Schöner denn je

WestberlinFoto: Flickr / EuroAsia Vizion

Mit den Romanen von Hans-Ulrich Treichel kann man wenig falsch machen: Das gilt auch für „Schöner denn je“, der kürzlich erschienen ist.

Wir kennen das wahrscheinlich alle noch aus Schulzeiten: Da gab es jemanden aus der Parallelklasse oder eine Stufe höher, den oder die man anhimmelte und in jeglicher Hinsicht für perfekt hielt. Hervorragendes Aussehen, Erfolg bei den Mädchen/Jungs, gute Noten und so weiter – etwas, was man von sich selbst nicht behaupten konnte. So geht es auch Andreas Reiss, dem Erzähler in „Schöner denn je“, der rückblickend sozusagen eine „unerhörte Begebenheit“ beschreibt, obwohl es sich bei dem Buch um einen Roman und keine Novelle handelt und die unerhörte Begebenheit letztendlich recht harmlos bleibt:

„Ich habe nie jemandem davon erzählt. Von meinem Auserwähltsein, wenn ich es einmal so nennen darf.“

Seit jeher bewundert er seinen Mitschüler Erik, macht ihm alles nach, betet ihn förmlich an. Aber das sei natürlich kein Verliebtsein, beteuert er, wo kämen wir denn dahin und überhaupt müsse man in diesem Fall zurückhaltend sein, um nicht wie ein Stalker zu wirken. Sagt er auf der einen Seite – um sich auf der nächsten Seite gleich beherzt zu widersprechen:

„Statt mich zurückzuhalten und mit der gleichen lässig-freundlichen Distanziertheit meiner eigenen Wege zu gehen, verstärkte ich meine Bemühungen, im nahe zu sein. Oder gar, ich gestehe es, so zu sein wie er. Dies natürlich auch, weil ich so gänzlich anders war. Nicht groß und schlank und schlaksig, eher ein wenig rundlich, nicht der Mick-Jagger-Typ, den er für mich verkörperte, locker in der Hüfte, selbstbewusst, sinnlich, männlich, zugleich androgyn mit locker fallendem Haar. Ich dagegen war eher der Buchhaltertyp, der schon als Abiturient Geheimratsecken hatte.“

Dass Andreas sich mit jeder Zeile von Selbstlüge zu Selbstlüge hangelt und vermutlich auch nicht immer die Wahrheit erzählt, wird also schnell deutlich. Und so lassen wir ihn einfach reden, wenn er behauptet, es habe damals jeder für sich entschieden, nach dem Schulabschluss nach Westberlin zu ziehen. Andreas schreibt sich für Architektur an der Technischen Universität ein, obwohl er weiß, dass er technisch nicht begabt ist. Doch er hofft, dort auf Erik zu treffen. Was aber nicht der Fall ist, woraufhin er in die Romanistik wechselt und Ausbilder für französische Fachdidaktik wird. Erik bleibt vorerst verschollen, obwohl die eingemauerte Stadt doch recht überschaubar ist. Bis sie sich zehn Jahre später zufällig in einem Restaurant wiedersehen:

„Ich merkte gerade zu körperlich, wie mein Unbewusstes auf Anhimmelungsmodus umschaltete und mir den Impuls gab: hingehen und niederknien. Sozusagen.“

Bei diesem Wiedersehen wird für unseren wankelmütigen und leicht zu verunsichernden Protagonisten ein Traum wahr: Erik, der mittlerweile Kulissen tischlert für internationale Filmproduktionen und mit halb Hollywood per Du ist, fragt ihn, ob er in seiner Abwesenheit nicht die Acht-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Ku’damms hüten könnte. Weil Andreas sich gerade von seiner Frau getrennt hat, willigt er ein; aber es ist natürlich auch die Möglichkeit, seinem Idol so nah zu sein, wie noch nie zuvor. Auch wenn dieser selbst gar nicht anwesend sein wird. Aber auch mit dem Bademantel des Vorbilds lässt sich ja schon das Gefühl erzeugen, in einer Form „freundschaftlich verbandelt“ zu sein, auch wenn Erik von sich aus wenig dazu beisteuert.

Treichel

Und dann geschieht etwas, wo man sich als Leser*in nicht sicher ist, ob mit der Hauptfigur gerade alle Pferde der Phantasie durchgehen oder sich das Erzählte wirklich ereignet: „Dass jetzt auch noch das Telefon klingelte, war eine Szene wie aus dem Drehbuch.“ In der Leitung ist, out of the blue, Hélène Grossmann, weltberühmte und von der Presse auf Schritt und Tritt verfolgte Schauspielerin, von Andreas seit seiner Jugend verehrt und offensichtliche Freundin des Lebemannes Erik – und diese Hélène bittet Andreas, sie durch Berlin zu fahren. Wird der blasse Fachdidaktiker die schillernde Aktrice von sich überzeugen können?

In „Schöner denn je“ ist Hans-Ulrich Treichel wieder voll in seinem Element. Man rauscht nur so durch das ereignislose Leben dieses Durchschnittstypen (der darin an die Hauptfigur Achim aus Till Raethers Treue Seelen erinnert), der am liebsten jemand anderes wäre, hindurch, schmunzelt über den trockenen Humor und möchte das Träumerle Andreas manchmal einfach nur umarmen. Und ihm sagen, dass er sich da ein paar hübsche Luftschlösser gebaut hat, die vermutlich in Kürze einbrechen werden.

Etwas, was letztendlich allerdings nicht passiert, weil die Hauptfigur es vorzieht, die eigenen Illusionen nicht zu zerstören – und weil Treichel den Roman gefühlt zu vorschnell beendet. Was Erik, was Hélène über diesen durchaus komischen Kauz denken, erfahren wir nicht und so bleibt man nach der letzten Seite dann doch mit ein paar Fragen zurück. Wie gerne hätte ich weitergelesen!

Hans-Ulrich Treichel
Schöner denn je
Suhrkamp, 2021
Gebunden, 175 Seiten, 22 Euro