„Schlafen wir doch auf einem Hausdach“

Berlin

Berlin-Logbuch III: „Ich habe das Gefühl, die Herren des Hauses wollen mir einen etwas andere Schlafrhythmus angewöhnen, als ich aus meinem Leben gewohnt bin.“

Jedenfalls diesmal die Fünf-Uhr-Grenze überboten und erst um Acht im Bett gewesen, weil die Aktion „Schlafen-wir-doch-auf-einem-Hausdach“ nicht funktioniert hat.

Von Anfang an.

Bin gestern meines Erachtens so weit wie noch nie zu Fuß durch eine Stadt gelaufen, nämlich von Friedrichshain bis Alte Schönhauser Straße in Mitte, und gigantischerweise auch noch zurück, und das nur, um meiner Kamera ein bisschen Abwechslungsprogramm zu bieten, und zwischendurch auf einem Markt billige Groschenheftchen Marke „Heiß und Heimlich“ zu kaufen. Habe feststellen müssen, dass Berlin-Mitte zwar sehr wahrscheinlich wirklich die Mitte von Berlin ist, aber darüber hinaus eigentlich nichts außer ein paar hässlichen Ex-DDR-Häusern und einem großen Fernsehturm (den ich allerdings immer mit Berlin verbinde) zu bieten hat. Also eigentlich hässlich, die Mitte hier. Deshalb nach getaner Arbeit schnel wieder zurück in den schönen Osten von Friedrichshain, als Wegnahrung ein Geschmacksnervenorgasmusfalafel – ich hab das Gefühl, noch nie so etwas leckeres gegessen zu haben.

Unsinnigerweise war ich kurz zuhause, bin dann direkt weiter gefahren nach Wedding, um eine Wohnung für den Sommer anzuschauen und guten Eindruck bei der WG zu hinterlassen. (Man hätte ja schlauerweise in der schönen Mitte bleiben können, dann wäre nur ein Kurzstreckenticket fällig gewesen, aber anscheinend hat mein zwanghaft veränderter Schlafrhythmus auch meine logischen Denkmuster verschoben – sofern ich welche habe, das ist auch eher unklar).

Erster Eindruck: Ohje, wo bin ich denn hier gelandet, na das ist aber nicht so schön hier! Die Bewohner der WG analysierten das später als typisches Friedrichshain-Kreuzberg-Szene-Gehabe, aber da weise ich jegliche Schuld von mir. Möchte ich hier wirklich bei Nacht und ohne Bodyguard langgehen? Die Straße selbst ist allerdings sehr ruhig und nicht so angsteinflößend, die WG selber, schönes gemütliches sonnengelb gestrichenes Zimmer mit großem Bett, vielen Pflanzen, einer alten seltsamen Katze und einem eigenen Balkon mit Hängematte. Und einem sehr netten Mitbewohner gratis dazu.

Aber möchte ich im Wedding wohnen? Nein, ich möchte in das lichtdurchflutete Zimmer direkt um die Ecke der Chaos-WG ziehen, weil hier im „Szeneviertel Friedrichshain“ (ich hätte nicht gedacht, dass es hier in Berlin Lokalpatriotismus unter den einzelnen Stadtteilen gibt, aber die Herrschaften zählten Wedding noch stolz zu Berlin-Mitte – da frage ich mich doch, kann man darauf stolz sein?) einfach mehr los ist und mir die Umgebung einfach besser gefällt… Aber grünen Tee trink‘ ich natürlich gerne mit euch und erzähle euch von meiner WG in Bonn und was ich dort den ganzen Tag so treibe.

Bemerkenswert ist übrigens meine Kreativität, was Soßenzubereitung angeht. Aufgrund von Abstinenz eines Schneebesens kam ich auf die glorreiche Idee, die Pilz-Sahne-Soße von J. Und M. Doch einfach mit dem Milchaufschäumer umzurühren – was auch sehr gut klappt, allerdings auch nur an der Oberfläche, so dass die Hälfte der Soße am Topfboden angebrannt ist – und ebenfalls sehr kreativ ein lustiges Wabenmuster gebildet hat, was sich auch durch gutes Zureden, stundenlanges Einweichen und mehrere Spülmaschinendurchgänge nicht hat beseitigen lassen. Mich plagt noch jetzt ein schlechtes Gewissen.

Berlin

Danach, oder genauer gesagt ein paar Stunden danach (hier ist es ja wie gesagt nicht unüblich, erst um ein Uhr morgens loszuziehen und erst im frühmorgendlichen Sonnenschein nachhause zu kommen) ging es auf eine live Drum’n’Bass-Party irgendwo in Mitte, man muss ja wie gesagt offen sein für alles in dieser Stadt, der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, und da ich diese Art der Musik der kopfschmerzerregenden Heavy-Metal-Musik vorzog (und so eine Party habe ich im Kölner Underground auch schon überstanden), habe ich es gewagt und bin mitgegangen. Bis auf die Tatsache, dass die Musik vielleicht nach ein paar Stündchen relativer Monotonie etwas eintönig wird, hatte ich meinen Spaß, da der Beat es erfordert oder vielleicht auch möglich macht, rumzuhüpfen wie ein Hampelmann auf Speed, also ohne jegliche Koordination und Choreographie. So fiel auch mit ungeübtem Rock-Mädchen die Anpassung nicht so schwer. Zurück wie immer erst im Morgengrauen, obwohl das it noch untertrieben: ich hätte schon meine Sonnencreme auspacken können, so hell war es bereits.

Nach ausgiebigem Frühstück ist der Plan des „Schlaf-nachholen-auf-einem-Dach“ ja leider gescheitert, weil alle bekannten Türen in der Umgebung verschlossen waren – und leider auch die zu dem Dach, auf dem angeblich ein Plüschsofa steht. Was uns allerdings ermöglichte, den Frühaufstehern von Friedrichshain einmal unsere schönen Bettbezüge zu präsentieren, die wir über unsere Schultern gehängt durch die Straßen trugen. Aufgrund der Reaktionen der Menschen – keine – ziehe ich den Schluss, dass so etwas hier nicht unüblich ist.

Also wieder zurück und gemeinsam mit den Sonnenstrahlen ins Bett, um wenigstens ein wenig Schlaf zu erhaschen. Wie soll ich mir diesen Rhythmus nur wieder abgewöhnen, wenn ich ab übermorgen wieder fast täglich um neun in der Uni sitzen muss? Und wie wird hier wohl der Sommer werden? Werde ich danach jemals wieder fähig sein, vor Sonnenaufgang ins Bett zu gehen und normal weiter zu studieren? Wir werden sehen.

Playlist:
WhoMadeWho – „The Loop“


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!