Sittenbild mit Dame: „Engele“ von Claudia Tieschky

Engele

In ihrem kraftvollen Roman-Debüt „Engele“ hat Claudia Tieschky das Leben dreier starker Frauen aus drei Generationen zu Papier gebracht – inspiriert von ihrer eigenen Familiengeschichte.

Lotte liebt ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheiten, ihre Affären: Regelmäßig fliegt sie nach Berlin, um sich mit Frieder in einem Hotel für leidenschaftliche tête á têtes zu treffen. Nach dem Sex beginnt sie, zu erzählen: von ihrer Großmutter Ruth, dieser unergründlichen, geheimnisvollen Frau.

Ruth, die vor dem zweiten Weltkrieg in Berlin als Krankenschwester arbeitete und sich einen hedonistischen Lebensstil gönnte, die alle Männer mit ins Bett nahm, nach denen es ihr gelüstete. Dass Lotte sich an ihr orientiert, wird schnell klar, denn ihre eigene Mutter wiederum bevorzugte den klassischen Lebensverlauf mit allen Vor- und Nachteilen der Ehe. Das ist kein Konzept für Lotte:

„Die Enkelin lebt tatsächlich nach der Maxime, sich immer den Fluchtweg frei zu machen. Sie könnte mitten in der Nacht das Wichtigste in eine Tasche packen und aus ihrem eigenen Leben verschwinden.“

Engele

Doch auch Ruth ging irgendwann den Weg des geringsten Widerstands, heiratete den älteren Komponisten Siegfried und zog mit ihm in die Provinz. Auch wenn sie ihren freiheitsliebenden Lebensstil nur bedingt einstellte, entwickelte sich ein kleines Familienglück – bis Siegfried aufgrund von unsittlichen Handlungen gegenüber Kindern zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird.

Diese Geschichte wirft ihren Schatten bis in die Gegenwart. Liegt der Grund für die amouröse Unbeständigkeit Lottes in den schicksalshaften Verwicklungen ihrer Großmutter oder im abschreckenden Beispiel ihrer dem Manne ergebenen Mutter? Oder ist es zu einfach, seine persönlichen Unzulänglichkeiten mit dem Erbe vorangegangener Generationen zu rechtfertigen? Lotte versucht sich selbst zu erklären, indem sie das Leben ihrer verstorbenen Großmutter rekonstruiert.

Dieser Unwille Lottes, sich auf irgendetwas festzulegen, wird von Claudia Tieschky in einer ebenso klaren wie verführerischen Sprache zum Ausdruck gebracht, die durchzogen ist von  betörenden Bildern: „Sie streift beim Blick über den Nachthimmel diese Geschichten leicht in Gedanken wie das Fell einer Katze […]“, heißt es da an einer Stelle; später ist von „glückliche[n] Luftwurzler[n]“ die Rede, bezogen auf die „Boheme einer neuen Besitzlosigkeit“ und die junge Generation von heute, die an keinen Ort gebunden zu sein scheint.

Poetisch und deutlich, sinnlich und nüchtern – hier treffen so einige gegensätzliche Adjektive zu. Engele ist ein zartes Suchen nach Orientierung, nach Verwurzelung im eigenen Selbst, nach Halt in den Armen eines anderen Menschen. Ein herausragendes Debüt!

Claudia Tieschky
Engele
Rowohlt Verlag, 2018
Gebunden, 208 Seiten, 20,-€
ISBN:  978-3-7371-0033-5

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree