Schneegestöber & Schnaps: Mein Logbuch zur Leipziger Buchmesse

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It’s that time of the year again: Zwei volle Tage bin ich in Leipzig durch den Schnee gestapft, hab Bücher entdeckt und Schnaps getrunken. Hier kommt mein „Logbuch“ zur Buchmesse.

Donnerstag, 15. März

8.30 Uhr
Berlin Hauptbahnhof
Los geht’s! In heller Vorfreude auf die nächsten beiden Tage bin ich an diesem Morgen schon in aller Herrgottsfrühe aufgewacht. Kurz vor der Abfahrt entscheide ich mich spontan, doch nicht meinen Rucksack, sondern einen kleinen Rollkoffer mitzunehmen. Ein fataler Fehler, wie sich später herausstellen wird.

10 Uhr
Leipzig-Reudnitz
Meine Unterkunft während der Buchmesse hatte ich über Airbn bereits im Spätherbst gebucht – vor zwei Wochen sagte mir die Gastgeberin aus persönlichen Gründen ab. Zum Glück fand ich noch einen Platz in der WG von Tobbe, deren Bewohner mich nun mit Kaffee empfangen. Auch wenn ich hier wenig Zeit verbringen werde – summa summarum schlafe ich in den nächsten zwei Nächten nur acht Stunden – ist es toll, eine gemütliche Bleibe zu haben.

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11 Uhr
Leipzig Hauptbahnhof
An der Tramhaltestelle organisiert ein überdrehter, stark sächselnder Ansager die Abfahrten Richtung Messe. „Die Linie 10 fährt NICHT zur Messe, ich wiederhole, die Linie 10 fährt NICHT zur Messe.“ – „Bitte lassen Sie die Herrschaften erst aussteigen, Sie wollen ja schließlich später auch aussteigen können“, gibt er Verhaltenstipps weiter und klingt dabei wie ein überengagierter Volkspolizist. Offenbar läuft er sich für die anstehenden Massen am Wochenende warm – zu der Zeit stehen gerade mal 10 Menschen auf dem Bahnsteig.

11.30 Uhr
Messe Leipzig / Pressezentrum
Auch dieses Jahr muss ich in meinem Logbuch erwähnen: Im Pressebereich der Messe gibt es kostenlosen Kaffee für die Journalisten, den man sogar trinken kann! Jedes Jahr bedanke ich mich in Gedanken bei den Organisatoren, die das ermöglichen. Ein bisschen tröstet es auch darüber hinweg, dass das Einloggen ins Wlan in diesem Jahr erstaunlich kompliziert ist und mich in den kommenden Stunden noch mehrmals beschäftigen wird.

12 Uhr
Halle 3 / Dumont
Der Donnerstag ist dem terminlosen Schlendern vorbehalten. In einem der Gänge stoße ich auf die Klappentexterin Simone und Jacqueline von Masuko13, die beiden charmanten Buchhändlerinnen. Simone ist vor kurzem für ihre Stelle als Filialleiterin bei Hugendubel nach Leipzig gezogen, umso mehr freue ich mich, sie wiederzusehen.

12.20 Uhr
Messe-Restaurant
Wer viel liest, läuft und labert, muss ab und zu auch etwas essen. Heute steht bei mir Kartoffelsalat mit Würstchen auf dem Programm.

buchmesse13 Uhr
Zwischen den Hallen
In einem der gläsernen Verbindungstunnel treffe ich auf Nikola, die Chefin vom Mikrotext Verlag. Sie hat kürzlich das Debüt Null Komma Irgendwas von Lavinia Braniste als Hardcover herausgebracht (obwohl sie sonst auf E-Books spezialisiert ist) und – die Autorin stammt aus Rumänien und das Land ist Schwerpunkt der Messe – einiges zu tun. Ich begleite sie zu einer Autorenrunde in den Bereich des Gastlandes und darf das kleine, grüne Büchlein mitnehmen.

13.30 Uhr
Halle 5 / Klett-Cotta Verlag
Quatsch-Termin mit Isabella von novellieren. Wir trinken Kaffee aus Plastikbechern und haben einiges zu bekakeln: Im Sommer werden wir gemeinsam in eine hübsche, große Wohnung in meinem Kiez ziehen und dort sogar ein Wohnzimmer mit kleinem Kamin unser eigen nennen. Dass wir demnächst Literatur-Soiréen mit Wein und Kerzenschein abhalten werden, spricht sich in den kommenden Tagen tatsächlich herum und ich werde an vielen Stellen darauf angesprochen. Vorfreude!

17 Uhr
Halle 5 / Verbrecher Verlag
Bei den „Verbrechern“ wird am Messe-Donnerstag traditionell Wein ausgeschenkt. Als kleinen Aufwärmer für den weiteren Abend schaue ich dort vorbei und bespreche mit Sara das Interview mit Manja Präkels, das für den Freitag angesetzt ist.

17.30 Uhr
Halle 5 / Verlagshaus Berlin
Auf dem Weg zurück zum Pressezentrum treffe ich Jochen von lustauflesen.de und Frau am Stand vom Verlagshaus Berlin. Das Verleger-Trio ist endlich aus der einjährigen Pause zurück – ich bekomme eine herzliche Umarmung und einen Lakritzschnaps in die Hand gedrückt. Alles beim Alten also. (Bis zum nächsten Morgen werde ich den Ohrwurm Schnaps, das war sein letztes Wort vom kölschen Urgestein Willy Millowitsch haben…)

18.30 Uhr
Restaurant Pilot
Auch eine Tradition: Donnerstag ist Tropen-Party und vorher das Blogger-Essen vom Tropen Verlag. Während wir auf unsere Suppe warten, liest Christian von Aster aus seinem Buch Die Orkfresser und kann dabei auf slapstickhafte Einsprengsel zurückgreifen: In einer Lesepause platzt der Kellner „Soljanka!!“-rufend dazwischen, in einer weiteren schrillt uns die Klingel des angrenzenden Theaters von den Sitzen. Danach gibt es Käseburger mit Parmesan belegt und ich muss mich vor allen outen: Ich mag keinen Käse. Aber man hat mich ja vorher auch gar nicht gefragt! Der Kellner kommt mit so viel Seltsamkeit nicht klar und ich muss auf die Hasenbrote/Häppchen zurückgreifen.

21.30 Uhr
Café bau bau / Tropen-Party
Bevor die Musik laut gedreht wird, gibt es Literatur: Alexander Schimmelbusch liest aus seinem Roman Hochdeutschland. Doch wir sind zu unruhig, um still zu sitzen.

22 Uhr
Telegraph Club / Ullstein-Party
Mit Ilja von Muromez und Tobias von Buchrevier wandere ich – genau wie im vergangenen Jahr – zur Ullstein Party im Telegraph Club. Dort ist es so voll, dass wir Nase an Nase stehen und erstmal nur mit den Zehenspitzen im Takt wippen können. Später lichtet sich das Gemenge und es ist Platz, um zu den Spice Girls und Backstreet Boys auch den Rest wippen zu lassen…

1 Uhr
Café bau bau / Tropen-Party
Here we go again! Party-Hopping bedeutet eben Party-Hopping und so finde ich mich zwei Stunden im bau bau wieder. Hier ist es – auch eine Tradition? – eng, laut und verraucht, aber der Wein schmeckt gut und die Stimmung brummt. Ich lerne Leander Steinkopf kennen, der kürzlich seine Erzählung Stadt der Feen und Wünsche bei Hanser veröffentlicht hat. In meinem Exemplar hatte sich eine Widmung befunden, die so schön war, dass ich Gänsehaut bekam – Grund genug, sich an diesem Abend bei ihm dafür zu bedanken.

Freitag, 16. März

9 Uhr
Leipzig-Reudnitz
Als der Wecker um 9 Uhr klingelt, fühlt es sich an, als sei ich gerade erst ins Bett gegangen. Stimmt das vielleicht sogar? Aus dem vergangenen Jahr habe ich gelernt und in der Nacht zuvor nur wenig Alkohol getrunken – dennoch sind die Augen klein und die Lust auf einen Kaffee groß.

10.30 Uhr
Halle 3 / Stiftung Buchkunst
Frischer Kaffee und im wahrsten Sinne ausgezeichnete Bücher – eine sehr gute Kombi! Katharina Hesse von der Stiftung Buchkunst erklärt uns, welche Exemplare in diesem Jahr das Rennen gemacht haben und vor allem warum. Langsam werde ich wach. Hier lerne ich außerdem zum ersten Mal Janine vom Blog Frau Hemingway (ehemals kaprizioes) in echt und Farbe kennen, was mir eine besondere Freude ist: Unser Buchgeschmack ähnelt sich sehr und ich verfolge regelmäßig ihre Buchtipps auf Instagram.

11.30 Uhr
Halle 3
Mit Ilja und Tobias möchte ich mir eine Podiusdiskussion zum Thema Influencer und Booktuber anhören – aber es ist so voll, dass wir weder etwas sehen noch hören. Unzählige Teenager mit Handy tummeln sich vor der Bühne und ich überlege, ob so die Zukunft der „Literaturkritik“ aussieht?

12.15 Uhr
Halle 5 / Verbrecher Verlag
Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß gehört zu den absoluten Highlights der Literatur der letzten Monate – wann imer mich auf dieser Messe jemand nach einem lesenswerten Buch fragt (und das passiert oft), empfehle ich ihm oder ihr die autobiographisch inspirierte Geschichte von Manja Präkels. Die Autorin treffe ich heute zum Interview: Wie hat es sich angefühlt, 1989 auf einmal ohne Land dazustehen, von Neonazis gejagt und in einer Umgebung von Gewalt und Hass aufzuwachsen? Manja spricht so professionell und druckreif, dass ich schon während des Gesprächs weiß, dass das Transkribieren unseres Interviews ein Leichtes sein wird. Kein einziges Mal schaue ich dabei auf meine vorbereiteten Fragen.

13 Uhr
Presse-Bereich
Verschnaufpause. Kaffee, Bockwürstchen, Kartoffelsalat.

14.30 Uhr
Halle 4 / Suhrkamp
Kurze Stippvisite bei Demian und dem Suhrkamp Verlag. Esther Kinsky wurde am Donnerstag mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet – ihren Roman Hain wollte ich so oder so lesen, nun nehme ich ein Rezensionsexemplar mit nachhause. Bald also an dieser Stelle mehr dazu.

15 Uhr
Halle 5 / Ullstein Verlag
Jeder Schuss ein Treffer, denke ich manchmal, wenn ich mir das Programm von Ullstein fünf anschaue. Von den fünf oder sechs Büchern, die 2017 in der Reihe erschienen sind, habe ich nur eines nicht gelesen, alles andere waren stilistische Volltreffer. Gemeinsam mit Susann Brückner werfe ich einen Blick auf die Neuerscheinungen, die im Herbst 2018 in den Regalen stehen werden – außerdem sprechen wir über Pinguine. Lieblingstermin!

16 Uhr
Halle 4 / Rowohlt Verlag
„In diesem Roman geht es um eine Frau, die immer nach dem Beischlaf aus dem Leben ihrer Großmutter erzählt – ich glaube, dass könnte dich interessieren!“ – Ich bin zum Kaffee mit Simon Grimm vom Rowohlt Verlag verabredet und muss bei diesem Satz gehörig schmunzeln. Engele von Claudia Tieschky nehme ich dann tatsächlich mit nachhause – und bin später gleich nach den ersten Seiten angetan.

17 Uhr
Presse-Bereich
Fertig! Leipzig versinkt im Schnee, ich bin eher unpassend angezogen (aber wer konnte das vor ein paar Tagen schon ahnen?) und etwas müde. Ich freue mich auf die private Wohnzimmerlesung mit Mareike Fallwickl, die dort aus ihrem Debüt-Roman Dunkelgrün fast Schwarz lesen wird. Dass ich dort nicht ankommen werde, weil mir der ÖPNV von Leipzig gehörig einen Strich durch die Rechnung macht und ich letztendlich unterkühlt in der WG lande, weiß ich erst später.

22.30 Uhr
Felsenkeller / Party der unabhängigen Verlage
Gefühlt bin ich die Erste im riesigen Felsenkeller: Die „Unabhängigen“ laden zur gemeinsamen Sause ein und das Buchvolk kommt. Der DJ hat das leider nicht so drauf mit den Übergängen und wechselt hektisch zwischen Techno, Hip Hop, zeitgenössischem Pop und Liedern aus den 80ern und 90ern. In den Pausen kann man dafür prima über Literatur sprechen.

2 Uhr
Irgendwo in Leipzig
Aus die Maus, jetzt. Ich beschließe, es gut sein zu lassen und den Nachtbus zu nehmen. Doch der ÖPNV in Leipzig und ich, wir werden einfach nicht warm miteinander (schon gar nicht bei diesen Minusgraden): Als ich mit dem einen Nachtbus am Hauptbahnhof ankomme, soll der andere in 5 Minuten kommen – und taucht dann 25 Minuten später auf. Ohne Anzeige oder Durchsage, versteht sich. Zuhause wickle ich mich mehrfach in meine Bettdecke und freue mich dennoch über die ereignisreichen Stunden auf der Messe und drumherum.

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Samstag, 17. März

9 Uhr
Leipzig-Reudnitz
Letzter Termin im Rahmen der Messe: Das Frühstück mit den Mitarbeitern der Edition Büchergilde in einem Café irgendwo in der Stadt. Seit einiger Zeit schreibe ich Rezensionen für das Magazin der Büchergilde, ebenso wie der Kaffeehaussitzer oder Jochen von lustauflesen.de. Doch Leipzig ist komplett eingeschneit und schon der Blick auf die Nahverkehrs-Seite zwecks Routenplanung wirkt ernüchternd: „Aufgrund der extremen Witterungsbedingungen sind alle Fahrpläne außer Kraft gesetzt“. Na herzlichen Glückwunsch! Ich verfluche mich dafür, dass ich nicht mit Rucksack, sondern eben doch mit Rollkoffer unterwegs bin – denn den muss ich jetzt durch den halben Meter Schnee hinter mir her ziehen oder tragen. Über eine Stunde brauche ich von Tür zu Tür, obwohl eigentlich nur ca. 8 Bahnstationen dazwischen liegen. Als ich ankomme, fühle ich mich, als hätte ich den Mount Everest bestiegen. Jetzt erstmal Kaffee!

Es ist der krönende Abschluss meines Messe-Besuchs und ich fahre nicht nur mit vielen Eindrücken und Büchern, sondern auch mit einer ganzen Menge an Ideen wieder zurück nach Berlin. Ich danke euch allen für die wundervollen Begegnungen! Wir sehen uns in Frankfurt!

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Pssst…: Das mit dem Logbuch habe ich 2017 ebenfalls gemacht, du findest es hier.

 

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