coverBenedikt Buchholz hat es nicht leicht: Er hat einen Roman geschrieben und sogar einen Verlag gefunden. Doch wie bringt man das Buch unter die Leute, in einer Zeit, in der jährlich tausende Neuerscheinungen den Buchmarkt überschwemmen? Man muss selber aktiv werden, denkt sich Benedikt, und telefoniert sich auf eigene Faust quer durch die Buchhandlungen Deutschlands. Etliche absurd-komische Gespräche später hat er ein paar Termine in der ostdeutschen Provinz unter Dach und Fach gebracht, packt seinen Freund Viktor als Vorleser auf den Beifahrersitz und los geht der Road Trip.

Doch die romantischen Vorstellungen einer kuscheligen Lesereise sind ebenso schnell zerplatzt wie eine bunt schillernde Seifenblase. Unfreundliche Pensionsbesitzerinnen, neugierige Hotelangestellte und dann kann man das skeptische Publikum bei den meisten Lesungen auch noch an einer Hand ablesen – die Blaskapelle an der Binzer Strandpromenade ist für die meisten Gäste Rügens schlichtweg spannender als die verhüstelte Lesung eines unbekannten Jungautors. Als dann im Luxushotel auch noch ein älterer Herr aus dem 5. Stock mitten auf das im Hof aufgemalte Schachbrett stürzt und stirbt und sich sein Kumpan irgendwie merkwürdig verhält, ist die Misere perfekt…

Jörn Birkholz weiß offensichtlich, wovon er spricht. Zwar ist es sehr wahrscheinlich – literarische Freiheit und so – dass sich der in Bremen lebende Autor zentrale Elemente des Romans ausgedacht hat, doch sind einige Parallelen unübersehbar. Nicht nur ähneln sich die Namen von Autor und Protagonist, auch die Buchtitel – Deplatziert heißt das Debut von Birkholz, Derangiert das von Buchholz – tun es. Was aber dem Buch keinen Abbruch tut: Locker und witzig geschrieben, lässt es sich in anderthalb Tagen am Strand durchlesen – auch wenn man danach mögliche Pläne für ein eigenes Buch lieber weit von sich schiebt.

Jörn Birkholz: Schachbretttage. Folio Verlag, Wien 2014. Gebunden mit Schutzumschlag, 136 Seiten, 19.90€. ISBN 978-3-85256-642-9

Kategorie Allgemein

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