André Kubiczek: „Skizze eines Sommers“

KubiczekKönnt ihr euch noch an das Gefühl am Anfang der Sommerferien erinnern? Die Hormone fahren Achterbahn, der Kopf ist voller Ideen und Träumereien – und ihr mittendrin? André Kubiczek hat mit „Skizze eines Sommers“ diese Zeit festgehalten. Dass wir den Sommer 1985 in der DDR schreiben, ist eigentlich irrelevant.

Das habe ich mir damals oft gewünscht: Sturmfreie Bude! Für René wird der Traum eines jeden Teenagers Wirklichkeit, als ihm sein Vater eröffnet, dass er für zwei Monate verreisen muss – nach Westdeutschland zu einer Friedenskonferenz. Kurzzeitig ist René nicht so glücklich darüber, denn erstens wird er in wenigen Tagen 16, zweitens kommt er nach den Sommerferien auf ein Internat und drittens könnte die Beziehung zu seinem Vater durchaus etwas herzlicher sein. Will er ihn wirklich zwei komplette Monate alleine lassen?

Doch an das Alleinsein gewöhnt man sich schnell, vor allem wenn man 1.000 Mark zur Verfügung hat, laut Musik hören und essen kann, was man möchte – und die drei besten Freunde Dirk, Michael und Mario ebenfalls den Sommer in Potsdam verbringen. Gemeinsam sitzen sie in Cafés herum und schreiben Gedichte von Baudelaire ab, zitieren Rilke, sprechen in Fremdwörtern und tragen schwarze Anzüge.

Aber worum geht es – natürlich – eigentlich die ganze Zeit? Genau: Um Mädchen. Da wäre die hübsche Unbekannte, hinter der René schon lange Zeit her ist, ohne ihren Namen zu wissen. Die forsche Bianca, mit der er stattdessen eine zwei Wochen dauernde Liebschaft beginnt, obwohl beide aus völlig unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Und Rebecca, das geheimnisvolle Mädchen aus dem Anwesen am See, welches ihn wie einen kleinen Bruder betrachtet. Die Hormone fahren Achterbahn, das Herz klopft und die Jungs wollen nur eins: Knutschen!

Charmant, lethargisch und etwas zäh – genau wie Sommerferien!

978-3-87134-811-2André Kubiczek hat sich ein Thema herausgesucht, welches wohl den meisten von uns bekannt vorkommt – und deshalb während der Lektüre ein paar wohlig-warme Erinnerungen an die eigene Teenie-Zeit heraufbeschwört. Dass René und seine Freunde in der DDR aufwachsen – die sich 1985 schon eher auf dem absteigenden Ast befindet – spielt dabei eine eher kleinere Rolle und wird nur am Rande erwähnt: Wenn sich die Jungs um die Originalausgabe eines Buches von Baudelaire streiten, weil Texte dieser Art faktisch so gut wie nie verfügbar sind; wenn René von der Kaderschmiede erzählt, auf die es ihn nach den Ferien verschlagen wird und wenn er sich an die sozialistischen Parolen erinnert, die man ihm jahrelang in der Schule eingetrichtert hat.

Skizze eines Sommers greift – ähnlich wie der vorige Roman Das fabelhafte Jahr der Anarchie von Kubiczek – dieses „uns gehört die Welt“-Gefühl auf, welches junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren meistens beflügelt und welches besonders in der Umbruchzeit zwischen noch bestehender DDR und wiedervereinigtem Deutschland  zu spüren gewesen sein muss. Ein charmanter Roman, teilweise etwas lethargisch und zäh – eben genau wie die langen Sommerferien!

André Kubiczek
Skizze eines Sommers
Rowohlt Berlin, 2016
Hardcover, 384 Seiten, 19,95€
ISBN: 978-3-87134-811-2

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Kategorie Allgemein

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