Sonnenschein satt: Mein Logbuch zur Leipziger Buchmesse

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Was machen Blogger*innen eigentlich den ganzen Tag auf der Buchmesse? Ich hab wieder, klar, Buch geführt – hier kommt mein Logbuch zur #lbm19!

Donnerstag, 21. März 

8.30 Uhr
Ein wenig verschlafen, doch auch voller Vorfreude steige ich in den ICE nach Leipzig. Groß einrichten brauche ich mich gar nicht, denn die Fahrt zur Messe dauert gerade mal anderthalb Stunden. Das WLan funktioniert nicht, das kenne ich schon – aber so habe ich Zeit, noch einmal in Ruhe meine Termine für die kommenden Tage durchzugehen.

10.15 Uhr, Pressebereich
Habe ich mal erwähnt, dass ich den Pressebereich in der Leipziger Messe sehr liebe, weil es dort urgemütliche Lounge-Chairs gibt sowie kostenlosen Kaffee? (Das mit dem Kaffee erzähle ich offenbar immer wieder, tut mir leid, aber es scheint mich nachhaltig zu beeindrucken…) Ich genehmige mir ein Tässchen und versuche währenddessen, mich ins WLan einzuloggen – wie im ICE erstmal vergeblich. In diesem Jahr gibt es keinen eigenen Zugang für den Pressebereich, nur ein Netz für die gesamte Messe; was einerseits toll ist, weil man so auch in den Hallen Empfang hat, was aber andererseits ziemlich ärgerlich ist: ohne Internetzugang ist Arbeit nur eingeschränkt möglich.

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11 Uhr, Halle 4
Erstmal einen Überblick verschaffen. Meinen ersten Termin habe ich am Nachmittag, so dass viel Zeit bleibt, um neue Verlage und Bücher zu entdecken. Zunächst laufe ich zu einer Veranstaltung, bei der die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik vorgestellt werden. Darunter ist auch Anke Stelling, eine Autorin, die aus und über den Prenzlauer Berg schreibt und für mich als Lokaljournalistin besonders spannend ist. Ich nehme mir vor, später beim Verbrecher Verlag vorbeizuschauen und nach Buch und Interviewtermin zu fragen.

11.30 Uhr, Halle 4
Wenn man mich fragt, was ich gerne lese, antworte ich immer etwas vage – ich kann es nur auf ‚gehobene Belletristik‘ einengen – aber wenn sich ein Buch um Berlin dreht, hat es sofort meine Aufmerksamkeit. So bleibe ich an dem kleinen Stand des eta Verlags und dem Buch Berliner Fenster hängen: Petya Lund hat den Verlag, der sich auf Literatur aus Südosteuropa spezialisiert hat, als Ein-Frau-Unternehmen gegründet – und zwar gleich bei mir um die Ecke im Prenzlauer Berg. Was für ein schöner Zufall, habe ich doch gerade bei den Prenzlauer Berg Nachrichten die Reihe „Famose Frauen aus Prenzlauer Berg“ ins Leben gerufen. Wir verabreden uns für einen Kaffee und ein Interview nach der Messe.

12 Uhr, Halle 5
Obwohl ich eine neue Brille habe, laufe ich offensichtlich derart verträumt über die Messe, dass mir die Leute sprichwörtlich vor die Nase springen müssen, damit ich sie bemerke. Spazierte ich bis vor einigen Jahren noch weitestgehend alleine über die Buchmessen, hat sich mittlerweile eine feste „Bücherclique“ gebildet und gibt mir ein Gefühl, auf einem Klassentreffen zu sein: Ich treffe Linus von Buzzaldrins Bücher, Maria aus dem Ocelot, Ilke von Buchgeschichten, Marius von Buch-Haltung, Anne von fuxbooks, Tobias von Buchrevier und Ilja von Muromez.

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13.30 Uhr, Pressebereich
Noch eine Tradition, die sich in den letzten Jahren etabliert hat: Zwei Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat bilden mein Mittagessen im Pressebereich. Hier ist es angenehm ruhig, ich kann einen Moment durchatmen und über die diesjährige Messe nachdenken. So viele Unkenrufe gab es in letzter Zeit: Der Buchbranche gehe es schlecht, die Verkäufe sänken, es werde weniger gelesen und dann ist da noch die dramatische Sache mit KNV (der Firma bin ich übrigens persönlich sehr verbunden, denn mein Vater hat 30 Jahre dort gearbeitet). Doch in den Hallen herrscht optimistische Stimmung und Fröhlichkeit, die Summe der Neuerscheinungen wird vom Gefühl her immer größer. Krise, welche Krise?

15 Uhr, Kiepenheuer & Witsch
Mit Ulrike vom KiWi Verlag spreche ich über das kommende Programm im Herbst 2019 – es werden einige gute Bücher dabei sein, sowohl im Bereich Belletristik als auch bei den Sachbüchern. Aber das bin ich von KiWi, dem ich mich als Kölnerin heimatlich verbunden fühle, schon immer gewohnt! Abgesehen vom Herbstprogramm reizt mich auch das Frühjahrsprogramm: Ich nehme Wohin wir gehen von Peggy Mädler und Die Unscheinbaren von Dirk Brauns mit (beide erschienen im Galiani Verlag, der zu Kiepenheuer & Witsch gehört).

16 Uhr, Glashalle
Endlich: Es wird verkündet, wer den Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung gewonnen hat – und Anke Stelling macht tatsächlich das Rennen mit Schäfchen im Trockenen! Mit dem Interviewtermin wird es jetzt wohl erstmal schwierig, denke ich und freue mich gleichzeitig total, dass mit dem Verbrecher Verlag ein unabhängiger Verlag gewonnen hat!

18 Uhr, R10, Tropen Verlag Bloggeressen
Noch so eine lieb gewonnene Tradition: Klett-Cotta bzw. der Tropen Verlag laden zum alljährlichen Blogger-Essen ein, bei dem es nicht nur gutes Essen, sondern auch mehrere Lesungen von hauseigenen Autor*innen gibt. Der erste kühle Crémant des Tages schmeckt ganz ausgezeichnet, ebenso wie die ausgefallenen Vorspeisen und der sündhafte Schokokuchen, der zum Nachtisch gereicht wird (und aus mindestens fünf Tafeln Schokolade besteht – pro Stück!). Die Hauptspeise lasse ich aus, damit noch Platz ist für die Tapas beim Suhrkamp-Empfang später – First world problems, mit dem man sich in dieser Branche herumschlagen muss…

20 Uhr, Restaurant Madrid, Suhrkamp-Empfang
Am Eingang des Restaurants begrüßt mich die lebensgroße Skulptur eines Stieres, der pinkelt und so zu einem Brunnen wird – interessant! Die Stimmung ist zurückhaltend-ausgelassen, wenn man das so beschreiben kann; wir trinken guten Weißwein und laben uns an dem umfangreichen Tapas-Menü. Und reden über Literatur, natürlich: Wer hat Die Frau im Dunkeln von Elena Ferrante gelesen, wer ist überhaupt vom Ferrante-Fieber infiziert (ich nicht)? Welche Bücher aus dem aktuellen Programm des Verlags darf man nicht verpassen? „Ich habe an eurem Stand ein Buch entdeckt, was ich unbedingt lesen möchte, weiß aber den Titel nicht mehr – nur, dass es ganz links in der Ecke stand“, erzähle ich Demian und muss an den Buchhändler-Witz denken: „Ich kann mich nicht mehr an Autor und Titel erinnern, aber das Cover war grün!“. (Spoiler: Am nächsten Tag lösen wir das Rätsel, es war Die Glocke im See von Lars Mytting)

23 Uhr, Café Kapital, Tropen-Party
Es führt kein Weg vorbei an der letzten Station jedes Buchmessen-Donnerstags: Auf der Tropenparty im bau bau, das offensichtlich jetzt „Kapital“ heißt, sind alle. Auch dies schon eine Tradition, es ist eng, laut, heiß, aber die Musik ist ziemlich gut (The Cure! Talking Heads!). Hier kann ich endlich meine Freundin Marie in Empfang nehmen, die in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt eine Buchmesse besucht – ich halte die Tropen-Party für einen guten Einstieg in die Gepflogenheiten dieser Branche. Der ganze Alkohol tut langsam seine Pflicht, ich werde müde und so bekomme ich nicht mit, dass Bela B. ein paar Mal an mir vorbeiläuft.

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Freitag, 22. März

9.30 Uhr, Leipzig-Zentrum
Aufwachen am Messe-Freitag ist nie einfach – auch das kenne ich aber schon. Ich schlucke eine Schmerztablette und lasse mich nochmal in die Kissen fallen. Zum Glück liegt der erste Termin erst auf 11.30 Uhr. Wir frühstücken in einer Bäckerei, auf deren Eingangstür „Der Brotagonist“ steht, was ich ganz niedlich finde.

11.30 Uhr, Frankfurter Verlagsanstalt
Und wie schaut es aus mit dem Herbstprogramm in der Frankfurter Verlagsanstalt? Anne gibt uns einen kleinen Überblick, auch auf den Spitzentitel: Das Licht ist hier viel heller heißt der zweite Roman von Blogger-Kollegin Mareike Fallwickl, die im letzten Jahr alle mit ihrem Debüt Dunkelgrün fast Schwarz begeisterte. Ich blättere auch ein wenig durch den Spitzentitel des Frühjahrs Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat und freue mich auf die Wohnzimmerlesung mit dem Autor Demian Lienhardt am Abend. Vor der Flut von Corinna T. Sievers fasziniert mich allein vom Klappentext her so sehr, dass ich es mitnehme.

12 Uhr, Congress-Centrum
„Nein, bitte jetzt noch keinen Wein!“ KiWi lädt zum Bloggertreffen mit Autorin Vea Kaiser, die nicht nur ihren neuen Roman Rückwärtswalzer vorstellt, sondern auch Wein und allerlei österreichische Spezialitäten mitgebracht hat. Die eloquente Frau mit den langen braunen Haaren und dem Turban erzählt und erzählt und erzählt aus ihrem Leben und ihrem Buch, das kann man nur charmant finden!

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14 Uhr, Matthes & Seitz
Quatsch-Termin mit Matthes & Seitz. Zwar sitzen auch wir in Berlin um die Ecke voneinander, doch ist die Messe immer ein guter Anlass, um sich ein bisschen zu unterhalten. Ich warte schon gespannt auf das Hütten-Buch von Petra Ahne sowie auf Der große Garten von Lola Randl (in deren großem Garten in der Uckermark ich letzten Sommer Kaffee trank und Kuchen mümmelte) und bin auch sonst fasziniert vom aktuellen Frühjahrsprogramm – das scheint mir auf dieser Messe mit vielen Verlagen so zu gehen! Und ich bewundere Benjamin, der bis zum Morgengrauen auf der Tropenparty getanzt hat und jetzt hellwach und motiviert am Stand steht und plaudert, während meine Augenringe nur bedingt der Schwerkraft trotzen.

14.30 Uhr, Freigelände
Ich kann es dieses Jahr gar nicht oft genug wiederholen: Geiles Wetter! Während die Buchmesse 2018 überraschend in Schneemassen versank, sitzen wir an diesem Nachmittag mit Kaffee und Büchern bei 19 Grad am kleinen See zwischen den Hallen und bekakeln unsere privaten Buchprojekte.

17 Uhr, Rowohlt Verlag
Bei Rowohlt gibt es Würsten mit Ketchup und ein Gespräch mit Carolin, die für die Sparte Belletristik zuständig ist. Ein guter Zeitpunkt, um sich persönlich zu bedanken: Im Dezember fischte ich Rowohlt’sche Überraschungspost aus dem Briefkasten – und mit Der traurige Gast von Michael Nawrat hatten sie tatsächlich einen Volltreffer gelandet (die Rezension folgt bald!).

17.30 Uhr, S. Fischer Verlag
Einmal über den Gang rüber zum S. Fischer Verlag, wo ich leuchtende Augen bekomme: Im Oktober erscheint ein neuer Roman von Ulrich Tukur! Tukur, den mag ich sehr, sei es als verschrobener Tatort-Kommissar oder als Autor von Die Spieluhr. Bei ihm wird es immer etwas mystisch, rätselhaft und verrückt und so klingt auch die Beschreibung seines neuen Buches. Ich trinke den ersten Sekt des Tages (die Schmerztablette hat mittlerweile gewirkt) und nehme den Roman Enteignung von Reinhard Kaiser-Mühlecker mit, ebenso wie Kurt von Sarah Kuttner, von dem alle schwärmen.

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19.30 Uhr, Leipzig-Zentrum
Wir sollten genau JETZT bei Hannes in der Dachgeschosswohnung sein, wo die Lesung mit Demian Lienhardt stattfindet. Stattdessen steigen wir aus Versehen in die falsche Tram, die eigentlich die richtige ist, aber in die andere Richtung fährt und stehen verwirrt am Goerdelerring rum. Als wir mit einer Verspätung von fast einer halben Stunde das grüne Treppenhaus der Villa hinaufsteigen und uns – zu sechst – leise hineinschleichen wollen, werden wir freudig begrüßt: Man hatte tatsächlich auf uns gewartet! „Die Influencer sind jetzt da, wir können anfangen“, scherzt Kaffeehaussitzer Uwe, der den Abend moderiert. Demian Lienhardt ist ein wahnsinnig guter Sprecher und macht große Lust, seinen Debütroman Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, zu lesen – trotz mehreren Themen, die keine leichte Kost sind. Aber leichte Kost ist, literarisch gesehen, ja sowieso nichts für mich, oder?

22 Uhr, Party der jungen Verlage
Bevor wir alle übermüdet schlapp machen, fahren wir lieber los Richtung Südvorstadt, wo die Party der jungen Verlage stattfindet. Das „Institut für Zukunft“ mit der sprechenden Adresse „An den Tierkliniken“ ist ein altes, über und über gekacheltes Industriegebäude, in dem sonst Technoparties veranstaltet werden – später erfahre ich, dass es „das Berghain von Leipzig“ ist. An der Tür müssen wir unsere Kameras abgeben und werden von den Mitarbeitern darüber informiert, dass wir jederzeit zu ihnen kommen können, wenn wir uns in irgendeiner Form belästigt oder bedroht fühlen. Einen Hinweis, den ich ziemlich toll finde, der aber irgendwie nicht zu der fluffigen Atmosphäre passt, die die Buchbranche normalerweise auszeichnet. Und weil wir so viel über Traditionen geredet haben in diesen Tagen: Der DJ, auch das gehört fast schon dazu, ist der gleiche wie in den letzten Jahren und hat es noch immer nicht gelernt, wie man Musikstücke vernünftig ineinander mischt oder so auswählt, dass die Partymeute mit dem Tanzen gar nicht mehr aufhören kann…

Tatsächlich endet hier die Messezeit schon wieder, mit einem lachenden und einen weinenden Auge und der (nicht neuen) Erkenntnis: Buchbranche, beste Branche!

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