Sodom und Gomorrha an der Spree

BerlinElfriede Lohse-Wächtler, Lissy, 1931

In „Sodom und Berlin“ zeichnet Yvan Goll die Stadt als besonders schrill. Der Manesse Verlag hat den Roman von 1929 neu herausgebracht.

„Berlin, Stadt des Nordens und des Todes, die Fenster vereist wie die Augen Sterbender, die Steine rissig, der Boden aufklaffend wie der Schoß einer Gebärenden. […] Ach, du sieche, eitrige Stadt: Die Angst deines Pöbels überzieht deine faltige Haut wie erkaltete Lava.“

Der Erste Weltkrieg ist vorbei und Deutschland am Boden. Was ist passiert mit dem Land der Dichter und Denker, das durch patriarchalische Allmachtsphantasien einen Krieg anzettelte, der die Bevölkerung ausgemergelt zurückließ: die einen desillusioniert und dem Rausch ergeben, die anderen hoffnungsvoll nach einer neuen Gesellschaftsordnung schielend? Es muss ein einziges Durcheinander gewesen sein in Berlin damals – ein Durcheinander, dass zum sprichwörtlichen „Tanz auf dem Vulkan“ wurde.

In dieses kollektive Durchdrehen wird Dr. Odemar Müller 1918 hineingeworfen. Odemar, der Sohn aus gutem Haus, ein treuer Bonner Burschenschaftler mit Schmiss im Gesicht, der damals als Zeichen von strotzender Männlichkeit und Mut galt und die Frauen schmachten ließ. So auch die verheiratete Nora, die er auf einem ihrer glamourösen Salons in Berlin kennenlernt und mit ihr eine Affäre beginnt. Gemeinsam klügeln sie eine gewitzte Geschäftsidee aus:

„Sein Grundgedanke war die kommerzielle Nutzung der in Deutschland zunehmend grassierenden Ideale. Dazu wollte er den diversen Sekten die Wachstums- und Werbemittel bieten, ohne die in der heutigen Gesellschaft ein Erfolg unmöglich ist. In den folgenden Tagen untersuchte Odemar aufs Gründlichste die verschiedensten religiösen, metaphysischen und politisch-mystischen Strömungen, die überall aus dem Boden schossen wie Unkraut an verlassenen Straßen.“

In ihren Salons findet sich ein wahres Kuriositätenkabinett zusammen: Mitglieder des Nürnberger Jungfrauenverbandes tanzen mit Rosenkreuzern, ehemalige Wagner-Sängerinnen trinken Champagner mit Sodomisten, es unterhält sich der Meister des Königlichen Geheimnisses mit dem Minister der Erzschlange und des Sterns, es tummeln sich Nudisten, Pferdeliebhaber und Philatelisten. Auf Dauer kann das nicht lange gutgehen – auch zwischen Odemar und Nora nicht.

Berlin

Yvan Goll, der diesen Roman 1929 veröffentlichte und somit mitten in den wilden Zwanzigern – die ja erst mit der Machtergreifung Hitlers 1933 endeten – kam 1891 in Frankreich zur Welt und war später regelmäßig in Berlin zu Gast. Er mischte bei den Dadaisten in Zürich mit, war beeinflusst von Expressionismus und Surrealismus. Und das merkt man seinem Text auch an: Wer Sodom und Berlin liest, wähnt sich in einem Gemälde von Otto Dix oder George Grosz, mit verzerrten Fratzen, Schmissen und Monokeln auf feisten Männergesichtern, Seidenstrümpfen und Federboas auf androgynen Frauenkörpern. Alles ist gezeichnet von einer rastlosen Überdrehtheit, es gibt nichts mehr zu verlieren, man muss das wenige Leben auskosten – auch wenn man dabei etliche Blessuren davonträgt oder möglicherweise viel zu früh stirbt.

Goll überzeichnet die Zeit zwischen den Weltkriegen bewusst und gekonnt, er lässt kein Klischee aus und zeichnet die Typen jener Zeit mit einem Blick, der mehr ist als Satire: Er trifft die „deutsche Seele“ jener Zeit – zwischen teutonischer Wagner-Oper, Schmerz um den Verlust des Kaiserreiches, Bubikopf und freier Liebe – mitten rein. Das ist sehr lustig zu lesen und auch ein bisschen entlarvend, finden sich doch ein paar Dinge, die noch immer gültig sind: Man denke nur an die vielen Burschenschaften in kleinen Universitätsstädten, die auch heute noch ihr rückständiges Bild von Mut, Ehre und Treue propagieren. Sodom und Berlin ist fast hundert Jahre alt – und liest sich manchmal dennoch wie eine Beschreibung dieser zügellosen Metropole.

Yvan Goll
Sodom und Berlin
Aus dem Französischen von Gerhard Meier
Manesse Verlag, 2021
Gebunden, 192 Seiten, 20 Euro