Schicksalsfrauen: „Schlick“ von Ada Dorian

Ada

Was verbindet Svea mit der Geschichte von Helene, die vor über hundert Jahren in ihrem Haus lebte? „Schlick“ ist der zweite Roman von Ada Dorian.

Sie habe sich seit Jahren von Affäre zu Affäre gehangelt, da käme man einfach nicht an den Punkt, mit irgendwem gemeinsam über Kinder nachzudenken: Svea hat vieles im Kopf, aber nicht, eine Familie zu gründen. Als sie nach einer Nacht mit ihrem Kommilitonen Christian plötzlich schwanger wird, ändert das zunächst auch nichts an ihrer Unbeständigkeit – das sie abtreibt, erscheint die einzige Lösung.

Letztendlich ist es Christian, der Svea umstimmt und mit ihr in das Haus seiner Eltern zieht, dass er kürzlich nach dem Tod seiner Mutter geerbt hat. Als Svea beim Ausräumen des unwirtlichen Kellers auf ein ein recht altes Portrait stößt, das eine Frau mit ihrem Kind zeigt, beginnt sie zu forschen: Wer war diese Frau? Was Svea nach und nach herausfinden wird, erfahren wir als Leser auf einer parallelen Erzählspur, auf der uns Ada Dorian mit in die Zeit des Ersten Weltkriegs nimmt.

Dort kämpft Helene – die Frau auf dem Foto – darum, Haus und Hof, Selbstbestimmung und Würde zu erhalten. In Zeiten der Barbarei ist das nicht leicht, noch schlimmer steht es um die Rechte der Frauen und den Status als Kriegswitwe. Helene schuftet in einer Lumpenfabrik, bis ihre Finger bluten und schreibt Briefe an einen fremden Soldaten an der Front, der in ihr zärtlichen Gedanken und etwas Hoffnung weckt. Als sie herausfindet, dass auf dem Gelände einer naheliegenden Fabrik Zwangsarbeiter beschäftigt werden, schließt sie Freundschaft mit einer der Insassinnen. Sich um andere zu kümmern, scheint ihr Halt zu geben.

Es herrscht eine bedrückende Atmosphäre im zweiten Roman von Ada Dorian. Sei es bei Helene, deren Hoffnungslosigkeit durch die Zeitläufte gegeben ist, als auch bei Svea: Sich um ihren kleinen Sohn Linus zu sorgen wird zum einen schnell zu ihrem Lebensinhalt, zum anderen wirkt sie absolut fehl am Platz in ihrer Rolle als Mutter. War es das schon? Wie soll das weitergehen? Gibt es Hoffnung?

Ähnlich wie bei Betrunkene Bäume lernen wir auch in Schlick Protagonistinnen kennen, die zäh und spröde sind und in hartem Kontrast stehen zu den weichen Männerfiguren. Sie kämpfen mit geballter Faust um ihre Selbstbestimmung – und müssen dabei immer wieder Opfer bringen. Ada Dorian hat mit Schlick einen ebenso dezenten wie eindringlichen Roman geschrieben, der ihrem Debüt ähnelt und doch ganz anders ist.

Ada Dorian
Schlick
Ullstein Verlag, 2017
Gebunden, 272 Seiten, 18€

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