Spaziergangeschichten II

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Berlin, dieser pulsierende Schmelztiegel voller gestrandeter Existenzen, zerplatzter Träume, Selbstverwirklichungsdrang und ein bisschen Bohème. Hier liegen die Geschichten auf der Straße. Ich halte ein paar von ihnen fest.

Nächster Halt: Hausvogteiplatz

Die U2 ist die längste U-Bahn-Linie in Berlin, sie fährt von Pankow bis nach Ruhleben an zahlreichen Stationen vorbei, die Fahrt dauert rund eine Stunde. Meist in den Abendstunden, wenn die Waggons der Schmalspurbahn mit Reisenden aus allen Nähten platzen, fährt ein Mann mit, der sich selbst mit einer Zugansage verwechselt.

Gekleidet in einen sackartigen, hellgelben Parka steht er an einem der Ausgänge und sagt mit absoluter Genauigkeit – besonders was die Tonart der Computerstimme angeht – die kommende Haltestelle an. Mit stolzem Selbstbewusstsein über sein Wissen weiß er sogar die diversen Umsteigemöglichkeiten zu verkünden: „Nächster Halt: Alexanderplatz. Umsteigemöglichkeiten zur U5, zur U8, zur S-Bahn mit Verbindung zum Hauptbahnhof, zur Metro Tram, zum MetroBus und Busverbindung zum Flughafen Tegel“.

Seine Ansagen werden ergänzt durch Kommentare über das Geschehen in den überfüllten Waggons – „Der Herr mit dem roten Pulli sollte besser nicht so nah an die Dame in Blau heranrücken!“, was nicht selten zu peinlich berührten Blicken führt. Ertappt! Hält er einen der Passagiere für besonders sympathisch, so zückt er ein kleines Büchlein und bittet diesen, sein Sternzeichen auf einen Zettel zu schreiben: „Bitte einmal auf dieser Seite und dann noch einmal auf der Rückseite!“. „S-C-H-Ü-T-Z-E“ schreibe ich in großen Lettern auf das Blatt Papier. „Sie sind Schütze, wie schön!“. Am Potsdamer Platz steige ich aus. Er wird noch bis Ruhleben weiterfahren und die Stationen ansagen.

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„Wenn der Chef kommt, haltet ihr die Klappe!“

U8 Richtung Wittenau. Ein Mann Ende 30, sportlich gekleidet, graue Wollmütze auf dem Kopf, erklärt seinem Bekannten seine Prinzipien und tropft dabei nur so vor Selbstgerechtigkeit:

„Da sag ich meinen Mitarbeitern, also die, die für mich arbeiten: Wenn der Chef kommt, haltet ihr die Klappe. Haltet einfach die Klappe! Kommt der Chef, geht doch einer von meinen Mitarbeitern zu dem hin und sagt: ‚Sie haben da einen Fussel am Ärmel!‘ – Da hab ich den erstmal angebrüllt, was der sich dabei denkt, mit dem zu reden! Das hat mich gleich wieder 500 Euro gekostet!
Aber weißt du, Geld ist mir eigentlich gar nicht wichtig. Wirklich wichtig ist mir Zeit: Mozart, Vivaldi und so. Mit meiner Tochter Haselnüsse sammeln gehen. Wenn dann jemand anruft sag ich: Du kannst mich mal am Arsch lecken!!“

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„Ich bin gleich Kotti..!“

Freitagabend, 23.30 Uhr, Haltestelle Warschauer Straße. Ich sitze im hintersten Waggon der U1 und warte darauf, dass sich der ruckelnde Wagen endlich über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg bewegt – draußen sind es Minusgrade und auch in der Bahn ist es nicht viel wärmer. Neben mich auf das pink gemusterte Polster setzt sich ein älterer Mann, tief vergraben in einen großen Umhang, der an einen Zauberer erinnert, auch der Hut und die wilde Haarmähne wirken so. Sein Gesicht ist nicht erkennbar, den Kopf trägt er im 90-Grad-Winkel nach unten gekippt, was unbequem aussieht. Seine schmutzigen Finger sind mit Ringen behängt, unter dem linken Arm trägt er einen Stapel Bücher – die Titel drehen sich fast alle um das Thema „Magie“.

Ich mache mich auf einen Schwall üblen Geruchs bereit, doch der Mann riecht nicht unangenehm. Aus den Augenwinkeln beobachte ich ihn in seiner gekrümmten Haltung, bis ich auf einmal den Grund für diese bemerke: Er starrt offenbar schon die ganze Zeit auf sein Smartphone. Dieses klingelt dann auch sogleich – ein Fingertippen und der Pseudo-Zauberer schreit in die nicht vorhandene Ohrmuschel: „Ich bin jetzt Warschauer Richtung Kotti, wo bist du? KOTTI! ICH BIN GLEICH KOTTI!!“

Hier geht es zu den Spazierganggeschichten Teil I