Selbstfindung im Dschungel

Dschungel

Junger Mann fährt nach Asien, um seinen besten Freund zu suchen – und findet sich selbst. Der Debütroman „Dschungel“ von Friedemann Karig.

Romane über Männerfreundschaften gibt es viele, sie erzählen oft von Abenteuern in der Kindheit, von Mutproben und Blutsfreundschaft, vom gemeinsamen Ausloten der Grenzen in der Pubertät, von einer lebenslangen Verbundenheit. Auch das Thema: Mensch geht auf Reisen in Südamerika oder Asien und verschwindet plötzlich, ein Freund oder eine Verwandte fliegen hinterher, suchen jeden Stein nach ihm/ihr ab und haben dabei tolle Erkenntnisse über sich selbst (und rauchen viel, wie z.B. in Stromland von Florian Wacker) ist mir schon häufiger untergekommen.

Nach seinem Sachbuch-Erfolg „Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie“ hat sich Friedemann Karig für seinen Debütroman genau diese beiden Themen – Männerfreundschaft und Verschwinden auf Reisen – ausgesucht und das Ergebnis Dschungel getauft. Hier ist es ein namenloser Erzähler Anfang zwanzig, der von der Mutter seines besten Freundes am Flughafen abgepasst wird und von ihr mehr oder weniger gleich in das nächste Flugzeug nach Kambodscha gesetzt wird. Dort hat sich ihr Sohn Felix als letztes aufgehalten, der für sechs Monate oder länger auf Reisen durch Asien gehen wollte, sich nun aber seit vier Wochen nicht mehr gemeldet hat. Wie der Erzähler ihn finden soll? Das bleibt ihm überlassen.

dschungelDer junge Mann schwitzt in der kambodschanischen Schwüle im Stockbett des Hostels vor sich hin und versucht, die Spur seines Kumpels Felix aufzunehmen. Der bleibt ein Phantom, viele haben ihn gesehen, aber vor Wochen schon und wissen nicht, wo er abgeblieben ist. Einzig die Erinnerungen des Erzählers halten ihn am leben: Wie sie mit sieben, neun, elf, dreizehn, siebzehn Jahren gemeinsam Unsinn angestellt haben, wie Felix dabei immer Regie führte und sich einen Spaß daraus machte, seinen schüchternen Freund mit seiner Radikalität zu schockieren. Ob diese Suche nach ihm auch eine Mutprobe sein soll?

Während er zunächst nicht so richtig weiß, wie er das anstellen soll, macht er etliche Erfahrungen, die man recht schnell als klassische „Heldenreise“, gekoppelt mit viel „Coming of Age“,  erkennt und die, in ihrer Summe, oftmals etwas platt wirken. Immer hatte er Probleme damit, fremde Menschen anzusprechen, jetzt muss er halt, immer stand er im Schatten von Felix, jetzt ist er im Mittelpunkt, nie hat er selbst etwas radikales durchgezogen, jetzt lebt er sich auf einmal aus. Hmm.

Dazu ein bisschen Hostel-Folklore und Hippie-Kommunen-Flair inklusive erotischem Schwimmausflug auf MDMA bei Mondschein und fertig ist die Laube. Achja, da war ja noch die Suche nach Felix – aber man soll ja nicht sagen, dass man „sucht“, man soll sagen, dass man ihn „finden“ wird, das ändert die ganze Sache angeblich schon. Zunächst aber findet der Erzähler sich erstmal selbst und erkennt, in welchem Abhängigkeitsverhältnis er all die Jahre zu Felix stand. Und ein altes Geheimnis gibt es natürlich auch noch.

Plötzlich wurde mir klar, warum ich bins ans andere Ende der Welt gerannt war. […] Ich liebte und ich hasste dieses Leben mit ihm. Die Angst, nicht zu genügen, auf der Bühne seines Bewusstseins keine Rolle zu spielen, oder eine schlechte, langweilige. Und die Hoffnung auf die seltenen Momente, in denen ich für ihn glänzte. Ich war ihm hierher gefolgt, um ein für alle Mal die Hauptrolle zu bekommen.

 

Friedemann Karig ist gestandener Journalist und zeigt auch mit Dschungel: Schreiben kann er, erzählen auch. Es gelingt ihm, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten, es kommt keine Langeweile auf in dieser knapp 400 Seiten umspannenden Geschichte und besonders die Auflösung am Ende – die ich selbstredend nicht verraten werde – hat ihren Reiz. Und doch kennt man das alles schon, hinzu kommen die oft etwas schiefen Vergleichen und Selbstfindungssprüche, die man in vielen Hostels rund um den Globus kunstvoll auf Strandgut gepinselt an den Wänden hängen sieht. Oder muss man das mit einem Augenzwinkern lesen, so wie auch der Erzähler manchmal über die Traveler-Weisheiten schmunzelt? Dschungel kann man sehr gut wegschmökern, doch bleibt gleichzeitig das Gefühl zurück, das alles schon mal gelesen zu haben.

Friedemann Karig
Dschungel
Ullstein Verlag, 2019
Gebunden, 384 Seiten, 22,-€

1 Kommentare

  1. Schöne Besprechung – mir hats ja ausnehmend gut gefallen, aber ich habe das Dschungel-Freundesuchen-Thema noch nicht so oft gelesen wie du.
    Aber es ist auch schon augenfällig, wie oft momentan in der deutschen Literatur Kindheit und Jugend verhandelt wird …

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