„Teenage Angst“: Schriftsteller, die ihre Jugend aufarbeiten

Männer

Was haben Hilmar Klute, Dirk Knipphals und Thomas Klupp gemeinsam? Sie haben in ihren Romanen ihre Jugend aufgearbeitet. 

Dirk Knipphals ist Jahrgang 1963, Hilmar Klute wurde 1967 geboren und Thomas Klupp erblickte – ein bisschen später – 1977 das Licht der Welt. Während die ersten beiden also bereits die fünfzig überschritten haben, ist Klupp noch in seinen frühen Vierzigern. Ob sie zufällig zur gleichen Zeit von der viel besungenen Midlife Crisis ereilt wurden oder ob ihnen ebenfalls zufällig zeitgleich die Idee kam, ihre Jugenderinnerungen in eine nicht immer stark verfremdete literarische Form zu gießen?

Ich weiß es nicht – musste allerdings lachen, als ich ausgerechnet diese drei Bücher hintereinander las und sich die Parallelen zum Leben der jeweiligen Autoren unweigerlich aufdrängten. Woher kommt dieser Trend zu dieser Art von Erinnerungsverarbeitung? Und worum geht es den drei Herren mittleren Alters also in ihren Büchern?

Literatur

Hilmar Klute
Was dann nachher so schön fliegt

Hilmar Klute, das habe ich bereits in einer gesonderten Rezension thematisiert, hat einen Roman mit vielen Facetten geschrieben: Es geht um Berlin, um die Arbeit eines Zivis auf einer Demenz-Station, es geht um die Liebe zur Literatur und die Suche nach dem eigenen Weg als Autor. Die Szenerie befindet sich im Ruhrgebiet und im West-Berlin der 1980er Jahre, in das Hauptfigur Volker auf Einladung der Berliner Festspiele reist, um an einem Workshop für angehende Autoren teilzunehmen.

Natürlich geht es letztendlich weniger um die Großstadt Berlin und ihr Zustand des ewigen Unfertigen (und der damals gefühlt ebenso ewig dauernden Eingeschlossenheit durch die Mauer), als um das Coming of Age des jungen Mannes, der sich für seinen Berufswunsch Autor („kann man denn damit Geld verdienen?“) rechtfertigen muss und dabei ordentlich ins Straucheln kommt. Ein Roman, der in einigen Eckpunkten – das Alter, der Geburtsort Bochum, die Liebe zum geschriebenen Wort – mit dem Leben des Autors übereinstimmt. Aber wir wissen ja: Man soll den Autor nicht mit seiner Hauptfigur gleichsetzen. Und so sehe ich auch weiterhin davon ab und empfehle diesen eindringlichen Text, der voll ist mit wundervollen Zitaten über Literatur.

Hilmar Klute
Was dann nachher so schön fliegt
Galiani Verlag, 2018
Gebunden, 368 Seiten, 18,99,-€

Männer

Dirk Knipphals
Der Wellenreiter

„Wenn er erst einmal Schriftsteller werden wird, dachte er, wird alles einen Sinn ergeben. Seine Träume, seine inneren Kämpfe, seine ideen, seine Unsicherheiten, seine Versuche und Entwürfe, die Erfahrungen, die er beim Lesen und Schreiben machte, die Ermutigungen und die irritierten Blicke, sein Schreibtisch, sein Alleinsein, alles.“

Albert Schwingenholtz ist fünfzehn Jahre alt und kämpft mit den typischen pubertären Unsicherheiten und Zweifeln: Wo soll das alles hinführen mit ihm, wieso halten ihn die Mitschüler für komisch, weil er so viel liest – und wie um Himmels willen kommt er aus diesem ländlichen Vorort heraus, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, aber sonst nichts passiert?

Ähnlich wie bei Hilmar Klute lernen wir auch hier einen – allerdings ein paar Jahre jüngeren – Protagonisten kennen, der sich über eine große Liebe zur Literatur auszeichnet – auch wenn er noch auf der Suche ist, voller Ehrfurcht vor dem penibel geordneten Bücherregal seines Vaters kauert und sich eingestehen muss, dass er für manche Romane noch nicht alt oder intellektuell genug ist.

Sein literarisches Coming of Age verbindet sich mit den üblichen Teenie-Geschichten – das erste Mal verknallt sein, Alkohol und Parties ausprobieren und Sorgen in der Schule – zu einer authentischen Stimme; auch wenn der junge Mann für mein Gefühl an manchen Stellen in einer für einen 15-jährigen irgendwie zu philosophisch reflektierten Art und Weise über seine eigene Gedanken- und Gefühlswelt sinniert. So schlittert Albert, sprachlich humorvoll angeleitet durch seinen Autor Dirk Knipphals, von einer wichtigen Lektion des Lebens in die nächste, immer das Ziel vor Augen: Bloß nicht so werden, wie die eigenen Eltern!

Dirk Knipphals
Der Wellenreiter
Rowohlt Berlin, 2018
Gebunden, 352 Seiten, 22,-€

Männer

Thomas Klupp
Wie ich fälsche, log und Gutes tat

Während sich die ersten beiden Romane zum einen um zwei bodenständige junge Männer drehen und zum anderen in den späten 1970ern oder frühen 1980ern spielen, sind wir mit Thomas Klupp in einem anderen Milieu und einer anderen Zeit angekommen: Nämlich in der Gegenwart. Wobei das Milieu, streng genommen, dem Umfeld von Albert Schwingenholtz aus Der Wellenreiter ähnelt: Klupps Roman spielt in Weiden, einer Vorzeigekleinstadt in der Oberpfalz, in der die Männer regelmäßig zum Tennis spielen und fremdgehen und die Frauen, behängt mit Perlenschmuck, im Lady-Lions Club Charity BBQs zugunsten von Flüchtlingen veranstalten.

Inmitten dieser Umgebung wachsen Benedikt, Vince und Prechtl auf – wir nannten solche Jungs zu meinen Schulzeiten Nouvelle Rich Kids -, allesamt Mitglieder der erfolggekrönten Tennisjugend und bis in die letzte Faser ihres Teenagerkörpers gelangweilt. Sie schwänzen die Schule und fälschen die Entschuldigungen, weil sie ihre Nächte lieber bei Parties im „Butterhof“ verbringen als zu schlafen oder zu lernen. Sie sind unangepasst, radikal, hochnäsig und verwöhnt ohne Ende.

Thomas Klupp, wenn auch nicht aus Oberfranken, so doch aus Mittelfranken, hat mit Wie ich fälsche, log und Gutes tat einen recht rasanten Schelmenroman verfasst: Wie die Jungs sich durch ihren Alltag fuschen, lügen und rechtfertigen, das ist teilweise ganz schön hanebüchen und humorvoll – entwickelt nach einer gewissen Wiederholung aber auch eine Eigendynamik in Richtung Langeweile. Spätestens wenn Benedikt die Felle davon zu schwimmen drohen, weil seine erfolgsorientierte Schule das Bewertungssystem in Zukunft komplett elektronisch abwickeln möchte und er seinen Notenspiel nur noch mit sehr viel Tricks wird fälschen können, kommt einem die ganze Sache bekannt vor. Und wie gerne möchten wir als Leser immer wieder an die eigene Schulzeit und ihre Mauscheleien erinnert werden?

Thomas Klupp
Wie ich fälschte, log und Gutes tat
Berlin Verlag, 2018
Gebunden, 256 Seiten, 20,-€

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